Wie können trans* und nicht-binäre Körper in der sexuellen Bildung sichtbarer werden?

Ein Interview mit Alexander Hahne über Sichtbarkeit, Voyeurismus und die Entwicklung seines Materialkartensets.

08.05.2024 | Lesezeit: 4 Min.

Alexander, wer sich auf deiner Website durchklickt merkt schnell: Du bist sehr vielfältig qualifiziert. Als Fachkraft für geschlechterreflektierte Pädagogik und Pädagog*innenbildungen, als Sexualpädagoge und Sexological Bodyworker – du bildest dich ständig fort. Wie hängt das mit deinem Verständnis der Profession zusammen?

Alexander Hahne: Es gehört zu meiner ethischen Haltung dazu. Einerseits möchte ich am Puls der Zeit bleiben. Andererseits möchte ich die Menschen, um deren Alltag es geht, nicht aus den Augen verlieren. Dazu gehört eine Staffelung der Zielgruppen: Ich bilde Versorger*innen und Pädagog*innen weiter, halte Vorträge z.B. auf Medizinkongressen, mache aber auch Einzelbegleitungen und Gruppenworkshops zum praktischen Erleben. Diese Spannbreite der Perspektiven ist mir sehr wichtig und erfordert eben auch eine konstante Weiterbildung.

Dein Materialkartenset „Sexuelle Bildung zu trans* und nicht-binären Körpern“ erschien zuerst 2021 und ist bereits in zweiter Auflage erhältlich. Wie ist die Idee zu den Karten entstanden?

Alexander Hahne: Seit vielen Jahren bilde ich Fachkräfte der Gesundheits-, HIV- und STI-Beratung von trans* und nicht-binären Menschen weiter.

Beispiel sexuelle Bildung trans nicht-binär
Einblick in das Materialkartenset
© edition assemblage

Mir selbst fehlten für die Arbeit neutrale, pädagogische Hilfsmittel. Bevor ich die Materialkarten entwickelte, habe ich überlegt, was in meiner Arbeit wichtig ist, um die Beratung trans* und nicht-binärer Menschen inklusiver zu gestalten. Was braucht es da an Vermittlung, Didaktik, welche Körper sollten aus meiner Sicht abgebildet sein? Ich fing an, diese Idee als Buch zu konzipieren. Ein großes Dokument mit Inhaltsverzeichnis und ersten Kapiteln. Schnell habe ich festgestellt, dass das Buch umfangsmäßig komplett eskaliert wäre. Also habe ich mich gefragt, wie sich das als kondensierte Variante umsetzen lässt, nicht nur für die HIV- STI- und Gesundheitsversorgung, sondern auch für trans* Selbsthilfegruppen, Beratungen, und pädagogische Fachkräfte. Aus der Buchidee sind dann die Materialkarten geworden.

Würdest du sagen, dass sich seit der Veröffentlichung etwas an der Sichtbarkeit trans* und nicht-binärer Körper verändert hat? Gibt es mittlerweile mehr Material?

Alexander Hahne: Es gab vor 2021 bereits Kolleg*innen, die dazu gearbeitet haben und Material, das inter* Körper mit Genitalien abbildet und wo sich in diversen Interpretationen auch trans* Körper mit reinlesen lassen – aber in dieser Breite und der Sichtbarkeit und Wertschätzung von Körperveränderungen – da kenne ich nur ein bis zwei andere Materialien, die danach entstanden sind.

Eine neutrale Darstellung ist ja auch deswegen wichtig, weil trans* und nicht-binäre Menschen oft mit übergriffigen Fragen und Blicken auf den Körper konfrontiert sind.

Alexander Hahne: Das kann so einen voyeuristischen Moment haben. Manche, die sich nicht auskennen und das Thema vielleicht trotzdem wichtig finden, denken: „Ach, toll jetzt habe ich mal einen trans* Menschen hier.“ Dann wird nach ganz privaten singulären Erfahrungen gefragt, um daraus etwas zu lernen. Das sehe ich sehr kritisch und halte ich auch für Fachkräfte nicht angemessen. Man sollte nie auf Kosten der Klient*innen lernen.

Auf der Begleitkarte nennst du Beispiele für den sinnvollen Einsatz der Materialkarten. Zur Selbsthilfe, zur Beratung oder auch als „Memory und Dekoration“ – allerdings erst „nach entsprechender Fortbildung.“ Wie ist das gemeint?

Alexander Hahne: Die Karten sind im freien Handel verfügbar. Ich kann mir vorstellen, dass Beratungsstellen oder Jugendzentren die Karten z.B. als Dekoration aufhängen, weil sie ein sichtbares Zeichen setzen wollen: „Wir finden trans* und nicht-binäre Lebenswelten wichtig!“ Das bildet an der Stelle aber noch nicht ab, dass die Menschen vor Ort sich tatsächlich vertieft mit den Lebenswelten von trans* und nicht binären Menschen beschäftigt haben oder mit Methoden, die trans* und nicht-binär inklusiv sind. In dem Fall besteht die Gefahr des pinkwashings.

Flagge zeigen reicht nicht. Trans* und nicht-binäre Menschen müssen mitgedacht werden; wenn es beispielsweise um Schwangerschaftsverhütung geht, wenn es um das Erklären der Funktionsweise von Kondomen geht. Es braucht dazu eine Fortbildung, damit Menschen die Körper und Identitäten trennen und zusammenbringen können..

Wie können die Karten auch in der Jugendarbeit genutzt werden – und wie vielleicht nicht?

Alexander Hahne: Für die Arbeit mit älteren Jugendlichen sind sie geeignet, um vielfältige Körper darzustellen und auch mögliche Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Und als Ergänzung können sie in der Beschäftigung mit trans* und nicht-binären Themen verwendet werden, wenn es darum geht, Körperwahrnehmung und Sexualität oder auch sexuelle Praktiken zu benennen, zu beschreiben und sprachfähig zu machen. Die Karten können hier vor allem zur Externalisierung eingesetzt werden, um eben nicht die zwei trans* oder nicht-binären Leute in der Gruppe dafür zu instrumentalisieren. Das Material sollte nicht verwendet werden, um Voyeurismus zu bedienen. Und auch nicht als Einstieg zum Thema trans* und Nicht-Binarität, weil die Karten dafür zu sehr auf den Körper fokussiert sind. Auch wenn Fachkräfte, die mit den Materialien arbeiten, keine entsprechenden Rückfragen beantworten können – da greift es dann wieder mit der Schulung: Es braucht Wissen auf Seiten der Fachkräfte.

Einerseits braucht es also Vorwissen, um mit den Karten zu arbeiten. Andererseits lässt sich auch durch das Arbeiten mit den Karten Wissen erlangen. Wer z.B. den Begriff „Clitpen“ nicht gleich kennt, muss sich informieren. Wer sich wundert, warum manche Karten ähnliche Körperteile darstellen, die beispielsweise sowohl mit „Brüste ohne Veränderung“ als auch mit „Brüste vor Veränderung“ untertitelt sind, kommt vielleicht ins Nachdenken. Denn trans* und nicht-binäre Körper müssen keine Körperveränderung durchlaufen, um genau das zu sein: trans* und nicht-binäre Körper.  

Alexander Hahne: Die Karten sind an sich schon recht hochschwellig. Für einen ersten Einstieg sind sie nicht geeignet, weil sie sich um den Körper drehen und viele Fragen nicht abbilden: Fragen der Identität. Wie kommen Menschen dahin und warum entscheiden sie sich dafür, wie fühlt sich das an, wie integriert sich das in den Alltag der Leute? Ich komme aus der sexuellen Bildung und der Körper ist eben ein Teil davon. Gleichzeitig ist Transitionieren oder eine trans* Erfahrung oder nicht-binäre Erfahrung im Alltag zu haben weit mehr als Körperveränderung.

Warum hast du die Entscheidung getroffen, inter* Körper in der
Sammlung auszuklammern?

Alexander Hahne: Das Kartenset könnte auch locker den fünffachen Umfang haben, keine Frage.

Cover_Hahne_Materialkarten_rgb
© edition assemblage
42 Materialkarten
Illustrationen: Momo Grace Schmülling
978-3-96042-113-9

Ich habe mich dazu entschieden, mich auf endo Körper zu beziehen, um die Komplexität zu reduzieren. Körperverändernde Maßnahmen aus einer inter* und einer trans* oder nicht-binären Perspektive haben ganz andere Vorzeichen. Das Konzept der Zwangstransitionierung von inter* Personen, auch im frühen Kindesalter schon – das würde ich dann nicht Transitionierung nennen, sondern geschlechtszuweisende Operation – das macht ein großes Feld auf, das ich angemessen besprechen möchte. Und das ist mit den Karten so nicht möglich gewesen.

Im Juli erscheinen die Materialkarten „Was ist eigentlich eine Transition?!“, ebenfalls bei der edition assemblage. Was erwartet uns?

Alexander Hahne: Das Set besteht aus 90 DIN A6 Karten. Auf der Vorderseite stehen Begriffe, die für viele Menschen ein Teil ihres individuellen Transitionsprozesses sind. Auf der Rückseite finden sich eine kurze Erklärung sowie zwei Reflexionsfragen zum Weiterrecherchieren, zum Anregen, zum aktiven Weiterdenken. Hinter der Idee steckt die Methode, bei der fiktive Transitionsprozesse gelegt werden können und es Einblicke zu den vielen Punkten gibt, mit denen trans* und nicht-binäre Menschen sich im Rahmen der Transition beschäftigen. Wenn die Karten auf dem Boden ausgebreitet werden, kann endlich mal in Gänze gesehen werden, wozu Menschen alles eine Entscheidung treffen müssen. Das soll für den Prozess der Transition sensibilisieren – und kann auch da gerne ergänzt werden mit Karten, mit Punkten, die fehlen.

 

Das Interview führte Vivian Sper.

ALEXANDER HAHNE [er],
schwuler trans Mann, Referent für Sexuelle Gesundheit, Sexualpädagoge (gsp), Sexological Bodyworker (ISB), Systemischer Sexualtherapeut i.A. (igst), Tänzer und pleasure Aktivist. Mit meiner Arbeit leiste ich einen praxisbezogenen Beitrag zum Erleben des eigenen Körpers sowie der Möglichkeit Zugänge zum eigenen lustvollen Potential freizulegen und auszuschöpfen. 

Website: alexanderhahne.com

Alexander Hahne