Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
22.06.2026
5 Min. Lesedauer
Redaktion GSP
In Magazin/ Buch des Monats

„Jungs von heute Männer von Morgen“ Interview mit Anne Dittmann 

Educate your son: „Die Bindung steht immer an erster Stelle”

Fangen wir mit der Frage an, die aktuell auch die Politik sehr beschäftigt, auf die es aber kaum Antworten zu geben scheint: Wie können wir Jungen so begleiten, dass sie als Männer nicht zum Problem werden? 

Indem wir erstmal vergessen, dass unsere Jungen zu gewalttätigen Männern werden könnten. Die Angst ist nämlich kein guter Erziehungsberater; Wenn wir unsere Söhne ständig auf Fehler scannen, dann belasten wir damit nicht nur unsere Bindung zu ihnen, sondern schwächen auch ihren Selbstwert. Wir brauchen also eine positive Vision von Männlichkeit und hierfür gibt es in der noch recht jungen Männlichkeitsforschung schon erste Ansätze mit dem Konzept der Caring Masculinities – das sind fürsorgliche Männlichkeiten. Das bedeutet, unsere Aufgabe, auch als Gesellschaft, ist es, Fürsorgekompetenzen bei Jungen zu fördern und wertzuschätzen. Nun sieht es aber leider so aus, dass wir zuhause, in Kitas und Schulen, fürsorgliche, sensible Jungen eher als speziell oder ‚anders‘ abwerten und sie im Sinne der Männlichkeitsnormen erziehen – das hat zum Beispiel die EU-weite Studie EcARoM gezeigt. 

Würdest du sagen, dass dein Buch ein Selbstlernprozess ist, an dem du durch die Veröffentlichung auch andere teilhaben lässt? 

Ich weiß nie schon vor dem Schreibprozess alles, was ich am Ende voller Neugier recherchiert und ins Buch geschrieben habe. Und natürlich ist auch meine Mutterschaft ein – lebenslanger – Lernprozess, an dem ich andere Lesende teilhaben lasse. Man liest ja schon auf den ersten Seiten meines Buches, dass ich mit dem Geschlecht meines Kindes damals gehadert habe. Das wäre mir heute völlig egal, wenn ich nochmal schwanger werden würde. Mein Sohn und ich, wir könnten uns nicht näherstehen. 

War das Buch ein Weg, dich aus den Geschlechtsstereotypen, die du anfangs noch hattest, rauszuarbeiten? 

Nein. Das war definitiv die Liebe zu meinem ungeborenen Baby damals. Ich wollte unbedingt eine liebevolle, vertrauensvolle Bindung zu ihm aufbauen. Das braucht keine Vorurteile, sondern viel Einfühlungsvermögen, Offenheit und Neugier für den Menschen, den man zur Welt bringt. Und daran habe ich von Anfang an gearbeitet – viele Jahre bevor ich also das Buch geschrieben habe. 

Dein Buch ist eine Mischung aus Sachbuch und Selbstreflexion: Für wen hast du es geschrieben? 

Für all die Eltern, die in den letzten Jahren immer wieder mit der Forderung

„Don´t protect your daughter, educate your son!“

konfrontiert wurden und sich dachten: „Ja, super! Aber wie denn genau erziehen?“ Ich habe auf Social Media gesehen, dass einige Influencer*innen versucht haben, genau diese Frage zu beantworten und dabei eine Art Härte 2.0 verbreitet haben, die mit meinem Verständnis von einer bedürfnisorientierten Erziehung nicht vereinbar sind. Außerdem wollte ich mit meinem Buch auch die Fesseln sprengen, die Müttern mit dem ausschließlichen Ruf nach männlichen Vorbildern die Hände in der Erziehung binden. Ich habe das Buch also nicht nur generell für Eltern geschrieben, sondern auch explizit für Mütter als Mutmacher:

Die Wissenschaft gibt den Spruch „Wie der Vater, so der Sohn“ nicht her – Vorbilder sind geschlechtslos und entstehen dort, wo sich Erwachsene als Identifikationsfigur für Kinder anbieten. 

Moderne Mütter sind – ebenso wie moderne Väter – großartige, vollwertige Vorbilder für ihre Söhne. 

Ist „Männlichkeit“ aktuell so negativ konnotiert, dass es kaum mehr möglich ist, ein positives Image herzustellen? 

Wir belegen Männlichkeit ja nicht mit negativen Bildern, sondern entlarven traditionelle Männlichkeitsnormen als zerstörerisch. Aber natürlich müssen wir dabei auch aufpassen, dass wir Männern auch noch einen Handlungsspielraum lassen, durch den sie sich von der traditionellen Männlichkeit wegbewegen können. Viele Männer finden Gleichberechtigung gut und sehnen sich nach liebevollen Bindungen, aber kennen den Weg dahin noch nicht. Dafür brauchen sie ein gewisses Wohlwollen von ihrer Umgebung, müssen aber gleichzeitig herausgefordert werden. Diese Gratwanderung ist schwierig. Trotzdem glaube ich, dass wir, je mehr moderne Männer wir in unserem Umfeld und in den Medien sehen, desto mehr wissen wir auch, wo wir hinwollen. Diese guten Beispiele teile ich immer auch mit meinem Sohn. 

Wie aber kann mensch Jungen in der Erziehung überhaupt positive Werte vermitteln, wenn sie auch als „männlich“ gelabelt werden sollen? 

Ich sehe keinen Sinn darin, Werte einem Geschlecht zuzuordnen, denn damit würde ich die Idee der Geschlechterbinarität reproduzieren. Davon müssen wir aber weg. Die Resilienzforschung zeigt:

Kinder, die sowohl ‚weiblich‘ als auch ‚männlich‘ konnotierte Kompetenzen entwickeln, sind resilienter.

Sie kommen also besser durch Krisenzeiten in ihrem Leben. Das zeigt: Es geht nicht um Geschlecht, sondern um einen reichen Werkzeugkasten an Kompetenzen, der dafür sorgt, dass wir flexibel auf verschiedene Herausforderungen reagieren können; Kinder sollten also sowohl lernen, sich durchzusetzen als auch lernen, zu verhandeln und Kompromisse oder einen Konsens zu finden. 

Und zum Schluss die Frage aller Fragen, die alle interessiert: Was funktioniert? Wie erziehen wir Jungen zu gleichberechtigten Menschen? 

Wir müssen uns bewusst machen, dass wir unsere Söhne nicht bestrafen, wenn wir sie dazu empowern, Fürsorgekompetenzen zu erlernen. Im Gegenteil: Sie werden gesünder und länger leben, bessere Bindungen pflegen können und insgesamt glücklicher sein. Das bedeutet aber nicht, dass wir unseren Söhnen nun die Autos oder Dinosaurier wegnehmen und durch Spielzeugküchen ersetzen müssen. Schließlich darf jedes Kind natürlich eigene Interessen und Vorlieben entwickeln. Aber wir dürfen unseren Blick erweitern: Spielzeugautos kann man putzen – aber wie? Man kann sie malen und backen und man kann sie in Bezug auf Nachhaltigkeit prüfen oder sich fragen, welches Auto kranke Menschen transportieren kann. Und auch Dinosaurier haben nicht nur gekämpft, auch die männlichen nicht. Sie haben sich auch auf Eier gesetzt und Kinder gehütet. Fürsorgekompetenzen kann man in so ziemlich allen Situationen fördern – wenn wir eine gute Bindung zum Kind haben. Die Bindung steht immer an erster Stelle, auch für die feministische Erziehung. 

Anne Dittmann 

Jungs von heute Männer von morgen

ISBN: 978-3-466-31231-3 

Verlag: Kösel 

 

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Foto Anne Dittmann Fotografin benennen Birthe Filmer
Anne Dittmann
Anne Dittmann ist Journalistin und mehrfache Spiegelbestsellerautorin. Mit ihren Freundebüchern „Meine Crew“ und „Meine Mini-Crew“ stellt sie Kindern die Fragen, die für Beziehungen wirklich wichtig sind. Und in ihrem neuesten Buch „Jungs von heute, Männer von morgen“ widmet sie sich den Themen fürsorgliche Männlichkeit und Jungenerziehung.
Foto: Birthe Filmer
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