Mal ernsthaft: Dick Pics überdenken!

Das digitale Versenden von Penisbildern ist problematisch – die Diskussion darum teilweise auch.

10.04.2024 | Lesezeit: 4 Min.

Neulich hörte ich wieder davon. Eine Freundin hatte einen Katzenkratzbaum zu verkaufen, über ein Kleinanzeigen-Portal meldete sich ein Interessent. Schnell gingen die Absprachen über Zeit und möglichen Ort der Abwicklung jedoch in eine aufdringliche Anmache über, die Freundin schloss den Chat. Ein paar Tage später schrieb der Typ sie erneut an – und schickte ein Bild von (s)einem Genital hinterher.

Wie geht man damit um, dass man eine E-Mail, die SMS von dem Flirt von neulich oder eben einen Verkaufs-Chat öffnet – und ein Penis ploppt auf? Studien zeigen: Die meisten Menschen (es sind zu allermeist Frauen*, oftmals auch Mädchen*), die solche Erfahrungen gemacht haben, bezeichnen die Zusendung als eklig, irritierend, langweilig aber eines fast nie: sexy. Nicht wenige fühlten sich bedroht, verängstigt oder beschämt. Mehrere Studien aus unterschiedlichen Ländern legen nahe, dass rund die Hälfte der Frauen zwischen 18-40 Jahren schon mindestens einmal ein Dick Pic erhalten haben – und die Tendenz ist steigend.

Sexting, ja – unangefragt, nein danke!

Unangeforderte Dick Pics werden in Forschung und Öffentlichkeit zumeist als aggressiver Ausdruck von Männlichkeit und als digital vermittelte Form der sexuellen Belästigung bzw. sexualisierter Gewalt eingestuft. Die Zusendungen können alle möglichen Konsequenzen haben. Vielleicht geht es vielen Empfänger:innen so wie meiner Freundin, die den Typ gleich blockierte und beim Portal meldete – mehr Aufmerksamkeit und Zeit wollte sie der Sache nicht beimessen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Zusendung im Kontext der Digitalisierung der letzten Jahre gesehen werden kann: Sexting, also das digitale Versenden von sexuellen, erotischen und intimen Inhalten – darunter eben auch Dick Pics – , ist zu einem festen Bestandteil des normativen Ausdrucks von Sexualität und Beziehungsgestaltung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen geworden, mit allen Ambivalenzen und potenziellen Grenzüberschreitungen, die damit verbunden sind (vgl. etwa Mishna et al. 2023).

Die Macht der
Dick Pics

Oftmals findet die Zusendung der Penisbilder im privaten Lebensraum statt. Was aber, wenn der Absender des Pimmels ein Vorgesetzter ist, der über das Weiterkommen in Ausbildung oder Beruf (mit)entscheiden kann? Andreas Renner, vor seiner Suspendierung ranghöchster Polizeibeamter des Landes Baden-Württemberg, stand im Jahr 2023 wegen des Verdachts sexueller Belästigung vor Gericht – er soll auch Dick Pics an Kolleginnen verschickt haben. Derzeit läuft die Revision gegen den Freispruch, den er – zwecks mangelnder Beweise, wie so oft in diesen Fällen – erhalten hat.

Seit knapp zwei Jahren beschäftigt sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit der Causa Renner. Das ist deshalb so interessant, weil es eine weitere Dimension aufmacht, die bei (digitaler) sexualisierter Gewalt insgesamt oft unsichtbar bleibt: Die Frage nach Dominanz- und Machtverhältnissen, die ein solches Verhalten begünstigen, normalisieren und auch belohnen. Unerwünschte Dick Pics dieser Sorte sind ein digitaler Ausdruck der geschlechtsspezifischen Gewaltverhältnisse insgesamt.

Wie immer: Es ist nicht ganz so einfach…

Das Versenden von Dick Pics wird oft als eindimensionales Schema dargestellt: Der testosterongesteuerte hetero-cis-Mann muss, um seine Männlichkeit zur Schau zu stellen, dies ganz konkret mit der Darstellung seines Genitals tun, um Aufmerksamkeit (auch negative) des weiblichen Gegenübers zu erhalten. Obgleich diese Absicht sicherlich manchmal eine Rolle spielt, sind die Motivationen der Sender oft komplexer.

Warum klappt jemand sein Telefon auf, macht ein Bild seines Geschlechtsteils und sendet dieses an eine Person – noch dazu eine, die danach nicht gefragt hat? In der Natur der Sache liegt, dass Forschungen dazu oft an freiwilligen Beteiligten scheitern.

Wer erzählt schon gerne, dass er ungefagt Pimmelbilder versendet? In den wenigen Untersuchungen, die es dazu gibt, wird allerdings ersichtlich, wie vielfältig die Begründungen sind (etwa Oswald et al. 2020). Ja, dabei sind die erwähnten Vorstellungen von Dominanz und Machtphantasien, aber mehr noch zeigen die Antworten, dass es um (eine Form von) Verletzlichkeit geht: Überwiegend um eine Hoffnung, dass da (erotische) Bilder zurückkommen, dass das Gegenüber sich angesprochen, sogar geschmeichelt fühlt, dass daraus eine Beziehung entsteht.​

Die Antworten verweisen auf die Notwendigkeit einer geschlechtersensiblen Arbeit zu subjektivem Begehren, Beziehungsaufbau und -gestaltung, Selbstwert und vielem mehr.
Es geht dabei auch darum, über die schädigende, übergriffige Praktik des Sendens unerwünschter Dick Picks zu sprechen, ohne dabei normativen Überzeugungen auf den Leim zu gehen: über die Unfähigkeit (heterosexueller) Männer zur Entwicklung intimer Beziehungen, insbesondere zu Frauen*, und damit verbunden einen angeblichen Mangel an Respekt, Empathie oder Fürsorge.

Penis? Jein!

Nicht zuletzt gibt es alle möglichen Formen des Teilens von Bildern, die von einer Vielzahl von Menschen mit unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten sowie sexuellen Orientierungen betrieben werden (darunter fallen nicht zuletzt auch Praktiken, in denen das Senden und Empfangen unangefragter intimer Bilder positiv konnotiert sind). Diesen weiten Aspekt betonen neuere Studien, die sich insbesondere auf queere Diskussionen beziehen. Die Forschenden üben Kritik an der weitverbreiteten Rezeption der Dick Pic-Debatte, da diese von einer heteronormativen Geschlechterbinarität ausgehe – also etwa einen-Penis-haben und Männlichkeit unauflöslich zusammendenkt. Erhellend sind beispielsweise die Arbeiten von Andrea Waling und Tinonee Pym (2019) oder von Marlene Sacherer (2022) und ihrer Kollegin Tabei Söregi. Beide Forschungen beziehen sich auch auf den mittlerweile archivierten Tumblr-Blog „Critique my Dick“ von Madeleine Holden, die explizit um die Zusendung (aller möglicher Varianten) von Dick Pics fragte und diese dann hinsichtlich ihrer handwerklichen, künstlerischen Qualität rezensierte.

Der Blick auf solche Ambivalenzen ist wichtig, weil er weibliche und queere Räume des Begehrens öffnet. Diese folgen weniger den Marktlogiken von zumeist heteronormativen Beziehungs- und Intimitätsvorstellungen, wie sie beispielsweise auch durch Pornos und andere Filme, Zeitschriften, Soziale Medien und so weiter fortgeschrieben werden. Letzteren dient ein konventionelles „männliches“ Begehren als profitable Richtschnur, nach der sich ein Großteil der Angebote auszurichten hat, während andere Formen von Sexualität, Lust, Beziehungsweisen unsichtbar (und auch „unprofitabel“) gemacht werden.

Holden, die ihre Arbeit als „körperpositiv“ bezeichnet, habe nicht zuletzt deshalb angefangen, eine Gebühr für die Zusendung der Dick Pics zu erheben – um die konkrete Arbeit, sich mit dem Penisbild des Gegenübers auseinanderzusetzen, sichtbar zu machen (Sacherer 2022). Soledad Har Sheleg druckt unerwünscht an sie versendete Dick Pics auf Buttons und verkauft diese dann. Aus unerwünschten Penisbildern, wird sie in einem Artikel zitiert, mache sie so „erwünschte“ – sie entzieht damit dem Sender und seiner Blickmacht die Kontrolle und macht diese nicht zuletzt „profitabel“. Manche sahen die Nutzung der Fotos als Angriff auf Persönlichkeitsrechte, sagt die Künstlerin: „Nun, wenn sie sich beschweren wollen, werde ich sie nach ihrem Namen, ihrer Telefonnummer und ihrer Adresse fragen und sie wegen sexueller Belästigung anzeigen“ (Beijer n.A.).

Hilfe für Betroffene

Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff e.V.) hat ein sehr umfangreiches Online-Angebot zum Thema versammelt: Auf dem Portal Aktiv gegen digitale Gewalt gibt es

Jugendschutz

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