Das Gendersternchen * – ein aktueller Versuch, alle Menschen sichtbar zu machen

Hat das * immer die gleiche Bedeutung oder kann es selbst wiederum Ausdruck von Ungleichheiten sein? Claudia Wallner bezieht Position.

2018 haben die Träger unseres Projekts meinTestgelände, die BAGs Jungen*arbeit und Mädchen*politik, ihre Namen geändert: eingeführt wurde das Gendersternchen *, auch Asterisk genannt. Voran gegangen waren intensive Diskussionen in den Vereinen über diese Namensänderung, die Ausdruck eines veränderten Verständnisses von Geschlechtern sind. Mit der Einführung des * wollen die BAGs nach innen und außen deutlich machen, dass sie sich für alle Jungen/junge Männer bzw. alle Mädchen/junge Frauen zuständig fühlen, die sich dem jeweiligen Geschlecht zugehörig fühlen/erklären und damit nicht nur für cis Personen, bei denen das Selbst und die Zuweisung von außen übereinstimmen (ich bin ein Mädchen/Junge und ich werde auch als Mädchen/Junge anerkannt). 

Trans*  Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und inter* Personen waren bis dato nicht ausgeschlossen aber eben auch nicht explizit angesprochen. 

Sprache wirkt

Die Erfahrungen von Geschlechterpolitiken vergangener Jahrzehnte zeigen immer wieder, dass Gruppen, die nicht explizit benannt sind, in der Regel auch nicht erkannt und einbezogen werden. So war es bspw. ein langer Kampf der Mädchenarbeit ab den 1970er Jahren, Mädchen nicht länger unter dem Begriff „Jugendliche“ zu subsumieren, sondern eigenständig neben Jungen sprachlich zu benennen, um sie sichtbar zu machen. Denn Forschung und Praxis der Jugendhilfe zeigten bis dato, dass zwar von „Jugendlichen“ gesprochen wurde, dabei aber regelhaft Jungen fokussiert wurden und gemeint waren. „Jugendarbeit ist Jungenarbeit“ war damals der griffige Slogan, mit dem Mädchenarbeit dieses Phänomen aufdeckte. Der sechste Jugendbericht, der die Lebenslagen und die Situation von Mädchen in den Feldern der Jugendhilfe beforschte, wies umfassend nach, dass Mädchen tatsächlich in der Jugendhilfe kaum erreicht wurden und ihre Lebenslagen unbekannt waren. Die explizite Benennung von Mädchen förderte zunehmend deren Einbeziehung in Maßnahmen und Angebote.

40 Jahre später wird das gleiche Phänomen diskutiert, diesmal nur nicht in Bezug auf Jungen und Mädchen, sondern in Bezug auf trans* Jungen und trans* Mädchen sowie inter* Jugendliche. Auch hier gibt die Sprache wieder, wer im Fokus steht und wer nicht: trans* und inter* Jugendliche und junge Erwachsene waren lange weder im Blick der Kinder- und Jugendhilfe insgesamt (außer in Angeboten und Maßnahmen, die sich explizit an diese Menschen richten) noch als Zielgruppe von Mädchen- und Jungenarbeit im Fokus. Das Verständnis von Geschlechtern war eins von cis-Geschlechtlichkeit: wer Mädchen oder Junge ist, kann am Vornamen und Aussehen erkannt werden. Seit sich queere Jugendliche auch in der Jugendhilfe stärker organisieren und insbesondere über die Reform des TSG (Transsexuellengesetz) trans* und inter* Menschen sichtbarer werden und ihre Themen gesellschaftlich und politisch mehr diskutiert werden, stellen sich auch Organisationen und Angebote der geschlechterbezogenen Arbeit mehr und mehr der Frage, wie diese jungen Menschen in die Arbeit einbezogen werden können und wie der Wunsch danach sprachlich sichtbar gemacht werden kann, um diese Jugendlichen offensiv anzusprechen. Aktuell geschieht dies durch das Hinzufügen eben jenes Genderstar oder Asterisk. Verwendet wird der Genderstar sowohl in der geschlechterbezogenen Bezeichnung von Menschen (Mädchen*/Junge*/Frau*/Mann*) als auch generell in der Benennung von Menschen (Mitarbeiter*innen, Schüler*innen). Die Devise lautet kurz gesagt: wann immer Menschen benannt werden, wird der Asterisk eingefügt. 

Positiver Paradigmenwechsel in der Geschlechterpädagogik

Die Einführung des Asterisk bei geschlechterbezogenen pädagogischen Trägern und Einrichtungen ist ein großer Schritt nach vorn im Verständnis von Geschlecht von der Fremdzuschreibung zur Selbstbezeichnung und in der Anerkennung des Rechts jedes Menschen, sein Geschlecht selbst zu wissen. In der Praxis insbesondere der geschlechtshomogenen Angebote und Träger ändert sich damit die Zielgruppe und viele neue Fragen müssen konzeptionelle Antworten finden, insbesondere die, was  Geschlechtshomogenität dann eigentlich bedeutet und ob Homogenität im Geschlecht sich auf das körperliche oder das psychische Geschlecht bezieht oder ob das gar keine Frage mehr sein kann, die die anbietende Organisation beantworten kann und darf und Geschlechtshomogenität so verstanden werden muss, dass es sich jeweils um eine Gruppe von Menschen handelt, die sich alle dem gleichen Geschlecht zugehörig fühlen. Und was passiert mit dem für Mädchen- und Jungenarbeit so wichtigen und konstituierenden Konzept von Geschlechtshomogenität, wenn die Teilnehmenden pädagogischer Angebote sich gegenseitig nicht als dem gleichen Geschlecht zugehörig (an)erkennen? Die Einführung des * ist also ein großer Schritt nach vorne in der Geschlechterpädagogik, die sich damit der Herausforderung stellt, sich zu öffnen für alle Jugendlichen, die sich als Mädchen oder Jungen verstehen. Sichtbar machen die Träger und Angebote dies durch die generelle Verwendung des Asterisk, der jungen trans* und inter* Menschen anzeigen soll, dass sie willkommen sind.

Teilnehmer*innen und Teilnehmerinnen* transportieren nicht die gleiche Botschaft

Nun gibt es aber im politischen Verständnis einen großen Unterschied zwischen den hier aufgeführten beiden Verwendungsweisen, auch, wenn sich die Verwendung erstmal gleich anhört:

Sollen alle Geschlechter gemeint sein, dann wird die weibliche Sprachform genutzt und vor der weiblichen Endung „in“ der Asterisk eingesetzt (Pädagog*in), womit impliziert werden soll, dass hier männliche, weibliche und alle anderen Geschlechter sprachlich erfasst werden, indem der männlichen Form das „e“ abgeschnitten und vor die weibliche Endung der Asterisk gesetzt wird. Das soll grundsätzlich anzeigen, dass immer alle Geschlechter gemeint sind und dass trans*, inter* und non-binary Personen explizit im Blick sind. Die Schreibweise mit dem * in der Mitte des Wortes soll alle einschließen, nicht nur weibliche und männliche Menschen. Diese Botschaft wendet sich sowohl an solche Personen, die sich nicht als cis (körperliches und psychisches Geschlecht werden als übereinstimmend empfunden) verstehen („wir meinen euch explizit genauso wie cis Menschen) als auch an die Öffentlichkeit um sich im Geschlechterdiskurs zu verorten.

Wird der Genderstar in geschlechterbezogenen Bezeichnungen von Menschen (Mädchen*, Frauen*, Jungen*, Männer*) oder angehängt an weibliche und männliche Personenbeschreibungsformen (Ausbilderin*, Lehrer*, Mechatronikerin*, Tänzer*) eingesetzt, kann die Botschaft auch anders gedeutet werden: mit „Mädchen* oder „Junge*“ soll bspw. ausgedrückt werden, dass nicht nur cis-Mädchen und cis-Jungen gemeint sind, sondern alle jungen Menschen, die sich selbst als Mädchen oder als Jungen verstehen. Der Asterisk soll anzeigen, dass sich das Verständnis von weiblich und männlich verändert hat und nun die Geschlechtszugehörigkeit durch die Selbstverortung der Personen bestimmt wird und nicht durch den Geschlechtseintrag in die Geburtsurkunde oder den Vornamen. In einer Zeit, in der ein solches Verständnis von Geschlechtszugehörigkeit noch nicht in der Breite der Gesellschaft angekommen ist, erscheint diese Schreibweise als Aufmerksamkeitsmerkmal hilfreich. Wer Mädchen* oder Junge* liest, beginnt darüber nachzudenken, wer damit gemeint ist und was das bedeuten soll und versteht, dass zur Gruppe der Mädchen* und Jungen* mehr Menschen gehören als cis-Personen. Gleichzeitig zeigt aber eben jener Genderstar, dass weibliche und männliche nicht-cis-Personen eben doch nicht selbstverständlich als Mädchen und Jungen anerkannt sind. Wäre dem so, bräuchte es den Asterisk nicht, dann wären alle einfach Mädchen und Jungen, die sich so verstehen. Im Selbstverständnis vieler nicht-cis Mädchen und Jungen, Männer und Frauen, sind sie Mädchen und keine Mädchen*, Jungen und keine Jungen* und vom Genderstar fühlen sie sich einmal mehr besondert. Andere queere junge Menschen wiederum fühlen sich durch die Schreibweise mit dem * integriert und dazu gehörig. Auch in den trans* und inter* Communities sind die Positionen hierzu vielfältig und teilweise auch gegensätzlich.

Was tun? Wie sprechen?

Der aktuelle Sprachgebrauch zur Einschließung und Sichtbarmachung aller Menschen ist historisch eine Momentaufnahme, die den Geschlechterdiskurs wiederzugeben versucht, wie er gerade geführt wird. Viele Akteur*innen sind beteiligt und haben ihre eigenen Sichtweisen und Sprachen. Die eine richtige Lösung gibt es nicht und in zehn Jahren werden wir darüber diskutieren, dass damals die Sprache immer noch zu exkludierend, zuschreibend, … war, weil wir dann im Geschlechterdiskurs wieder weiter sein werden und entsprechend neue Sprachformen dafür finden werden. 

Wenn die BAGs Jungen*arbeit und Mädchen*politik heute den Asterisk nutzen, dann um zu zeigen, dass sie sich allen Jugendlichen öffnen wollen. Gleichzeitig muss weiter darüber diskutiert werden, ob die Verwendung des * am Ende geschlechterbezogener Wörter nicht auch wieder ausgrenzend weil besondernd wirken kann oder ob der Diskurs aktuell noch die Sprache braucht, um Aufmerksamkeit zu generieren. 

Alternativ wären bspw. zwei sprachliche Wege denkbar: 

  • in Texten den Asterisk mal verwenden und mal nicht, um die Aufmerksamkeit hoch zu halten aber nicht grundsätzlich nicht-cis Menschen von cis-Menschen sprachlich zu unterscheiden. Die Fremdzuschreibung als * kann darüber nicht gänzlich aufgehoben werden, wird aber irritiert, indem der Asterisk mal genutzt wird und mal nicht. So wird er von der Bedeutung „hiermit meinen wir immer alle, die nicht cis sind“ abgelöst, die Aufmerksamkeit ist dagegen gewährleistet
  • statt * und Fußnote zur Erläuterung, dass damit alle gemeint sind, die sich diesem Geschlecht zuordnen, wäre eine alternative Möglichkeit, Mädchen und Jungen, Frauen und Männer zu schreiben und bei der ersten Nennung eine Fußnote zu setzen, dass damit alle gemeint sind, die sich diesem Geschlecht zuordnen. Vorteil dieser Variante ist, dass sprachlich alle inkludiert sind, Problem ist, dass die Aufmerksamkeit über den Text ggf. nicht aufrecht gehalten werden kann, weil der Hinweis in der Fußnote vergessen wird und die Schreibweise die Aufmerksamkeit nicht halten kann. Dann würde der gleiche Effekt erzeugt wie heute beim generischen Maskulinum.
  • geschlechterbezogene Bezeichnungen kursiv schreiben, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass nicht nur cis-Personen gemeint sind oder dass es Reflexionsbedarf bezüglich Geschlechterzuweisungen und Annahmen bzgl. des Geschlechts gibt, also bspw. Mädchen, Junge, Mann, Frau.

Es gibt nicht DEN richtigen Weg

Die Schreibweisen von Geschlechtlichkeiten machen sichtbar, wie eine Gesellschaft Geschlechter und ihre (hierarchisierten) Verhältnisse versteht. Sie sind damit immer endlich und politisch und mit „richtiger“ oder „falscher“ Schreibweise gilt es vorsichtig zu argumentieren. Wichtig ist, dass wir immer wieder reflektieren und diskutieren, warum wir an welcher Stelle wie sprechen, wen wir damit einbeziehen und ausgrenzen und Sprache bewusst als politisches Instrument nutzen.

Ich danke unserer Kollegin Svenja Gräfen für ihre Gedanken und Argumente, die meine Überlegungen und damit diesen Artikel maßgeblich beeinflusst haben.

Claudia Wallner