„Ein Buch für alle“ – Interview mit Kathrin Köller und Irmela Schautz

Über den Mut zu lernen, den Mut zur Lücke, den Mut zu reden: Ein Gespräch zum Buch „Queergestreift: Alles über LGBTIQA+“.

14.12.2023 | Lesezeit: 5 Min.

Die Zielgruppe von „Queergestreift“ ließe sich wohl so beschreiben: Jugendliche, Ältere, Allys, Einsteiger*innen und Expert*innen. Wie das geht? Durch eine Kombination aus Interviews, zugänglichen Erklär-Texten, Portraits und Anlaufstellen für Betroffene. Und: Beim Umblättern dürfen sich Lesende jedes Mal über bunte, einfühlsame und witzige Illustrationen freuen. Wir sprachen mit der Autorin Kathrin Köller und der Illustratorin Irmela Schautz.

Wir hören oft von Pädagog*innen, die sich dem Themenkomplex LGBTIQA+ zum ersten Mal widmen und Angst haben. Angst, etwas falsch zu machen, jemanden zu verletzen oder dass die eigene Lebensrealität ins Wanken gerät. Was würdet ihr diesen Menschen raten?

Kathrin Köller: Erst einmal tief durchatmen und nicht von der Angst treiben lassen! Es hilft, das neue Wissen nicht als Bedrohung zu sehen. Wir alle haben in der Schule neue Vokabeln gelernt – wir erwarten von Schüler*innen das, was auch Pädagog*innen mitbringen müssen: den Willen zuzuhören, dazuzulernen und offen zu bleiben. Ich finde es gut, anstatt einer voyeuristischen Neugier, die es ja auch gibt, Offenheit und Zugewandtheit zu zeigen. Bei einer Lesung sagte mal eine Frau: „Da gibt es ein Thema, da fühl ich mich nicht zu Hause, da fühl ich mich nicht wohl, aber ich lese jetzt erstmal, informier mich und halte so lange meine Klappe.“ Das fand ich ganz beeindruckend.

Irmela Schautz: Dieser Satz von Eileen, die unser Buch einleitet, passt hier gut. Denn er gilt auch für die Stimmen, die sagen‚ oh Gott ist das alles kompliziert‘. Eileen sagt: „Ihr müsst nicht alles verstehen, ihr müsst auch nicht von jeder Kleinigkeit Ahnung haben. Aber ihr müsst ein gewisses Maß an Respekt haben.“

Der Eindruck, dass man den Boden unter den Füßen verliert, ist nicht richtig. Es geht um eine Horizonterweiterung: Natürlich darfst du auch hetero bleiben (lacht).

Kathrin Köller: Und du darfst dazulernen! Queergestreift hat eine eindeutige Haltung, aber will nicht polarisieren und so umfassend wie möglich informieren.

Irmela Schautz: Genau! Es geht eher um den Mut, zu dem zu stehen, wer man ist: Deswegen ist unser Buch auch all jenen gewidmet, die jeden Tag den Mut haben, sie selbst zu sein.

Ihr selbst musstet euch dem Thema ebenfalls angstfrei nähern: Der Untertitel ist ambitioniert, er lautet „Alles über LGBTIQA+“ – gleichzeitig macht ihr gleich zu Beginn klar, dass ihr nicht alles abdecken könnt. Wie lief der Konzipierungsprozess und die vielen Entscheidungen, die damit einhergehen: Was nehme ich mit rein, was lasse ich raus?

Kathrin Köller: Das ist natürlich nie einfach! Vor allem der Punkt „Was kommt nicht mit rein?“ Wir haben uns an den Buchstaben LGBTIQA+ entlanggehangelt – aber auch das grenzt ein. Wir brauchten den Mut zur Lücke. Natürlich können wir nicht alle Details besprechen. Wir haben uns stark daran orientiert, was Jugendlichen selbst wichtig war, z.B. habe ich Momo im Inter* Kapitel gefragt, welche Aspekte für sie besonders wichtig sind.

Irmela Schautz: Wir sagen bei unseren Lesungen immer: Das „Alles über“ im Untertitel ist ein bisschen frech! Wir sind dem Hanser Verlag dankbar, dass wir in der zweiten und dritten Auflage Themen aktualisieren konnten – z.B. zum „Selbstbestimmungsgesetz“. Auch wenn das leider immer noch nicht da ist.

Kathrin Köller: Auch in der queeren Community sind manche Gruppen präsenter als andere. Es lag uns am Herzen, das zu ändern. Wir haben zum Beispiel Feedback von asexuellen Personen bekommen, die gesagt haben: „Cool, dass wir ebenfalls als Teil der queeren Community mit einem eigenen Kapitel dabei sind.“ Gerade sie sind oft nicht sichtbar genug. Wir wollten eine Ausgewogenheit erreichen, indem wir stärker marginalisierte Gruppen etwas mehr hervorheben.

Man kann sich an den Buchstaben LGBTIQA+ entlanghangeln, aber so ganz scharf sind sie eben auch nicht voneinander abzugrenzen – auch das ist queer: Kategorien infrage zu stellen. Das sieht man zum Beispiel daran, dass im Gay-Kapitel die historische Auflistung von Meilensteinen aufgeführt wird – die sich aber gar nicht von dem „L“ für Lesbian trennen lässt.

Kathrin Köller: Da ist tatsächlich viel Kopfschmerz reingegangen – genau diese Frage habe ich mir gestellt: Ist es okay, dass bei „Gay“ unterzubringen?

Ihr habt euch bei der Recherche, wie ihr eben skizziert habt, vor allem von den Jugendlichen leiten lassen und dabei viele interviewt: Wie habt ihr einen Zugang zu ihnen gefunden?

Irmela Schautz: Bei der Suche war eine ehrliche Neugier bestimmend. Und die hat uns dann auch den Mut gegeben, Leute einfach mal anzusprechen. Wir haben am Ende mit Leuten gesprochen, die wir überhaupt nicht kannten und Jugendlichen, die uns über unser Netzwerk bekannt waren. Viele von ihnen waren sogar beim Titel-Brainstorming dabei. Wir waren also in unterschiedlichen Kreisen unterwegs, bis hin zu Momo nach Japan. Das Ganze hatte einen Domino-Effekt, sodass wir dann Leute mit ganz verschiedenen Backgrounds interviewen konnten.

Kathrin Köller: Domino-Effekt trifft es gut! Ich bin selbst in queeren Gruppen unterwegs und auch in Eltern-Gruppen, sodass ich Empfehlungen bekam. Andere Personen habe ich ganz bewusst angeschrieben und angefragt. Manche Sachen sind auch zufällig entstanden. Ich habe mit vielen Jugendclubs gesprochen und hatte eigentlich schon Interviewpartner für das Gay-Kapitel, die leider kurzfristig abgesprungen sind. Dann bin ich auf die AG Schwule Lehrer getroffen – darüber bin ich heute sehr glücklich, weil das eine Perspektive ist, die sonst ganz selten beleuchtet wird.

Im Oktober habt ihr den Jugendliteraturpreis in der Kategorie Sachbuch gewonnen – herzlichen Glückwunsch! Wie hat sich der gesellschaftliche Kontext von der Buchveröffentlichung im Mai 2022 bis zur Auszeichnung verändert?

Kathrin Köller: Es hat sich Positives getan. Aber längst nicht nur. Die Stimmung vor zwei Jahren, als wir noch an dem Buch gearbeitet haben, war eine ganz andere. An dem Tag, als wir den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen haben, habe ich auch von dem Urteil des Bundessozialgerichtes erfahren, dass die Kosten für geschlechtsangleichende Operationen für nicht-binäre Menschen grundsätzlich keine Kassenleistungen mehr sind. Diese Entwicklungen sehe ich mit Sorge. Auf der anderen Seite sehe ich eine große Öffnung. Letztens erzählte mir eine Mutter, dass sie ein Interview in „Queergestreift“ gelesen hat und die Thematik seitdem besser versteht.

Dieses Nicht-Polarisieren, Erklären, auf Gemeinsamkeiten kommen – das schafft unser Buch, gleichzeitig sehe ich das in der Gesellschaft oft nicht.

Irmela Schautz: Das geht mir genauso. Wenn man Zeitungen liest, die Debatten verfolgt und Social Media anschaut: Da wird’s mir ganz gruselig. Aber: Ich selbst komme z.B. vom Land, vom Bodensee, da zieht das Buch gerade große Kreise. Auch in konservativeren Ecken findet unser Buch gerade einen Weg zu dem Menschen, da sagen Leute, „Da ist jetzt Zeit für, das ist toll, endlich erfahr ich etwas Neues!“ – von einer ganzen Generation, von der man es nicht vermutet. Das finde ich erstaunlich. 

Was bedeutet euch die Anerkennung durch den Jugendliteraturpreis?

Irmela Schautz: Hammer! Für uns persönlich, für unsere Arbeit als Team, aber auch für das Thema ist das eine ganz besondere Auszeichnung.

Kathrin Köller: In der Laudatio hat die Jury angemerkt: Es ist ein Buch für alle, nicht nur für Betroffene. Das hat uns besonders gefreut. Denn genau das wollten wir erreichen: Ein Buch, mit dem sich alle erstmal lustvoll schlau machen dürfen, um zu merken, das Abendland geht nicht unter, wenn man anderen mit mehr Empathie statt Ignoranz begegnet.

 

Das Interview führte Vivian Sper.

Das Buch:

Kathrin Köller, Irmela Schautz
Queergestreift – Alles über LGBTIQA+

ISBN: 9783446272583

KATHRIN KÖLLER [she/her]
ist seit einigen Jahren in queeren Themen zu Hause und glaubt daran, dass eine Gesellschaft der Vielfalt nicht nur möglich, sondern nötig ist. Sensibilität, Respekt und Perspektivwechsel findet sie dafür ein paar gute Zutaten und versucht sie zu leben. Auch in ihrer Arbeit als Autorin und Übersetzerin für Kinder- und Jugendmedien. Heimat ist Berlin.

Website: kathrinkoeller.com

IRMELA SCHAUTZ [she/her]
liebt Themen, die inhaltlich und illustrativ herausfordern. Wenn sie sich so richtig der Recherche hingeben und dann mit kreativen Lösungen wieder aufschlagen kann, ist sie ganz in ihrem Element. Die freie Illustratorin studierte Malerei, Grafik sowie Bühnen- und Kostümbild. Seit 2012 lehrt sie an der Akademie für Illustration und Design in Berlin.

Website: irmela-schautz.de