Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
26.03.2025
5 Min. Lesedauer
Redaktion GSP
In Magazin/ Buch des Monats

„Jede_ Frau“: Interview mit Agota Lavoyer

Über Vergewaltigungsmythen und die Frage, ob die letzten Jahre uns auch optimistisch stimmen dürfen

Agota, du setzt dich als Aktivistin seit einigen Jahren auf Social Media gegen sexualisierte Gewalt ein. Wo sind die Grenzen dieses Mediums? Oder anders gefragt: Warum hast du dich nun auch für ein Buch entschieden?

Ja, ich mache seit bald 10 Jahren Bildungsarbeit und politischen Aktivismus auf Social Media – angefangen mit Facebook, dann kam eine intensive Twitter Phase und seit einigen Jahren bin ich nun auf Instagram. Für mich ist Social Media ein sehr wichtiges Medium, um auf Themen aufmerksam zu machen und Menschen zu erreichen, die ich vielleicht mit Interviews in Zeitungen und Fernsehen nicht erreiche. Gleichzeitig macht es die Schnelllebigkeit der Plattformen schwer, tief in ein Thema einzutauchen. Algorithmen bevorzugen oft kurze, zugespitzte Inhalte, Social Media bietet wenig Raum, um tief in ein Thema einzutauchen. Das Buch gab mir genau diesen Raum, den ich ja auch in meiner Tätigkeit als Referentin in dem Ausmaß nicht habe. Es ermöglichte mir, die Hintergründe der Rape Culture ausführlicher aufzuzeigen. Zudem kann ich mit dem Buch zusätzlich Menschen erreichen, die nicht auf Social Media sind. „Jede_ Frau“ wird auch noch ein Jahr nach Veröffentlichung rege gelesen, es ist langlebiger als die Inhalte auf Social Media, und hinterlässt vielleicht auch eine nachhaltigere Wirkung.  

Der erste Satz deines Buches lautet: “Jede_ Frau erfährt irgendwann in ihrem Leben eine Form von sexualisierter Gewalt.” Warum erschüttert diese Tatsache eigentlich niemanden?

Ich bin nicht sicher, ob sie wirklich niemanden erschüttert. Frauen, trans und nonbinäre Menschen erschüttert sie nicht, wir leben ja mit der Alltäglichkeit sexistischer und sexualisierter Grenzverletzungen und Übergriffe. Ich erlebe aber immer wieder, wie vielen cis Männern diese Omnipräsenz nicht bewusst ist. Wie viele immer noch nicht verstehen, wie mitbetroffen sie von der Thematik sind, da schlicht jede einzelne Frau und trans Person, die sie kennen, schon von sexualisierter Gewalt betroffen war.  

Gleichzeitig ist es so, dass wir uns an die Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt gewöhnt haben – und das ist das Erschreckende. Sexualisierte Gewalt ist so allgegenwärtig, dass sie als unvermeidbares Übel hingenommen und häufig auch verharmlost wird: „Das war doch nicht so gemeint.“, „Sie hätte sich ja wehren können.“ Diese Normalisierung führt dazu, dass das große Ausmaß des Problems verdrängt wird.  

Seit einigen Jahren wird viel mehr und breiter über sexualisierte Gewalt gesprochen, auch politisch ist einiges im Gange (nicht zuletzt die Reformen des Sexualstrafrechte in Deutschland, Österreich und letztes Jahr auch endlich in der Schweiz). MeToo, ein Hashtag, der zu einer globalen Protestbewegung gegen sexualisierte Gewalt und gegen Victim Blaming führte, hat auch viel dazu beigetragen, dass es immer wie mehr Menschen gibt, die erschüttert sind, weil sie erkennen, dass wir bei sexualisierter Gewalt von einer globalen Krise und einem strukturellen Problem reden, das jede Frau betrifft.

In deinem Buch dekonstruierst du zentrale Vergewaltigungsmythen wie den der „Opferverantwortung“, die sich hartnäckig halten. Warum gibt es die und welche Funktion haben sie? 

Um Victim Blaming aufrecht erhalten zu können, brauchte es wirkmächtige Narrative dazu, die sogenannten Vergewaltigungsmythen. Sie verschieben die Verantwortung auf die Betroffenen und halten die Illusion aufrecht, dass Frauen durch „richtiges Verhalten“ sexualisierte Gewalt vermeiden könnten. Damit stützen die Mythen die Rape Culture, indem sie die Täter entlasten und bestehende Machtverhältnisse aufrechterhalten.  

Die Funktion dieser Mythen ist also zweifach: Einerseits entlasten sie die Gesellschaft, weil sie verhindern, dass wir uns mit der eigentlichen Ursache auseinandersetzen müssen – nämlich mit patriarchalen Machtstrukturen, Sexismus, Misogynie und den vorherrschenden Männlichkeitsvorstellungen. Andererseits bieten sie Nicht-Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit: «Wenn ich mich an bestimmte Regeln halte, passiert mir das nicht.» Doch das ist eine gefährliche Illusion. Die Verantwortung für sexualisierte Gewalt liegt immer und alleinig bei denjenigen, die die Gewalt ausüben – in den allermeisten Fällen bei cis Männern. 

Die Studie „Junge Männer im Alter von 18 bis 29 Jahren“ von Prof. Dr. Carsten Wippermann zeigt: Viele Männer verurteilen massive Gewalt gegen Frauen, wie etwa Vergewaltigungen, rigoros, auch, weil diese Taten ‚unmännlich‘ seien. Dürfen wir optimistisch sein? 

Uff. Also, da muss ich etwas ausholen: Grundsätzlich haben wir schon länger einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass sexualisierte Gewalt ein Unrecht und die schwerwiegenden Formen wie Vergewaltigungen ein Verbrechen sind.

Niemand sagt heute ernsthaft, dass sexualisierte Gewalt etwas Gutes ist. Das Problem ist aber: Was verstehen Menschen unter sexualisierter Gewalt? Was verstehen die Männer in dieser Studie unter einer „Vergewaltigung“? Wahrscheinlich die brutale, körperlich sehr gewaltvolle Vergewaltigung einer „unschuldigen“, wehrlosen Frau.

Wenn das Opfer der Vorstellung des sogenannt „perfekten Opfers“ entspricht (eine Frau, die alles „richtig“ gemacht hat) und die Tat selber dem Stereotyp der brutalen Vergewaltigung (meist durch einen Fremden) entspricht – dann ja, dann glaube ich, dass diese Taten verurteilt werden. Aber leider wissen wir, dass eben sehr viele Männer, auch junge Männer, sexualisierte Gewalt immer noch relativieren, und manchmal auch negieren.  

Gleichzeitig ist die Begründung, dass die Taten „unmännlich“ seien, problematisch. Denn hier berufen sich die Männer offenbar wieder auf traditionelle Männlichkeitsbilder und lehnen die Gewalt nur deshalb ab, weil sie nicht ins Bild des „echten Mannes“ passt. Vielmehr muss aber Gewalt aus einer grundsätzlichen Haltung der Gleichberechtigung und des Respekts der Würde aller Menschen abgelehnt werden.  

Als Schulsozialarbeiterin hast du Kinder gefragt, was sexualisierte Gewalt sei und nur Schweigen als Antwort erhalten. Wie können Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit diesem Schweigen begegnen? 

Es herrscht eine große Sprachlosigkeit in unserer Gesellschaft in Bezug auf sexualisierte Gewalt. Viele Eltern wie auch pädagogische Fachpersonen wissen nicht, ob und wie sie Kinder und Jugendliche über sexualisierte Gewalt aufklären sollen. Dabei ist diese Aufklärung immens wichtig. Denn damit Kinder und Jugendliche Grenzverletzungen ansprechen und Gewalterfahrungen offenlegen können, müssen sie sie auch erkennen. Und das bedingt, dass sie über die verschiedenen Formen sexualisierter Gewalt, nicht zuletzt auch die digitalen Formen sexualisierter Übergriffe, aufgeklärt werden. Zudem sind pädagogische Fachpersonen dafür verantwortlich, dass ihre Institution, sei es eine Schule, eine Kita oder ein Heim, ein Schutz- und Kompetenzort ist: ein Ort, an dem Kinder geschützt sind vor Gewalt und gleichzeitig ein Ort, an dem verantwortungsvoll mit Verdachts- und Gewaltfällen umgegangen wird. Es ist unerlässlich, dass pädagogische Institutionen sich mit sexualisierter Gewalt auseinandersetzen, Schutzkonzepte entwickeln und den Schutz der Kinder und Jugendlichen als Prozess sehen, der nie einfach erledigt ist.  

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Agoty Lavoyer
Agota Lavoyer
Agota Lavoyer (sie/ihr) hat als Opferhilfe-Beraterin Betroffene sexualisierter Gewalt und deren Angehörige unterstützt und begleitet. Heute arbeitet sie als selbständige Beraterin, Referentin und politische Aktivistin und engagiert sich für die Sensibilisierung und Aufklärung zu sexualisierter Gewalt. Ihre Bücher «Ist das okay?» (2022) und «Jede_ Frau» (2024) wurden Bestseller. Ihr neuestes Buch «Ermutigt.» (2024), das sie gemeinsam mit Sim Eggler geschrieben hat, ist ein Ratgeber für Betroffene und Unterstützer:innen.
Foto: Raphaela Graf
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