Wer mit Jugendlichen zum Thema Männlichkeit arbeiten möchte, stellt sich vielleicht nicht nur die Frage nach inhaltlichen Ansätzen, sondern auch die nach geeigneten Formaten. Im EU-Verbundsprojekt „Caring Masculinities in Action“ (CarMiA) arbeiteten wir nach einem Peer-to-Peer Ansatz: Die fünf jungen Berliner Mikolaj Górny, Ziad Assem, Yuma Rieming, Dario Michel und Noel Özden gaben zweitägige Workshops in Schulklassen. Sie waren zwischen 19 und 21 und damit oftmals nur ein paar Jahre älter als die Schüler*innen. Sie kannten die Musik, die diese hörten, die Spiele, die sie spielten, die Sprache, die sie sprachen. Fehlten also nur noch die Werkzeuge, um mit ihnen über Männlichkeiten und Geschlechterverhältnisse ins Gespräch zu kommen.
Multiplikator*innen-Schulung
In einer dreitägigen Multiplikator*innen-Schulung:
- vermittelten wir Grundlagenwissen zu Männlichkeit(en) und Geschlechterverhältnissen,
- regten wir die Peer-Trainer zu biographischer Selbstreflexion ihrer eigenen geschlechtlichen Sozialisation an,
- ließen sie Methoden für Workshopsettings erproben und
- lehrten pädagogisches 1×1 für Workshops, wie den Umgang mit Störungen, Moderation von Diskussionen etc.
Die fünf Peer-Trainer brachten alle unterschiedlichste Motivationen mit; einige hatten sich bereits mit Männlichkeit(en) persönlich oder politisch beschäftigt, andere hatten gerade Fuß gefasst in der Jugendbildungsarbeit und wollten ihr Themenspektrum erweitern. Schließlich waren alle froh, dass die Multiplikatoren-Schulung auch ein Raum war, um sich mit jungen Männern*, die in anderen Bubbles aufgewachsen sind, über (die eigene) Männlichkeit und (den eigenen) Sexismus zu unterhalten. Ein Peer-Trainer sagte am Ende des Projekts: „Ich hatte nie einen Freundeskreis, mit dem ich über Männlichkeit sprechen konnte.“ Ein anderer berichtete: „Im Laufe des Projekts habe ich mehr problematisches Verhalten in meinem Freundeskreis gesehen als vorher.“ Ein weiterer entschied sich, statt einer Laufbahn bei der Polizei eine Ausbildung zum Erzieher zu machen.
Auch Fachkräfte lernen dazu
Die Multiplikatoren-Ausbildung war auch ein Lernfeld für uns Fachkräfte:
- Wie können wir unserem Anspruch, Komplexitäten zu vermitteln, gerecht werden und gleichzeitig die Peer-Trainer befähigen, den Schüler*innen gegenüber verständlich aufzutreten?
- Wie pädagogisches Erfahrungswissen – Umgang mit Störungen, Moderation von Diskussionen etc. – vermitteln?
- Wer hat welche Expertise für was (beispielsweise Peer-Trainer mit Erfahrungswissen & Lebensweltnähe vs. Projektleitung mit Fachwissen)?
- In welchem Verhältnis stehen wir als Fachkräfte zu den Peer-Trainern im Projekt: Chef, Begleitung, Kolleg*innen?
- Und wie verändert sich dieses Verhältnis im Laufe des Projekts?
Gelingensbedingungen
Im Folgenden möchte ich einige Gelingensbedingungen für P2P Projekte zu Männlichkeiten zusammenfassen – und damit alle Lesenden motivieren, eigene Peer-to-Peer-Projekte durchzuführen.
- Motivation
Es ist – insbesondere bei kürzeren/kleineren Projekten – notwendig, dass die angehenden Peer Trainer*innen bereits Motivation und Interesse für das Thema mitbringen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Projektleitung durchgängig – insbesondere bei auch enttäuschenden Workshoperfahrungen – ansprechbar ist und motivierende Worte findet.
- Genügend Zeit für die Multiplikator*innenausbildung
Die (vertiefte) Auseinandersetzung mit (auch den eigenen Bezügen zu) Männlichkeit(en) und Geschlechterverhältnissen, das gegenseitige Kennenlernen sowie die Gruppenfindung sollten nicht zu kurz kommen. Zeit für „Off-Topic“ stärkt die Beziehung und das Gruppengefüge.
- Begleitung durch Fachkräfte und weitere Schulung und Reflektion bei der Durchführung der Workshops
Erfahrungen machen, diese reflektieren und anders in die nächsten Workshops gehen – dies braucht es, damit Peer Trainer*innen sich wohl und sicher fühlen mit ihren Methoden und im pädagogischen Handeln.
- Methodenvielfalt
Ein Repertoire an verschiedenen Methoden ermöglicht es den Peer-Trainer*innen sowie Schüler*innen, auf unterschiedliche Weisen zu lernen und in einen Austausch zu kommen -assoziativ, körperlich oder kognitiv/argumentativ. Thematisch niedrigschwellige Methoden können unter Umständen auch mit Peer-Trainer*innen zusammen entwickelt werden.
- Genaue Kommunikation mit Schulen (oder anderen Orten der Durchführung)
Wissen Schüler*innen nicht, warum ein Workshop mit ausschließlichem Fokus auf Männlichkeit(en) stattfindet, kann dies zu Frustrationen führen, die die Peer-Trainer*innen auffangen müssen. Daher sollten Rahmen und Inhalte mit den Kooperationspartnern, zum Beispiel Schulen, abgesprochen werden. Gleiches gilt über die Gruppe: Gibt es hier Dynamiken, auf die zu achten sind? Was sind hausinterne Regeln? Etc.
- Vernetzung und Kooperation mit Mädchen*arbeit & queerer Jugendbildung
Peer-Trainer*innen sollten die Möglichkeit haben, andere Perspektiven und Themenschwerpunkte kennenzulernen. Außerdem ist es sinnvoll, wenn Projekttage zu Männlichkeit(en) an bspw. Schulen stattfinden auch Angebote für Schüler*innen zu Weiblichkeit, geschlechtlicher Vielfalt und queeren Themen anzubieten.
- Praktiken statt Identitätsmodelle in den Fokus rücken
Beispielsweise fürsorgliche und antisexistische Handlungsweisen mit Jungen zu üben und zu kultivieren ist produktiv und macht (allen Beteiligten) Spaß. Dafür braucht es keine Identifikation mit oder Neudefinition von „Männlichkeit“.
- Flache Hierarchien zwischen Peer-Trainer*innen und Fachkräften
Die Offenheit in der Rollenverteilung ermöglicht die Entwicklung eines kollegialen Arbeitsverhältnisses. Peer Trainer*innen können im Laufe des Projekts selbstständiger werden, z.B. indem sie Aufgabenbereiche der Projektleitung (teilweise) übernehmen – dies kann reichen von der eigenständigen inhaltlichen Vorbereitung von Workshops bis hin zur Organisation und Mittelakquise.
