Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
12.11.2025
4 Min. Lesedauer
Claudia Wallner
In Fachdebatten

Von Mouthtaping bis Manfluencing: Wie junge Frauen wieder normiert werden

Die Botschaften sind gleich, die Sender haben sich vervielfältigt. Wie neue Trends alte Ideale verbreiten

Mädchen und Frauen werden kontrolliert: Mal ist es die Religion, die „immer schon vorschrieb“, mal der Glaube, der die Stimme Gottes und damit unverrückbar ist, dann wieder die Ehre der Familie, für die ausschließlich das Verhalten der Töchter verantwortlich ist, mal die allgemeine Moral, von der Mann sicher weiß, wie Mädchen und Frauen zu sein haben oder die Kultur, der frau folgen muss, will sie nicht ausgeschlossen werden. Die Begründungen und Bezugsrahmen sind austauschbar, die Botschaften immer die gleichen, nur Sender und Orte wechseln und werden modernisiert. Waren es vor einigen Jahren noch Eltern, Peers und Schule, die maßgeblich Mädchen und ihr Verständnis von Weiblichkeit formten, sind es zunehmend Social Media und der öffentliche Raum, der sie reglementiert: 

  • Trend auf TikTok: #mouthtaping. Junge Frauen kleben sich den Mund zu beim Schlafen, angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Um die Welt gehen Fotos von stumm gemachten Frauen. 
  • In Polen ziehen junge Männer in Warnwesten als „SZON PATROL“ durch Städte. Die „Schlampen-Polizei“ fotografiert und filmt junge Frauen, die ihrer Ansicht nach zu freizügig gekleidet sind und stellt sie im Netz an den Pranger. 
  • Tradewives und Gottfluencerinnen machen Mädchen ein Leben als unterwürfige und abhängige Hausfrau und Mutter schmackhaft. 
  • Clean Girls, Girly Girls oder Fitness Influencerinnen zeigen jungen Frauen den einzigen Weg auf, wie sie auszusehen haben. 
  • Religiöse Influencer beantworten Fragen wie einst Dr. Sommer in der Bravo: nur, dass es hier darum geht, dass Männer erklären, was Mädchen und Frauen NICHT dürfen. 
  • “Beziehungscoaches” geben auf Social Media Männern Tipps, wie sie Frauen überrumpeln können, um auch gegen ihren Willen Sex mit ihnen zu haben. 
  • Incels verbreiten auf ihren Kanälen offen, dass Frauen gewaltvoll bis zur Tötung dafür büßen müssen, dass sie sich nicht für alle Männer zum Sex zur Verfügung stellen. 
  • Im Trash TV wird den weiblichen Teilnehmerinnen vorgeschrieben, wie wenig sie anziehen dürfen und wie sexualisiert sie sich verhalten sollen, wollen sie weiterhin in Formate gebucht werden. 

Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Die Orte modernisieren sich, die Botschaften bleiben immer die gleichen: Du bist nicht diejenige, die bestimmt, was sie denkt, wie sie lebt oder wen sie liebt.  

Keulen für die Kontrolle 

Einerseits wird mit den großen Keulen (Ehre, Moral, Religion, Kultur, Glauben) geschwungen, um diese Fremdbestimmung durchzusetzen, andererseits wird den jungen Frauen versprochen, dass sie, wenn sie entsprechend denken und handeln, dazugehören, Anerkennung finden: dass sie dann attraktiv werden für Männer, dass sie geliebt, begehrt und glücklich werden. Und da zur weiblichen Sozialisation nach wie vor gehört, (Liebes-)Beziehungen als Zentrum des Lebens anzusehen, funktionieren diese Strategien außerordentlich gut. Wenn das alles nicht wie gewünscht wirkt, dann wird mit Gewalt gedroht oder Gewalt angewendet. Upscirting und Catcalling im analogen öffentlichen Raum, die Verschickung von Dick Pics oder die Verbreitung persönlicher Fotos im digitalen Raum sind weit verbreitete Strategien der Unterwerfung und Beschämung von Mädchen und Frauen. Damit haben sich die Möglichkeiten, Einfluss auf Mädchen und Frauen zu nehmen und über sie zu bestimmen, ins Unendliche vervielfältigt, und wir sprechen noch nicht von den grenzenlosen Möglichkeiten von KI, wo bspw. aus jedem Portraitfoto, das online gestellt wird, ein Porno produziert werden kann.  

Das trifft nicht alle gleichermaßen, und Mädchen und Frauen sind auch nicht per se eine kollektive Opfergruppe. Upscirting ist inzwischen eine Straftat, für Catcalling wird gleiches diskutiert. Aber an den grundsätzlichen Strukturen, dass über weibliche Menschen bestimmt und geurteilt wird, ändert sich nur wenig. Und das ist wert, sich zu empören, zu solidarisieren und politisch wirksam zu werden. 

Was tun? 

Wir müssen tiefer und anders eintauchen in den digitalen Raum. Nicht wie seinerzeit bei Facebook, als die Erwachsenen eine Massenflucht junger Menschen auslösten, weil die keine Lust darauf hatten, ihre Performances vor Eltern und Großeltern aufzuführen. Vielmehr müssen wir uns ein Bild machen und auf dem Laufenden bleiben, welche Kanäle und Influencer*innen von jungen Menschen verfolgt werden und welche Botschaften da gesendet werden. Wir müssen mit Jugendlichen darüber sprechen, was sie fasziniert, welche Positionen sie für sich übernehmen und warum. Dazu helfen auch Portale wie meinTestgelände, weil hier junge Stimmen zu Geschlechterfragen sichtbar sind und eine gute Grundlage für Gespräche bieten. Auch auf Social Media gibt es viele und immer mehr junge Stimmen, die zu Geschlechter- und Gerechtigkeitsfragen laut werden – gute Beispiele gegen das patriarchale Grundrauschen, mit denen sich arbeiten lässt: 

@diedesianna

Anna spricht aus der Perspektive eigener Erfahrungen über Rassismus, Feminismus und Kinderschutz – um Betroffenen eine Stimme zu geben, ihnen Mut zu machen und Veränderung anzustoßen. 

@kreaty__

Kathy ist Schauspieler, Model und Queerer Content Creator mit Fokus auf nicht binärer Sichtbarkeit, mentale Gesundheit und Selbstakzeptanz. Er beschreibt sich selbst als “direkt, sensibel, manchmal zu direkt, aber immer echt”. 

@feeministin

Feminismus einfach, eindringlich und witzig erklärt – immer wieder und auf viele Weisen. Fee ist Poetry Slamerin, Autorin und Content Creatorin, die ihre Community motiviert, sich für Frauenrechte einzusetzen. 

@n0nbinarysplaining

Queer, klar und verständlich, so beschreibt Malin den eigenen Aktivismus. Einfach und eindringlich bezieht Malin Stellung, vermittelt Daten und Fakten und greift aktuelle Ereignisse auf. 

Folgen wir diesen jungen Menschen, bietet der Insta Algorithmus sukzessive ähnliche Inhalte an. So gelingt es, in die Welten junger feministischer und queerfreundlicher Influencer*innen einzutauchen und gemeinsam mit Mädchen und jungen Frauen zu erfahren, dass es nicht nur Hass und Fremdbestimmung gibt, sondern auch Solidarität und positive Gemeinschaften. 

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Claudia Wallner lehnt an eine weiße Wand. Sie lächelt in die Kamera.
Claudia Wallner
Dr.in Claudia Wallner arbeitet als Referentin und Praxisforscherin mit den Schwerpunkten Mädchen*arbeit, Geschlechterpädagogik und Gleichstellungspolitik und leitet das Projekt meinTestgelände.
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