Ich habe heute (k)eine Dating-Show für dich!

Warum sich ein kritisch-entspannter Umgang mit dem Genre lohnt

29.05.2024 | Lesezeit: 4 Min.

Bist du ein Herzblatt, ein Bauer, blind vor Liebe, nackt auf Love Island, too hot to handle? The Bachelor oder doch eine Princess Charming? Ein Millionenpublikum verfolgt jährlich die Suche nach der ganz große Liebe. Gefunden wird vor allem: die Goldgrube des Reality-Formats.

Heranwachsende nutzen die Shows, das machen medienpädagogische Studien deutlich, zur Orientierung und zur Justierung ihres eigenen Wertekatalogs. Dies gilt für alle möglichen Formen der Sichtbarkeit oder der Abwertung aufgrund von Klassenzugehörigkeiten, Geschlechternormierungen, Schönheitsvorstellungen oder sexueller Orientierung, die in den Shows thematisiert werden (könnten). Umso wichtiger also, dass wir uns fragen: Welche Geschichten werden jungen Menschen da erzählt?

Zweisamkeit zwischen Kamera und Tonangel

Das Rezept gängiger Dating-Shows ist schnell erklärt: Die Beteiligten werden zusammengecasted und/oder aus einem großen Pool an Influencer:innen und Reality-TV-Promis zusammengestellt. Irgendwo werden ein, zwei Villen gemietet und kleinere Ausflüge in die Umgebung für »Special Dates« organisiert. Der Komfort der meisten Häuser gleicht dem einer Klassenfahrt, wichtig scheinen vor allem möglichst wenig Privatsphäre, Alkoholvorräte und ein Pool zu sein, um die Teilnehmenden zu feucht-fröhlichen, leichtbekleideten Eskapaden zu animieren. Lido di Jesolo Abschlussreise 2004, here we go!

Ob im Villa-Alltag und bei den Entscheidungsrunden, wer bleiben darf – aus der Affekt- und Emotionskiste wird dann alles herausgeholt, was die Einschaltquoten hochtreibt: Glamour, Missgunst, Trotz, Tränen, Intrigen, Allianzen, Eskalation, Lust und Erregung. Und die Quoten zeigen: Dating Formate sind eine Goldgrube. Sie sind unaufwändig zu produzieren, geben schnell viel Content zum »Binge-Watchen« her und sind zudem einfach zu vermarkten. Nicht zuletzt durch die Social-Media-Kanäle vieler Beteiligter, die damit ihre eigenen Karrieren und die Reichweite der Shows gleichzeitig befeuern.

Zum Abschalten!

Reality Shows sind eine Art Oxymoron – ein sich wiedersprechendes Begriffspaar. Sie verkaufen uns mittels realer Menschen eine Karikatur der Realität. Ob sie geskripted sind, wie das gute alte Herzblatt, oder angeblich nicht, wie die meisten neuen Formate – das ist für viele Zuschauer:innen gar nicht so relevant. 

Ein gros der Dating-Shows wird – natürlich zu Recht – aufgrund ihrer eindimensionalen Rollenbilder scharf kritisiert. Die Shows triefen vor Stereotypisierungen, Zynismus und überholten Geschlechterklischees.

Das Modell starker Mann sucht sanfte Frau oder umgekehrt in Endlos-Schleife. Männer übertrumpfen sich gegenseitig und machen anzügliche Witze, Frauen lästern, weinen, schmollen.

Die Körper der Kandidat:innen spielen eine zentrale Rolle, sie werden objektiviert und sexistisch kommentiert, nicht selten auch durch die Erzähler:innenstimme aus dem Off.

Die US-Fernsehserie UnReal brachte weitere kritische Aspekte des Genres – satirisch überzogen und über die Schmerzgrenze hinaus – auf den Bildschirm: Profitdenken und Machtgefälle, Voyeurismus, Freund-Feind-Schemata, Lügen, Betrug und Intrigen. Dating-Shows werden als Ort entlarvt, an dem fast alle Beteiligten unter miserablen Arbeitsbedingungen leiden und auch Übergriffe und Diskriminierungen kaum geahndet werden. Die Satire macht deutlich: Will man Fundamentalkritik üben, dann daran, Sexismus und Grenzüberschreitungen als profitables Geschäftsmodell zu vermarkten und gesellschaftlich zu normalisieren.

Und dennoch: Die Shows erreichen viele Menschen.

Oder doch Anschalten?

Um eines transparent zu machen (echte Format-Fans werden mich sicher schon längst entlarvt haben): Ich bin eine ziemliche Anfängerin, was das Genre angeht. Aber ich bin keinesfalls immun. Natürlich kann ich intellektuell das »Trash TV« abkanzeln, mich selbst davon distinguieren und mein Faible für internationales Arthouse Cinema hervorheben. Doch wenn wir etwa davon ausgehen, dass die Besucher:innen unserer pädagogischen Angebote regelmäßig und gerne solche Formate konsumieren, hilft uns da ein rein ablehnender Blick auf das Genre insgesamt wirklich weiter?

Denn manche Dating Shows sind auch gesellschaftspolitischer, als sie den Anschein vermitteln. Stellvertretend sind es die Kandidat:innen, die in beschränkenden Verhältnissen agieren und an deren erzählten Geschichten (ob »real« oder zu dramatisierenden Zwecken zusammengeschnitten) die Zuschauer:innen ihren eigenen (politischen, moralischen, emotionalen) Kompass schärfen können.

Nimmt man das Genre insgesamt als Spiegel der Gesellschaft, zeigt es sowohl das Erstarken traditioneller Rollenvorstellungen als auch das Aufbrechen scheinbarer heteronormativer Selbstverständlichkeiten. Eine Studie zu Love Island Sweden hat etwa Interaktionen von Fans in Instagram-Kommentaren untersucht. Sie kommen unter anderem zum Ergebnis, dass weibliche und männliche Teilnehmer:innen der Shows unterschiedliche Rückmeldungen erfahren: Männer werden regelmäßig gelobt, wenn sie von den traditionellen Geschlechterrollen abweichen, während Frauen sowohl kritisiert als auch gefeiert werden, wenn sie das Gleiche tun. Trotz dieser Brüchigkeiten ist also definitiv noch Luft nach oben.

Pronomen-Runde zur Primetime

Vielleicht sind es deshalb vor allem die queeren Formate, die aus geschlechterpägogischer Perspektive interessieren, etwa das schwule Prince und das lesbische Princess Charming. In den beiden Shows wird homosexuelles Begehren und queeres Leben insgesamt als Selbstverständlichkeit gezeigt (wenngleich natürlich die Klischees einer Dating-Show und die Künstlichkeit des Genres insgesamt nicht überwunden werden). Statt Buh-Rufen aus den bürgerlichen Kreisen gab es dafür sogar den renommierten Grimme-Preis. Was noch beim Prince rudimentär angelegt war, fand nicht zuletzt in der dritten Staffel Princess Entfaltung: Selbstverständliche Vorstellungsrunden mit Pronomen, unaufgeregte Gespräche über Beziehungsmodelle und über den Charme von Konsens – und das alles zur Primetime im Privatfernsehen.

Ob als abendliches Hintergrundrauschen beim Stricken oder kollektiv mit den Freund:innen: Dating Shows haben viele Funktionen. Zur Entlastung und Ablenkung, als Projektionsfläche für eigenes sexuelles Begehren, dem Frönen von popkulturell genährten Vorstellungen von Romantik, als sozialer Klebstoff und vieles mehr. Für den pädagogischen Umgang damit (oder den eigenen, denn »eigentlich wollte ich nur mal kurz reinschauen…«) könnten die folgenden Tipps interessieren: Den Fokus auf das Drumherum legen, auf feministische Diskussionsforen, Youtube-Reactionvideos oder Podcasts. Dort werden die Folgen clever kommentiert, mit unerträglichen Klischees aufgeräumt oder kritisch-solidarisch mit dem Blick auf vielfältige Lebensweisen oder politische Konsequenzen diskutiert. Und wenn das nicht hilft: Wikipedia auf, Staffel reintippen, die Spannung verspoilern – und dann vielleicht doch was anderes machen. You are welcome.