Interview mit der Autorin
Du hast aktuell auf deinen Social Media Kanälen „Marie Joan“ insgesamt über 2,5 Millionen Follower. Warum gehst du jetzt raus aus der digitalen Welt und rein in die haptische Welt eines Buchs?
Ich gehe gar nicht wirklich raus aus der digitalen Welt. Das Buch ist vielmehr eine Erweiterung und Vertiefung meiner bisherigen Arbeit. Auf Social Media gibt es klare Grenzen: beim Wording, bei den Themen und dabei, wie explizit Inhalte sein dürfen. Deshalb verwende ich dort absichtlich Begriffe wie „Rambazamba“ für Sex oder „VV“ für Vulva.
Sobald bestimmte Wörter in einem Video fallen, besteht die Gefahr, dass die Reichweite eingeschränkt oder der Content gesperrt wird – selbst wenn es um Aufklärung geht.
In einem Buch habe ich dieses Problem nicht. Da kann ich so oft „Sex“ sagen, wie ich will. Außerdem gibt mir das Format die Möglichkeit, Themen ausführlicher und differenzierter zu behandeln. Auf Social Media fehlt dafür häufig der Raum und manchmal auch die Zeit oder Aufmerksamkeitsspanne. Das Buch ist deshalb eine deutliche Vertiefung meines Contents und gleichzeitig noch einmal wesentlich persönlicher: Ich erzähle darin sehr offen von Erfahrungen und Teilen meines Lebens, die sich nicht in ein 60 Sekunden Video pressen lassen.
Hoffst du, dass du andere oder mehr Zielgruppen erreichen kannst mit deinem Buch als mit deinen Social-Media-Kanälen?
Ja, auf jeden Fall. Über Social Media erreiche ich vor allem Menschen, die meine Inhalte ohnehin kennen oder sich bereits mit Themen wie Feminismus, Beziehungen und psychischer Gesundheit beschäftigen. Mit dem Buch hoffe ich, auch Menschen zu erreichen, die mir online bisher nicht folgen. Vielleicht auch andere Altersgruppen oder Personen, die sich in dem Begriff „fatherless behavior“ wiedererkennen, ohne meine Arbeit zu kennen.
Ich hoffe deshalb nicht nur auf eine größere, sondern auch auf eine breitere Zielgruppe und darauf, dass das Buch vielleicht Menschen erreicht, die ihre eigenen Erfahrungen darin zum ersten Mal benennen können.
Kannst du uns aufklären, was es mit dem Titel auf sich hat? Was ist Fatherless Behavior und was hat das mit dir zu tun?
„Fatherless Behavior“ ist ein Begriff, der vor allem online abwertend gegenüber Frauen verwendet wird. Er unterstellt, dass Frauen sich freizügig zeigen, viel männliche Aufmerksamkeit suchen oder schwierige Beziehungen führen, weil ihnen eine Vaterfigur gefehlt hat –
natürlich ohne jegliche wissenschaftliche Evidenz. Dabei wird komplexes Verhalten auf vermeintliche „Daddy Issues“ reduziert und meistens wird die Frau dafür beschämt – nicht der Vater, der nicht da war.
Ich dachte mir also: Warum gebe ich dem Begriff nicht einfach eine neue Bedeutung? Der Titel ist also extra provokant und ironisch gewählt.
Mein eigener Vater war in meinem Leben größtenteils abwesend, und natürlich hat das Spuren hinterlassen. Das tut es bei jedem Menschen – egal ob Mann oder Frau und egal, welches Elternteil. Daraus resultiert aber nicht die „Diagnose: vaterloses Verhalten“. Wenn das so einfach wäre, wären Psychotherapeuten und das ICD-11 überflüssig.
Ich eigne mir mit dem Titel also einen Begriff an, der eigentlich dazu benutzt wird, Frauen abzuwerten. Und das „for Beginners“ spielt ironisch mit der Idee eines Ratgebers: Das Buch ist keine Anleitung zu „Fatherless Behavior“, sondern eher der Versuch, Muster zu verstehen, gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar zu machen und Verantwortung dorthin zurückzugeben, wo sie hingehört.
Aus welcher Perspektive und mit welcher Haltung hast du das Buch geschrieben?
Ich hab das Buch so geschrieben, wie es mein jüngeres Ich und wahrscheinlich viele andere Menschen in ihrer Jugend gebraucht hätten. Trotz der ernsten Themen steckt viel Humor, Selbstironie und einfach Ehrlichkeit drin.
Du bist so etwas wie eine native Speakerin für deine Followerinnen. Wie wichtig ist das, um deine Botschaften an junge Frauen zu bringen?
Sehr wichtig!
Ich rede so, wie ich es auch mit meinen Freundinnen tun würde. Das macht mit Sicherheit einen riesigen Unterschied und viele tabuisierte Themen zugänglicher.
Am Ende sind das nämlich alles Themen, die sehr sehr viele kennen, aber über die kaum jemand spricht, weil unsere Gesellschaft immer noch einen Stock im Arsch hat! 🙂
Du sagst, du hast kein Schamgefühl, wenn es um Themen wie Sexualität, Gewalt oder Grenzen geht. Ist das Teil deines Erfolgsrezeptes, so viele (junge) Menschen zu erreichen?
Das weiß ich nicht, ich hab da keine „Geheimformel“. Ich spreche einfach so, dass ich mich wohlfühle. Dabei hatte ich noch nie ein großes Schamgefühl. Warum auch? Wofür sollte man sich da schämen? Gerade im Kontext von sexueller Gewalt ist Scham ein häufiges Mittel, um Opfern ihre Stimme zu nehmen. So suchen sie die Schuld bei sich oder trauen sich nicht, nach Hilfe zu fragen. Scham ist kein nutzloses Gefühl, aber wird überproportional oft in unserer Gesellschaft angewendet. Deshalb: Nur indem wir anfangen über diese Themen offen zu sprechen, kann sich etwas ändern. Das beginnt beim Thema Sex, hinzu Consent und endet mit sexueller Gewalt. Wer schweigt, kann nichts verändern.
Die Informationen und das Empowerment, das du in deinem Buch vermittelst, waren auch schon Themen der zweiten Frauenbewegung vor 50 Jahren. Warum ist deine Aufklärungsarbeit heute immer noch wichtig?
Weil Gleichberechtigung nicht automatisch erreicht ist, nur weil wir seit einigen Jahrzehnten darüber sprechen. Ohne die vorherigen Frauenbewegungen wären wir heute nicht hier – die waren enorm wichtig. Aber viele alte Rollenbilder und Machtstrukturen begegnen jungen Frauen und Männern heute in neuer Verpackung, besonders auf Social Media. Jugendliche und Eltern stehen heutzutage durch das Internet vor noch nie dagewesenen Herausforderungen.
Deshalb müssen feministische Inhalte immer wieder in die Sprache und Lebensrealität einer neuen Generation übersetzt werden.
Abschließend – um das Ganze vielleicht auch greifbarer zu machen: Frauen sind zwar „auf dem Papier“ gleichberechtigt, aber in der Realität geschieht fast jeden zweiten Tag ein Femizid in Deutschland. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Hast du eine Empfehlung an Pädagog*innen, die zu Sexualität und Beziehungen geschlechtersensibel mit jungen Menschen arbeiten?
Jungen Menschen zuhören, ohne sie zu beschämen oder vorschnell zu bewerten. Geschlechtersensible Aufklärung sollte nicht nur Verhütung erklären, sondern auch Consent, Lust, Grenzen, Machtverhältnisse, sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentität. Entscheidend ist, ihre Lebensrealitäten ernst zu nehmen und mit ihnen statt nur über sie zu sprechen.

