Du willst, dass deine Freundin ihr Instagram-Profil löscht? Du findest, echte Männer sollen sich zusammenreißen und keine Pussy sein? Du glaubst, dir fehlt nur das richtige Mindset, um endlich deine Ziele zu erreichen, Geld zu verdienen und eine Freundin zu finden?
Dann bist du vielleicht in der Manosphere gelandet. Diesem Bereich im Internet, in dem maskulinistische und anti-feministische Ansichten verbreitet werden, mit berühmten Vertretern wie Jordan Peterson oder Andrew Tate.
Dort werden Jungs und Männer gezielt radikalisiert, manchmal aus politischen Motiven, manchmal aus finanziellen Gründen. Zum Beispiel sollen sie in Pyramidensysteme einsteigen und sich so „Erfolg” kaufen. Oder Fitness-Drinks oder Dating-Coach-Seminare. Andere Content Creator*innen bauen sich ein Weltbild aus diesen Videos und imitieren so den Content in der Hoffnung auf Aufmerksamkeit und vielleicht ein bisschen Ruhm.
Das hat fatale Konsequenzen für sie und andere. Laut Bundeskriminalamt sind die Zahlen in allen Bereichen der geschlechtsspezifischen Gewalt gestiegen. Im Jahr 2023 gab es fast jeden Tag einen Femizid in Deutschland: 360 vollendete Tötungsdelikte innerhalb von 365 Tagen. Und auch bei Terroranschlägen ist Maskulinismus, also radikalisiertes männliches Anspruchsdenken, häufig ein Nebenmotiv.
Doch wo beginnt die Radikalisierung und wie kann man sie am besten unterbrechen?
In unserem Projekt „MYKE – Hacking the Manosphere“ haben wir uns diese Fragen gestellt und uns mit einer künstlerischen Intervention in die Manosphere gewagt.
Radikalisierung ist kein einmaliges Event
Nach langer Recherche und vielen Expert*innen-Gesprächen haben wir eine Strategie entwickelt, mit der wir Jungen und junge Männer zwischen 18 und 24 Jahren auf TikTok erreichen können. Unsere Zielgruppe befindet sich an einem Wendepunkt im Leben, zum Beispiel dem Auszug vom Elternhaus, vielleicht sogar in eine andere Stadt, dem Beginn einer Ausbildung, eines Studiums, einer Arbeit. Sie ist daher besonders anfällig. Vielleicht sind diese Menschen öfter einsam, müssen viel Neues verarbeiten und suchen Halt und Unterstützung im Internet.
Da Radikalisierung kein einmaliges Event ist, sondern ein monate- oder jahrelanger Prozess, muss es möglich sein, durch gezielte Ansprache diesen Prozess zu unterbrechen oder umzulenken.
In unserer Vorstellung ist jedes Video, das Menschen in diesem Prozess in verschiedenen Echokammern begegnet, ein kleiner Impuls – ein Mikroimpuls. Und es ist dann die Masse an Mikroimpulsen, die nach und nach über einen längeren Zeitraum das gesamte Weltbild verschiebt.
Was aber, wenn im Strudel dieser Videos plötzlich andere Inhalte stecken? Was, wenn diese Videos zu Empathie oder Selbstliebe ermutigen und zeigen, wie man das lernen kann? Das wären ja ganz andere Mikroimpulse.
Die Codes von Andrew Tate und Co. knacken
Das war die Idee hinter MYKE. Wir haben uns die Ästhetik und die Sprache, die Musik dieser Manosphere-Videos abgeschaut und sie bewusst genutzt, um unserer Zielgruppe zu zeigen, dass wir sie meinen. Wir haben zum Beispiel den Typ “Coach” oder “großer Bruder” imitiert und den Kanal @alex.new.mindset geschaffen. Dort sieht man einen Mann vor neutralem Hintergrund, immer im schwarzen Hoodie.
Er spricht frontal in die Kamera und ist sehr eindringlich, manchmal schreit er sogar sein Publikum an. Aber statt hart zu bleiben, lernt man bei Alex einen achtsamen Umgang mit den eigenen Gefühlen und auch den Gefühlen anderer Menschen. Man lernt, mit seinen Freunden echte Gespräche über Gefühle zu führen oder warum es gut ist zu weinen.
Außerdem gab es die Kanäle @donk507 und @wohin_von_hier. Auf diesen drei Kanälen haben wir im Sommer 2024 drei Monate lang Videos gepostet, Kommentarspalten betreut und private Nachrichten beantwortet und dafür insgesamt fast vier Millionen Views, über 170.000 Likes und über 4000 Kommentare bekommen.
Der Aufwand dafür war recht groß, wir haben als kleines Team die Inhalte recherchiert, geschrieben und mit drei Schauspielern die Aufnahmen gemacht. Dann kam noch der Schnitt und in manchen Fällen noch die Audiobearbeitung. Immer haben mindestens zwei Personen über die Videos geschaut. Auch die Betreuung der Kanäle gehörte zu unseren Aufgaben, was gegen Ende aufwändiger wurde, weil die Reichweite wuchs und damit die Anzahl der Interaktionen anstieg.
Zusätzlich zu Stil und Rhetorik haben wir auch bezahlte Reichweite als Tool genutzt. Wir haben also TikTok dafür bezahlt, dass unsere Videos bei Menschen aus unserer Zielgruppe angezeigt wurden. Das war deswegen notwendig, weil unser Projekt erstmal eine Art Testphase unseres künstlerischen Ansatzes darstellte und deshalb nur auf drei Monate angelegt war. Wir mussten schnell wachsen, um rauszufinden, ob unsere Videos bei der Zielgruppe resonanzfähig sind.
Die Manosphere hat einen Ausgang
Und das waren sie. Wir haben es geschafft, mit Menschen in einen Austausch zu kommen, die wir vorher nie erreicht hätten. Und waren damit effektiv. Hier einige der Kommentare, die wir bekommen haben:
- „Hate zwar vorprogrammiert, aber bin Junge und musste fast weinen als ich das hörte. Er hat das zusammengefasst, über was ich stundenlang nachgedacht habe.“
- „Weil Männer klein gemacht werden, wenn sie ihre Gefühle zeigen und als kein mann anerkannt werden“
- „Starkes Statement. Ich hat’s gefühlt. Denn ich bin auch $uizidgefährdet. Hab’s sogar schon versucht. Wen hat’s gejuckt? (Bin ein typ, also weiß man wen es gejuckt hat. Niemanden.)“
- „Aber deine Videos sind extrem geil und mach weiter so deine Videos bringen mich zum Nachdenken und mann kann auch mit Leuten diskutieren“
- „Du hast meine Einstellung und Gedanken über mich selbst verändert, danke für die Motivation“
