Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
26.02.2025
6 Min. Lesedauer
Redaktion GSP
In Buch des Monats/ Magazin

„Post-Heteronormativität und Schule“: Interview mit Florian C. Klenk 

Was Lehrkräfte über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sagen
Mockup des Covers Post-Heteronormativität und Schule

Lass uns zuerst über den Begriff “Post-Heteronormativität” sprechen – er klingt zunächst, als hätten wir die Zwangsnorm der Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität überwunden.  

Das wäre schön, so ist es aber leider nicht. Der Eindruck, dass wir uns in einer Zeit ’nach‘ der Heteronormativität befänden, entsteht ja vor allem durch das Wort ‚post‘, das zeitlich ‚hinter‘ oder ‚danach‘ meint. Damit will ich aber nicht sagen, dass die Heteronormativität bereits der Vergangenheit angehört. Vielmehr soll der Bindestrich in ‚Post-Heteronormativität‘ darauf hinweisen, dass Heteronormativität ein dynamisches Konzept ist – es ist etwas, das sich ständig verändert und neue Ausdrucksformen annimmt. Diese Veränderungsprozesse verlaufen nicht linear, also nicht einfach als ein klar zu erkennender Fortschritt oder Rückschritt in die eine oder andere Richtung. Vielmehr finden gleichzeitig verschiedene Entwicklungen statt, die in unterschiedliche Richtungen weisen. Man kann sich das wie beim Tauziehen vorstellen. 

Und was bedeutet der Begriff im Kontext Schule? 

Die Schule ist ein Ort, den alle Kinder und Jugendliche besuchen können und manchmal leider auch müssen. Die Vielfalt geschlechtlicher und sexueller Lebensweisen spiegelt sich daher ebenso in diesem Handlungsfeld wider. Das betrifft natürlich auch das Personal, also die Schulleitungsebene, die pädagogischen Fachkräfte ebenso wie die Sekretariate, Reinigungskräfte und, und, und… Eine Herausforderung besteht sicherlich darin, ganz genau hinzuschauen und wahrzunehmen, wer wie von der Post-Heteronormativität in Schule und Gesellschaft betroffen ist. 

  • Wie kann z.B. die Erosion bestimmter Männlichkeitsideale für die betroffenen Jugendlichen ernst genommen werden, ohne die damit verbundenen Vorstellungen traditioneller Männlichkeit (z.B. von Autonomie, Dominanz, Stärke) unreflektiert wieder zu glorifizieren? 
  • Wie könnte Schule in diesem Zusammenhang beispielsweise die Gleichwertigkeit von Männlichkeiten jenseits des biologischen Geschlechts vermitteln und damit auch Trans*Männlichkeiten als ebenso männlich – was immer ‚männlich‘ heißen mag – bzw. legitime Lebensweise anerkennen? 

Im Sinne des Erziehungs- und Bildungsauftrags der Schule geht es meines Erachtens im Kern darum, Heranwachsende dabei zu unterstützen, eine eigene Position in der Post-Heteronormativität zu finden. Denn nur so können sie frei und ohne Zwang entscheiden, wie sie mit wem leben wollen. Hierzu sind Wissens- und Wertevermittlung ebenso wie kritisches Denken unerlässlich. Wie bei vielen anderen Themen aber auch, so geht es also um den ganz alltäglichen Erziehungs- und Bildungsauftrag, den die Lehrkräfte und die Schule zu erfüllen haben. Leider zeigen Studien, dass dies noch nicht in ausreichendem Maße geschieht, dass geschlechtliche und sexuelle Bildung im Schulalltag ausgeklammert oder schlicht umgangen wird, weil Lehrkräfte sich nicht trauen, das Thema anzusprechen. 

Dich interessiert in deiner Studie, welche Formen des Umgangs und der Thematisierung von Geschlecht und Sexualität in der Schule und im Unterricht unter Lehrer*innen zu finden sind. Eine Art des Umgangs ist die der Dethematisierung. Wie würde eine Lehrperson in diesem Deutungsmuster typischerweise agieren und argumentieren? 

Ich konnte in meiner Interviewstudie nachweisen, dass für viele Lehrkräfte das Thema eigentlich gar keines ist. Sie entdramatisieren geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im Schulalltag, um auf diese Weise zu einer angeblichen Normalisierung von LSBTIQ*-Lebensweisen beizutragen. Nach dem Motto: Bloß nicht mit dem Finger darauf zeigen.

Das ist im Prinzip eigentlich auch eine gute Idee. Man tut so, als wäre etwas schon völlig normal, dann wird es nämlich auch wirklich normaler, weil man unaufgeregter damit umgeht – und also auch beispielsweise gar nicht mehr darüber sprechen muss in der Klasse. Viele Lehrkräfte geben zu verstehen, dass etwa Homosexualität schon viel selbstverständlicher sei als noch zu ihrer eigenen Schulzeit. Das stimmt sicher zu großen Teilen tatsächlich und lässt sich auch anhand der Studienlage bestätigen. Diese zeigt nämlich, dass in den letzten 30 Jahren die Toleranz gegenüber LSBTIQ*-Lebensweisen gestiegen ist. Und dennoch: Es gibt gerade im Kontext der Schule, aber auch aus zahlreichen wissenschaftlichen Befunden Erkenntnisse, die darauf schließen lassen, dass Heteronormativität hier weiterhin wirksam ist. Eine bloße Dethematisierung birgt also die Gefahr, Diskriminierung einfach zu übersehen, weil Ist- und Soll-Zustand verwechselt werden. Richtig problematisch wird es dann, wenn z.B. heteronormative Schimpfwörter wie „Schwuchtel“ nicht oder nur bei bestimmten Schüler*innen didaktisch bearbeitet werden. 

Bei welchen Schüler*innen wird sexistisches oder homofeindliches Verhalten denn eher problematisiert? 

Meine Forschung zeigt, dass Lehrkräfte heteronormatives Verhalten vor allem bei migrantischen bzw. migrantisierten Jugendlichen sowie an Berufsschulen vermuten, weil sie diesen Kindern und Jugendlichen ein „echtes“ Einstellungsproblem zuschreiben, z.B. aufgrund ihrer „Kultur“ oder ihres „Berufsfeldes“ (z.B. im Handwerk). Anderen Jugendlichen, z.B. jungen Frauen an Gymnasien, wird ein solches Einstellungsproblem nicht zugesprochen.

Sprüche wie „Du Schwuchtel!“ wären in einer Gruppe „braver“ Mädchen ja nicht wirklich ernst gemeint. Das mag im Einzelfall durchaus stimmen, aber in beiden Fällen verletzt das Wort doch die betroffenen LSBTIQ*-Jugendlichen, und zwar unabhängig davon, ob der Spruch denn letztlich so gemeint war oder nicht. Heteronormativität interagiert hier mit Differenzordnungen wie Klassismus oder Rassismus. beeinflusst, wen oder welches Verhalten ich als Lehrkraft (eher) als problematisch wahrnehme und bei wem ich heteronormatives Sprechen und Handeln vielleicht auch nicht sehen (will). Hier kann ein Blick über den Tellerrand und in die Geschichte helfen, der zeigt, dass es weltweit und auch in Deutschland schon immer migrantische Menschen gab und gibt, die sich für die Gleichstellung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt einsetzten und einsetzen oder aufgrund von geschlechtlicher und sexueller Verfolgung aus ihrem Land fliehen müssen – wen das interessiert, der kann ja mal auf die Seiten des Vereins LesMigras schauen.

Wie kann der Umgang mit vielfältigen geschlechtlichen und sexuellen Lebensweisen in der Schule aussehen, wenn Lehrpersonen sie tatsächlich als pädagogische Aufgabe betrachten? 

Ich möchte insbesondere auf zwei Dinge hinweisen: Zum einen geht es darum, heteronormative Aspekte, die immer noch als normal und selbstverständlich gelten, als solche zu erkennen und didaktisch zu überdenken. Zum anderen ist es mir ein Anliegen, um mit Jutta Hartmanns „Pädagogik vielfältiger Lebensweisen“ zu sprechen, die reale Vielfalt an geschlechtlichen und sexuellen Identitäten auch in ihrer Vielfalt sichtbar zu machen und im Fachunterricht – je nach Möglichkeit – zu berücksichtigen. Dies kann auch ganz beiläufig geschehen, z.B. im Informatikunterricht, wenn auf die akademischen Leistungen von Alan Turing und seine Verfolgung als schwuler Mann hingewiesen wird. In der Perspektive Hartmanns gehört die Heterosexualität übrigens ebenso zur Vielfalt wie inter* oder asexuelle Lebensweisen. Dies zu normalisieren, ohne bestehende Ungleichheiten zwischen den Lebensweisen in einer post-heteronormativen Gesellschaft zu leugnen oder einfach unter den Teppich zu kehren, wäre eine wichtige Aufgabe für Lehrkräfte. In diesem Sinne: Denkt die Vielfalt von der Vielfalt her, seid professionelle Ansprechpersonen für Jugendliche und vermittelt Wissen über die Vielfalt, egal wie ihr euch selbst geschlechtlich und sexuell verortet – das Thema also bitte nicht auf die LSBTIQ*-Kolleg*innen verlagern. 

Du hast in deiner Studie Interviews mit Lehrkräften verschiedener Fächer und Schulformen durchgeführt. Gibt es ein Interview, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist? 

Ach, es gibt ganz viele Gespräche, die mir positiv in Erinnerung geblieben sind. Da ist die trans*geschlechtliche Lehrkraft, die an einer großen Schule im ländlichen Raum unterrichtet und einfach ganz mutig über ihren Weg spricht, wenn sie von Kolleg*innen oder Schülerinnen darauf angesprochen wird. Da ist aber auch die inter*geschlechtliche Lehrkraft, die sehr eindrücklich schilderte, wie schwierig es gerade für Inter*personen ist, sichtbar zu werden, weil Schüler*innen und Eltern sie sonst als Kuriosität bezeichnen. Auch diese Lehrkraft handelt verantwortlich, auch sich selbst gegenüber, indem sie sich bewusst nicht (!) sichtbar macht. Und doch: Sie setzt sich z.B. hinter den Kulissen dafür ein, dass die Schulverwaltungssoftware mehr als zwei Geschlechter kennt und arbeitet zusammen mit der Schulleitung an der Entwicklung des Schulprogrammes in Richtung Anti-Diskriminierung. Da ist aber ebenso die lesbische Grundschullehrerin, die sich aus Sorge vor der Reaktion der Eltern erst als lesbisch outet, als ihre Partnerin ein Kind erwartet und dann aber doch völlig überrascht ist, als die Eltern dem Baby zur Geburt ganz liebe Karten und Geschenke schicken. Da ist die heterosexuelle Lehrerin, die ihre eigene Scham überwindet und das Thema „Orgasmus“ im Referendariat unterrichtet, regelmäßig Fortbildungen besucht und, und, und. Kurz und gut: Ich werde wohl alle Interviews in positiver Erinnerung behalten und hoffe, dass die Erfahrungen der interviewten Lehrer*innen auch andere (angehende) Lehrer*innen dazu ermutigen können, ihrem Bildungsauftrag auch in dieser Hinsicht nachzukommen. Die Leitungsebene ist für eine vielfaltsorientierte Schulkultur übrigens genauso wichtig, da sind sich alle Gesprächspartner*innen einig.  

Florian Cristóbal Klenk
Post-Heteronormativität und Schule
978-3-8474-2631-8
Verlag Barbara Budrich

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Florian C. Klenk
Florian C. Klenk
Dr. Florian Cristóbal Klenk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaften im Arbeitsbereich Theorie der Bildung, des Lehrens und Lernens an der Europa-Universität Flensburg. Zuvor war er Gastprofessor für Allgemeine Pädagogik und Soziale Arbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Darmstadt. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind: Schul-, Professions- und Unterrichtsforschung, Gender und Queer Studies sowie Inklusion und intersektionale Ungleichheitsforschung.
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