Was hat dich motiviert, junge queere Menschen zu interviewen und daraus ein Buch zu machen?
Ich gebe Schul-Workshops zum Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt – ein Engagement des Vereins ABQ – Vielfalt macht Schulen. In diesen Workshops begegnen mir immer wieder queere Kinder und Jugendliche, auch auf dem Land, die in ihren Klassen zwar out and proud, aber auch isoliert und unverstanden sind. Bei den Erwachsenen im Schulkontext stelle ich eine große Verunsicherung fest, wie sie mit diesen Kids umgehen sollen. Was heisst genau „non-binär“ oder „omnisexuell“? Wie reagieren, wenn „schwul“ auf dem Pausenplatz als Schimpfwort Alltag ist oder ein Kind gemobbt wird? Und ganz grundsätzlich: Warum sind Fragen der Geschlechtsidentität, der sexuellen Orientierung und des Selbstausdrucks für Jugendliche heute ein brennendes Thema? Auf diese Fragen habe ich vor allem bei den Jugendlichen selbst Antworten gesucht. Die 15 Porträts bilden eine große Bandbreite an Lebensrealitäten ab: trans, non-binäre, schwule, lesbische und bisexuelle Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren, auf dem Land oder in der Stadt, POC-Kids und weiße, mit oder ohne Religion aufwachsend.
Dein Buch besteht aus drei Schwerpunkten: den Interviews mit 15 queeren jungen Menschen, drei Interviews mit Fachkräften und einem Gruppeninterview mit 11 der 15 Interviewten zum Buch. Kannst du uns diese Komposition näherbringen?
Oft spricht man über Kinder und Jugendliche anstatt mit ihnen. Gerade trans Kids werden in politischen Debatten instrumentalisiert. Viele, die sich da äußern, kennen die Lebensrealität dieser Kinder nicht. Mich hat darum die Sicht der Betroffenen interessiert. Die Texte sind in der Ich-Form und sehr nah an der Jugendsprache verfasst. So wirken die Porträts direkt und authentisch. Die erwachsenen Fachleute ergänzen die Porträts: Sie fassen die neusten Forschungsergebnisse zur Situation von LGBTQIA+-Jugendlichen zusammen, ziehen Bilanz aus 15 Jahren Beratung von trans Kindern und geben Hinweise, wie Schulen und Jugendtreffs queerfreundlicher werden können. Mir war es jedoch wichtig, dass nicht die Erwachsenen das letzte Wort haben. Darum habe ich den Porträtierten die drei Fachtexte zum Lesen gegeben, und sie konnten sich in einem Gruppeninterview dazu äußern. Eine weitere Ebene sind die Fotos, auf denen die Porträtierten so viel von sich zeigen konnten, wie sie wollten.
Was hat dich bei den Begegnungen mit den Kindern und Jugendlichen besonders berührt?
Ich fand es beeindruckend, wie reflektiert diese jungen Menschen sind – teilweise mit gerade erst 10 Jahren.
Offensichtlich hat die Erkenntnis, anders zu sein als die Mehrheit, sie dazu gebracht, mehr über sich nachzudenken. Erschüttert hat mich, wie oft die Jugendlichen Ausgrenzung und Mobbing erleben. Sie reagieren mit selbstverletzendem Verhalten bis hin zu Suizidalität, einige waren deshalb schon in einer psychiatrischen Klinik.
Ich wusste aus Studien von diesen Realitäten, aber es ist eine andere Erfahrung, das von Kindern selbst erzählt zu bekommen. Erwachsene reagieren oft mit Ohnmacht auf Mobbingsituationen und greifen nicht ein. Dabei wäre eine simple Botschaft an die Opfer zentral: „Du bist richtig, so wie du bist.“ Und: „Du bist nicht schuld.“
Die Interviews sind beeindruckend offen, reflektiert aber auch schmerzhaft: Was hat die jungen Menschen motiviert, an deinem Projekt teilzunehmen?
Ich dachte, es würde schwierig sein, Kinder und Jugendliche zu finden, die bereit sind, sich in einem Buch zu outen. Tatsächlich fand ich aber eine große Offenheit und sogar Dankbarkeit: „Endlich hört mir jemand zu“, sagten mir manche. Sie müssen sich im Alltag oft rechtfertigen und möchten dazu beitragen, dass andere Jugendliche es leichter haben als sie.
Kategorien wie non-binary oder trans, die wir in Fachdiskursen nutzen, pulverisieren die jungen Interviewten als Konstrukte, welche die vielfältige Wirklichkeit von Geschlechtern nicht erfassen können. Würdest du diese Position teilen?
Jein. Viele Jugendliche empfinden die zahlreichen Begriffe und Labels zur Selbstbeschreibung als hilfreich, vor allem in der Findungsphase. Die 17-jährige omnisexuelle Élodie beschreibt es so: „Ein Label zu finden half mir am Anfang, meine Sexualität in Worte zu fassen. Damit ich nicht erklären muss, was ich gar nicht erklären kann. Inzwischen bin ich sicherer und brauche das Label nicht mehr.“ Und Benicio sagt: „Wenn Erwachsene verwirrt sind und sich fragen, warum man unsere Labels ernst nehmen soll, wenn es immer wieder neue gibt, dann sage ich ihnen: Es gibt halt unendlich viele Wege, wie man sich fühlen kann, also gibt es auch unendlich viele Geschlechter.“ Spannend finde ich auch Benicios Haltung neuen Begriffen gegenüber, denen Erwachsene ja oft mit Skepsis begegnen: „Wenn man etwas Neues erfindet, kann man spezifischer sein und das eigene Gefühl genau festhalten. Vielleicht hat eine andere Person das gleiche Gefühl, dann kann sich eine Community bilden. Zum Beispiel mit dem Begriff «Bisexualität» war es so, da musste ja erst jemand darauf kommen.“
Mit welcher Haltung bist du in die Interviews gegangen?
Ich hatte Respekt vor dem Lebensabschnitt: In der Pubertät ziehen sich viele Jugendliche ja zurück und teilen ihr Innerstes nicht mit Eltern oder Lehrpersonen, oft auch nicht einmal mit Peers, weil sie cool wirken wollen. Diese Sorge erwies sich aber als unbegründet, weil die Jugendlichen so froh waren, dass sich jemand für sie interessiert und sie ernst nimmt. Ich war mir zudem meiner Verantwortung bewusst: Mit dem öffentlichen Coming-Out im Buch setzten sich die Porträtierten möglicherweise auch negativen Reaktionen und Hass aus. Zum Glück haben sie in den sechs Monaten seit der Veröffentlichung nur unterstützende Rückmeldungen erhalten. Einige der Interviewten begleiten mich auf Lesungen und erfahren dort ebenfalls viel Ermutigung.
Eigentlich sollte dein Buch für Erwachsene sein, nun will es auch junge queere Menschen ansprechen. Was hat den Fokus der Zielgruppen erweitert?
Meine Lesungen sprechen Menschen verschiedener Altersgruppen an. Da ist die Lehrerin, der Schulsozialarbeiter, aber auch immer wieder Eltern, die mit ihren trans Kids kommen oder Jugendliche, die allein den Weg zur Lesung finden. So habe ich gemerkt, dass mein Buch gerade für Jugendliche in der Findungsphase wichtig sein kann. Denn viele von ihnen kennen queere Vorbilder nur aus Social Media, oft aus dem US-amerikanischen Kontext. In meinem Buch finden sie 15 Geschichten von Menschen, die ihrer Lebenswirklichkeit nah sind und Orientierung bieten können.
Christina Caprez
Queer Kids. 15 Porträts.
Mit Fotografien von Judith Schönenberger
978-3-03926-080-5
Limmat Verlag 2024

