Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
14.01.2021
7 Min. Lesedauer
Claudia Wallner
In Veröffentlichungen

„Ey Praline, brauchst du ne Füllung?“ – Was Jugendliche im Gendermagazin „meinTestgelände“ über Sexualität sagen

Versexte Jugend, pornosüchtig: Jede Jugendgeneration wird als “die schlimmste aller Zeiten” bezeichnet. Jugendliche selbst sehen das anders.

Veröffentlichung: Wallner, Claudia (2020): „‘Ey Praline, brauchst du ne Füllung?’“ – Was Jugendliche im Gendermagazin ‚meinTestgelände‘ über Sexualität sagen‘.“ In: ajs informationen 2020 (1), S.23-26. https://www.ajs-bw.de/media/files/ajs-info/2015_21/ajs-info_1_2020_web.pdf

Felicitas: sprich drüber, das macht den Sex besser

Felicitas Friedrich ist vielseitig interessiert und engagiert mit ihren 25 Jahren, u. a. studiert sie Theaterwissenschaften, ist Poetry Slamerin, die häufig über weibliche Sexualität slamt und organisiert Partys, auf denen Sexspielzeug verkauft wird. Sie hat sich für das Format Couch Plausch[1] auf meinTestgelände.de zum Thema weibliche Sexualität interviewen lassen. Als junge Frau öffentlich über (weibliche) Sexualität zu sprechen, berichtet sie, würde nicht nur positive Reaktionen hervorrufen. Am häufigsten hört sie, dass Frauen zwar Sex haben, nicht aber öffentlich darüber sprechen sollten. Genau deshalb spricht sie auf Bühnen und im Netz darüber. Im Couchplausch berichtet sie, dass ihr 15jähriges Ich noch dachte, wenn der „Richtige“ kommt, dann wird der schon wissen was er tut. Heute, 10 Jahre später, würde sie ihrem damaligen Ich empfehlen: kommuniziere mit deinem Partner, sonst bekommst du nicht, was du brauchst. „Können Männer besser über Sexualität sprechen als Frauen“, fragt Mare, eine der Moderator*innen von Couch Plauschs. Wenn es um sensible, zärtliche Themen geht, so meint sie, falle es Männern, auch untereinander, schwer, über ihre Sexualität zu sprechen. Unter Männern wird oft geprahlt, berichtet Dany, der zweite Couch Plausch Moderator. Das sei aber oft nur, wer, wie oft und wann? Wenn junge Frauen sich nicht trauen zu sprechen, und junge Männer denken, sie müssten Kerben sammeln, dann kann sich die Magie nicht entwickeln und das ist sehr schade, resümieren die Drei.

Memo: Nicht mal sprechen ist erlaubt – wo bleibt da die Freiheit?

„Als Mann lebst du es nach Lust und Laune aus, es ist alles gut,
wenn du es heimlich tust!

Als Frau schaust du nur drauf,
du bist Verdorben und man nutzt es oft nur aus.
Wichtig ist die Sexualität! Doch wer bringt sie dir bei? Geht das so leicht?
Es fühlt sich an wie ein innerlicher Schrei…

Du wächst heran und kommst in die Pubertät, du hast keinen zum Reden und keinen, der dir etwas erzählt.
Alleine stehst du geplagt von Schuldgefühlen. Du darfst nicht lieben,
es wurde für dich so entschieden,
tatest du es doch, wurdest du gemieden.
Ich frage mich, warum wurde Sexualität so verteufelt, warum durfte man nicht darüber sprechen?
ist es nicht normal und angeboren?

Die eigene Sexualität darf man nicht verbergen, das gehört nämlich zu unserer Persönlichkeit,
vielmehr sollten wir diesen natürlichen Drang nach Aufklärung versuchen best möglichst zu stillen.
Dies ist ein wichtiger Schritt im Streben nach unserer eigenen Freiheit…“

Memo hat diesen Text für meinTestgelände geschrieben[2]. Sexualität, so beklagt er als Ich-Erzähler, wurde ihm schon als Kind als etwas Unreines näher gebracht: „Was macht es mit uns wenn wir keine Liebe sehen und spüren dürfen, wenn alles geprägt ist mit Schuld und Vorwürfen?“ fragt er und formuliert seine Verzweiflung, dass etwas, was schön und natürlich ist, so tabuisiert wird, dass es schwer wird, einen positiven Zugang zu finden. Das Leben ist davon beeinflusst, welchen Zugang zu Sexualität die Familie ihren Kindern eröffnen oder eben nicht.

Jugendliche Sexualität ist nur in engen Grenzen nicht tabuisiert

Was wird nicht alles über jugendliche Sexualität geschrieben. Viele Medien überschlagen sich seit Jahren mit Behauptungen, dass die heutige Jugend sich von öffentlich zugänglichen Pornos „ernährt“, hypersexualisiert daher kommt, kaum mehr Sex, Partnerschaft und Liebe miteinander in Verbindung bringt und überhaupt reichlich „verdorben“ ist. Das sind mediale, erwachsene Bewertungen jugendlicher Sexualität, die jede Generation von Jugendlichen trifft. Trotzdem heißt es auch aktuell wieder, dies sei die Jugendgeneration, die sexuell so aus dem Ruder laufe wie noch keine bevor. Auch das heißt es über jede neue Jugendgeneration, ganz abgesehen davon, dass das wie immer nicht stimmt[3]. Was aber stimmt, ist, dass Sexualität für Jugendliche auch heute noch vielen Tabus und (gewalttätigen) Bewertungen von außen unterliegt und dass die Probleme, die Jugendliche im Kontext des Entdeckens und Auslebens ihrer Sexualitäten haben, oftmals genau mit diesen Bewertungen zu tun haben.

Für meinTestgelände produzieren Jugendliche oder Gruppen Beiträge oder sie entstehen in anderen Kontexten und werden meinTestglände zur Veröffentlichung angeboten. Die Videos, Audios und Texte werden nicht überarbeitet, sie sind original das, was Jugendliche zu sagen haben. Die Vorgabe ist nur, dass die Beiträge etwas mit Geschlecht/ern, Geschlechterverhältnissen oder Liebensweisen zu tun haben müssen. Weit über 700 Beiträge stehen inzwischen online und Sexualität ist eines der Themen, mit denen Jugendliche sich beschäftigen. Dabei kristallisieren sich zwei Schwerpunkte heraus:

Alles außer Heterosexualität:

Homosexuell oder bisexuell zu lieben macht für viele Jugendliche auch heute noch erhebliche Probleme durch ihr Umfeld, was sich dann auch auf das Wohlbefinden der Jugendlichen selbst auswirkt: schwul zu lieben scheint dabei noch tabuisierter und mit aggressiveren Reaktionen behaftet zu sein als lesbisch zu lieben. Bisexualität wird noch stärker verschwiegen und scheint damit noch tabuisierter zu sein als Homosexualität. Jungen* berichten darüber, wie sie beschimpft, geschlagen, missachtet oder verstoßen werden, nur weil sie andere Jungen* begehren. Sexualität und ein gutes Gefühl zum eigenen Körper und Begehren erscheinen so sehr schwer:

Sven Hensel[4]: ich bin der Elefant im Raum

„Meine Eltern konnten mit mir nie über meinen Sex reden, weil sie ihn, wie alles andere auch, unter den Teppich kehrten, neben die Bierscherben, neben meine Identität, neben meine Liebe und neben das böse sch… Wort. … Ich wünschte, meine Eltern hätten mit mir über meinen Sex gesprochen. … Es wäre nicht darum gegangen, mir ein Lebensziel aufzudrängen sondern darum, dass ich auf mich aufpasse: mein Körper ist ein Geschenk, meine Eltern haben ihn selber gemacht und ich soll nicht einfach jeden daher gelaufenen Tunichtgut nichts Gutes mit mir tun lassen. Ich wünschte, sie hätten mich willkommen geheißen…“

Mädchen* berichten auf meinTestgelände über weniger gewalttätige Reaktionen, wenn sie sich als lesbisch liebend outen. Sarah erzählt[5], wie sie ihrer Mutter mit 12 Jahren erzählt hat, dass sie lesbisch ist und nicht wollte, dass ihr Vater das erfährt. Ihre Mutter erzählte es trotzdem und Sarah berichtet, dass auch das vollkommen in Ordnung war. Danach sei sie frei durchs Leben gelaufen, auch, wenn sie in dem Dorf, in dem sie aktuell ihre Ausbildung macht, auch angestarrt wird. Lesbisch zu sein wird auf meinTestgelände auch nicht so häufig thematisiert wie Schwulsein. Es wäre interessant herauszufinden, woran das liegen könnte und ob Lesbischsein tatsächlich im Jugendalter anerkannter und weniger tabuisiert ist.

Sexualität und Gewalt

Was das Thema sexualisierte Gewalt angeht, sind Mädchen* deutlich aktiver mit Beiträgen als Jungen*, was ein deutliches Anzeichen dafür ist, dass sie mehr betroffen sind. Überhaupt ist das Thema Gewalt im Kontext von Sexualität eines, was Jugendliche sehr häufig bearbeiten: der eigene Körper als Objekt sexualisierter Übergriffe, Angriffe und Pöbeleien

Fee[6]: das elfte Gebot – du sollst nicht vergewaltigen – hat es nicht in den Verhaltenskodex geschafft

Was wir sind:
Schlampen. Billige Nutten. Huren. Sünderinnen. Eiskalte Verführerinnen.
oder:
Kinder. Prüde Nonnen. Unreife Früchte. Frustrierte Lesben. Hässlich.

Am Anfang war die Nacktheit,
dann hat Eva den verdammten Apfel gegessen.
Selber schuld.
Seitdem teilen wir uns in Huren oder Heilige,
unsere Körper gehören nicht uns.

Unsere Röcke sind zu kurz, Ladies.
Wir verdienen es nicht besser.
Unsere Jeans sind zu eng, meine Damen.
Wir wollen es nicht anders.
Unsere Ausschnitte sind zu tief, Mädels.
Wir lassen den Tätern keine Wahl.

Das elfte Gebot: Du sollst ganz einfach nicht vergewaltigen.
Hat es leider nicht in den Verhaltenskodex geschafft.
Dafür ein Lexikon für Kleidung der Frauen,
denn Kleider machen Dirnen.
Und mit allem, was wir tragen, sagen wir etwas aus.
Genauer: Wir sagen: Du darfst!
Frauen meinen eh nie, was sie sagen,
Kein Grund auf ein Nein zu hören.
Woher sollte er es denn wissen?“

Viele Mädchen* berichten auf vielfältige und oft kaum zu ertragende Weisen über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt[7]: vom Anfassen über das Bedrängen und Taxieren auf der Straße, in der Schule, im Jugendhaus, einfach wo sie gehen und stehen, bis zu Vergewaltigungen. Im Erleben scheinen für Mädchen* ihre Sexualität und männliche Übergriffe nahezu zusammenzugehören: „Ey Praline, brauchst du ne Füllung?“ In einem Interview berichten junge Frauen, dass sie noch nie eine gute Anmache von jungen Männern erlebt haben, dafür können sie stundenlang über platte oder sexistische Anmachen berichten. Sie lächeln dabei, als sei es ihnen unangenehm oder als würden sie etwas bei sich selbst sehen, dass dies auslöst[8]. Sie empören sich nicht, sie ekeln sich nur und versuchen, sich von solchen Übergriffen fern zu halten.

Jugendliche Sexualität – nicht die Jugendlichen sind das Problem, sondern eine Gesellschaft, die es ihnen schwer macht

Der gesellschaftliche, mediale und oft auch der pädagogische Umgang mit jugendlicher Sexualität scheint für Jugendliche vielfach ein großes Problem zu sein. Wenn Sexualität thematisiert wird, dann oft in Verbindung mit Gefahren wie Geschlechtskrankheiten oder ungewollten Schwangerschaften, kaum aber als positive Lebenskraft, als Energie und Freude. Gleichzeitig werden sie mit Ausgrenzungen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder wenn sie sexualisierte Gewalt erleben oft alleine gelassen. Projekte wie meinTestgelände bieten Jugendlichen eine öffentliche Plattform, ihre Perspektiven sichtbar zu machen und den öffentlichen Bildern entgegen zu setzen. Das Angebot wird auf vielfältige Weise angenommen, weil es nicht viele Orte für Jugendliche gibt, wo sie zu diesem Thema gehört werden. Jugendliche Sexualität kann sich nur kraftvoll, selbstbewusst und sensibel für das Gegenüber entwickeln, wenn sie enttabuisiert und nicht immer nur mit Problemen verknüpft wird und Jugendlichen Wege und Freiheiten eröffnet werden, sich auszuprobieren und den eigenen Platz zu finden.


[1] der Beitrag wurde auf Wunsch der Autorin inzwischen gelöscht, die Inhalte dürfen weiterhin genutzt werden

[2] https://www.meintestgelaende.de/2018/04/mein-koerper-mein-recht/

[3] Bode, Heidrun, Heßling, Angelika (2015): Jugendsexualit ät 2015. Die Perspektive der 14- bis 25-Jährigen. Ergebnisse einer aktuellen Repräsentativen Wiederholungsbefragung. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln

[4] https://www.meintestgelaende.de/2019/05/pizza-margherita-2/

[5] https://www.meintestgelaende.de/2016/05/sarah-ist-lesbisch/

[6] https://www.meintestgelaende.de/2015/07/von-hier-an-nackt/

[7] https://www.meintestgelaende.de/2019/09/celine-es-war-2011/

[8] https://www.meintestgelaende.de/2016/10/ey-praline/

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