Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
18.10.2024
4 Min. Lesedauer
Ines Pohlkamp
In Fachdebatten

Ist das Setting der Mädchen*- und Jungen*arbeit noch zeitgemäß?

Geschlechtshomogenität in der Mädchen- und Jungenarbeit; ein faktisches Dilemma.

Mädchen*- und Jungen*arbeit sind traditionell zwei Hauptpfeiler der emanzipatorischen geschlechtersensiblen Pädagogik (gsP), denn sie hat sich in ihrer heutigen Vielfalt aus ihnen heraus entwickelt. Gerade die Mädchen*arbeit ist in Theorie und Praxis Wegbereiterin der gsP. Deren Ziele lauten:

  • Geschlechtergerechtigkeit und Gleichbehandlung aller Geschlechter
  • die Anerkennung der Vielfalt geschlechtlicher und sexueller Existenzweisen  
  • die Abschaffung geschlechtsbezogener Gewalt und aller anderen strukturellen Diskriminierungsformen (wie z.B. Rassismus, Antisemitismus, Ableism, Klasse)

Doch wie passen diese Ziele zum Paradigma der Mädchen*- und Jungen*arbeit, deren geschlechtshomogene Räume eine Grundlage für die fachliche Begegnung sind?  

Kritik am Paradigma der Geschlechtshomogenität wird laut und es existieren berechtigte Einwände: Mädchen- und Jungenräume seien nicht mehr zeitgemäß, weil sie Kinder und Jugendliche und die entsprechenden Fachkräfte (Frauen und Männer) in der Regel auf ein binäres Geschlecht (Mädchen oder Junge) reduzieren. Die spezifischen Angebote reproduzieren Geschlechterbinarität, d.h. die Aufteilung von Gruppen in nur zwei Geschlechter. Mädchen- und Jungenräume schließen somit TIN (Trans*Inter*NonBinary/Enby) positionierte Kinder und Jugendliche per se aus.  

Grund genug, sich nun das Paradigma der Geschlechtshomogenität in der Mädchen- und Jungenarbeit kritisch anzuschauen. Wir machen eine kurze Zeitreise und gehen von den Argumenten für „geschlechtshomogene Räume“ über die Transformation des Paradigmas und kommen dann in der Paradoxie der Gegenwart an.  

Warum gibt es überhaupt „geschlechtshomogene Räume“ in der Mädchen- und Jungenarbeit?  

  1. Mädchen*arbeit hat sich in den 1970er-Jahren in Westdeutschland aus den Erfahrungen von Müttern, Schwestern, Tanten und Fachkräften entwickelt, dass Mädchen, Mädchenwelten und die Interessen von Mädchen kaum oder keine Berücksichtigung in der Kinder- und Jugendarbeit/-hilfe finden. Geschlechtshomogenität als Paradigma bot ein neues Setting zur Weitergabe weiblicher Lebensrealitäten, weiblicher Erfahrungen. Es sollten emanzipatorische Räume für Mädchen eröffnet werden. 
  2. In der Geschlechtshomogenität wird eine Erfahrungskongruenz von weiblicher Fachkraft und Mädchen bzw. von männlicher Fachkraft und Jungen vorausgesetzt, die aufgrund einer gleichen oder ähnlichen Geschlechtszugehörigkeit zu spezifischen sozialen Fragenstellungen führe.  
  3. Geschlechtshomogenität will feministische Räume für Begegnung, Austausch und Selbstorganisierung eröffnen. Es war (und ist bis heute) stets ein Ausdruck reproduzierender, patriarchaler Geschlechterverhältnisse, wenn Räume für Mädchen und Frauen als erstes infrage gestellt werden. 
  4. Die Praxiserfahrungen von Mädchen- oder auch Jungengruppen zeigen fortlaufend, dass in geschlechtersensiblen angeleiteten Prozessen der Mädchen- und Jungenarbeit neue soziale Interaktionen und Möglichkeitsräume entstehen, in denen andere (und für viele der Teilnehmer*innen einzigartige) Erfahrungen von Begegnung, Konflikt, Kontroverse, Austausch, Vertrauen stattfinden (können). Dieses Erfahrungslernen innerhalb des sozialen Konstrukts der Geschlechtshomogenität eröffnet weitere Räume für die Auseinandersetzungen mit Macht, Diskriminierung, Gewalt, Geschlecht und Vielfalt. 

Infragestellung in den 2000ern

Die Transformation des Paradigmas begann bereits in den 00er-Jahren innerhalb der gsP. Im Angesicht der zunehmenden Erkenntnis, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, stellte sich die Frage, was ein Mädchen denn sei und ob die Kategorie überhaupt relevant sei. Es gab unzählige Debatten „nach Judith Butler“ und ihrer Infragestellung von Geschlecht als Ausdruck einer heterosexuellen Matrix (im normativen Zusammenspiel von sex, gender und desire). Auch in den 2000er-Jahren war die gsP Landschaft vor allem in Mädchen- und Jungenarbeit aufgeteilt. Andere Ansätze fanden bis dato nur wenig Beachtung. Zudem wurden queere Perspektiven sichtbarer, die Vielfalt von Geschlecht beeinflusste die Debatten um Geschlechterverhältnisse und ja, genau an dem Punkt tauchten die ersten Infragestellungen von Mädchenräume und weniger die Infragestellung von Jungenräumen auf. Feministische Räume sind schon immer massiver Kritik ausgesetzt. Positiv besetzte und selbst gewählte Räume für Mädchen und Frauen waren und sind stets umkämpfte Räume im Patriarchat. Das erklärt die unterschiedliche Kritik an Mädchen- und Jungenräumen. 

Geschlechtshomogenität wurde mit Unbehagen im Gender Trouble weitergeführt, weil die Argumente im pädagogischen Raum, die zu ihrer Entstehung führten, gleichsam überzeugend blieben. Das Dilemma war spürbar und es wurde kontrovers debattiert.  

Und nun? Geschlechtshomogenität ja oder nein?  

Geschlechtshomogenität ist ein altes Paradigma der gsP. Ich plädiere dafür, zukünftig von geschlechterfokussierten Räumen zu sprechen und dies in den Kanon der Paradigmen der gsP aufzunehmen. Geschlechterfokussierte Räume sind dann sozial konstruierte Geschlechterräume für MINTA+ oder JINTA+ mit der Option, weitere Räume zu etablieren. Das Sprechen von Geschlechtshomogenität, die real so nie existierte, sollte als historisch relevanter Schritt in der Geschichte der GsP anerkannt werden.  

Benennen, was wir kritisieren wollen

Also doch weiter in zwei geschlechtliche Gruppen teilen: MINTA+ und JINTA+? Ja, in vielfältigen Kontexten der Kinder- und Jugendhilfe ist Mädchen- und Jungenarbeit als MINTA+/JINTA+ Settings unbedingt weiterzuführen, weil sie für viele geschlechtlich identifizierte Kinder und Jugendliche ein (sonst nicht existierendes) heteronormativitätskritisches Angebot schaffen. Hierzu existieren keine Alternativen! Die geschlechtlichen Positionierungen der Fachkräfte sind längst vielfältiger und so arbeiten in der gsP verschiedene Geschlechter, was zu zahlreichen konstruktiven Debatten und Kontroversen führt.  

Zur Paradoxie der Gegenwart zählt, dass wir benennen, was wir dekonstruieren wollen.

Das Ignorieren von Geschlecht, das Nicht-Benennen von (allen) Geschlechterpositionierungen und die nominelle Anerkennung pluralistischer Vielfalt sind demgegenüber keine geeigneten Wege, strukturell gewaltförmige Geschlechterverhältnisse im pädagogischen Kontext zum Thema zu machen.

Nicht-Benennung birgt im besonderen Maße die Gefahr, alltägliche Heteronormativität zu reproduzieren. Und außerdem gilt: Eine Entscheidung für heteronormativitätskritische MINTA+ oder JINTA+ Räume ist selbstverständlich keine Entscheidung gegen oder Absage an LSBTQIA+ oder Enby-Räume. Im Gegenteil, emanzipatorische Empowermentprozesse sollten sich in ihrer Verschiedenheit verbünden, gerade wenn gleiche oder ähnliche Ziele verfolgt werden. 

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Ines Pohlkamp
Ines Pohlkamp
Dr.in Ines Pohlkamp (sie/ihr), Fortbildung, Supervision (DGSv), Sozialforschung, Politische Bildung, Tübinger Institut für gender- und diversitätsbewusste Sozialforschung und Praxis e.V. (tifs.de), 2019-2024 Vorstand der BAG Mädchen*politik. Ihr Lebensmittelpunkt ist in Bremen/Norddeutschland.
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Tipp!
Der Arbeitskreis Trans*inklusive Mädchen*arbeit möchte Akteur*innen und Einrichtungen der Mädchen*arbeit ermutigen und unterstützen, ihre Angebote für trans*, inter und genderqueere Jugendliche zu öffnen und dafür Gelegenheiten für Vernetzung und fachlichen Austausch schaffen. Zu diesem Zweck werden bundesweite Online-Austauschtreffen und Fachveranstaltungen veranstaltet.
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