Das Tradwife-Leben auf Social Media ist ein Online-Gesamtkunstwerk. Hier beschäftigt man sich nicht mit schnöder Lohnarbeit, schmutzigen Toiletten oder Pizzen vom Bestellservice. Hier präsentiert man Gesamtkunstwerke. Der Kaffee ist nur kalt, wenn er mutwillig als „Cold Brew“ angesetzt wird. Man gammelt auch nicht in alten Jogginghosen in den eigenen vier Wänden, sondern trägt Statement-Kleidung oder Pyjamas aus Seide. Und wenn man zu der Sorte „robuste Landfrau“ gehört (so, wie zum Beispiel die auf einer Farm lebende US-Tradwife-Malocherin, Mormonin und millionenschwere Influencerin Hannah Neeleman), dürfen es auch mal Jeans und ein Shirt mit Marmeladenflecken drauf sein. Man weiß ja, dass das Ursprungsoutfit nicht von Primark stammt.
Schrumpelhände but make it Fashion
Überhaupt, wenn man zu den „Off Grid“-Tradwives gehört, die die eigenen Kartoffeln anbauen, sind auch mal verwuschelte Haare und dreckige Fingernägel erlaubt. Trotzdem wissen auch die nicht so geschniegelten Tradwives, wie man sich gekonnt in Szene setzt: Dreckige Fingernägel wirken zum Beispiel direkt weniger verwahrlost, wenn sie in einer Küche, in der ein Herd im Wert von mehreren zehntausend Dollar steht, Blumen zu kunstvollen Sträußen zusammenbinden. Wenn die Hände nach harter Arbeit im Gemüsebeet aussehen: Gut! Niemand wird diese Schrumpelhände mit ekliger Arbeit in Verbindung bringen. Man weiß, dass sie nicht beim Versuch, den Backofen mit aggressiven Reinigungsmitteln von Schmodder zu befreien, litten. Wenn überhaupt, dann haben nur Hefeteig, Kernseifen und Mutter Erde (vom eigenen Land) diese Hände geweiht. Es gibt aber noch öfter die perfekt manikürten Exemplare: So wie die Nägel von der Tradwife-Influencerin Nara Smith, die immer makellos sind – ganz egal, wie oft sie die Hände in Marinaden oder Mehlspeisen taucht.
Sauerteig als Lifestyle-Versprechen
Das allerwichtigste Merkmal der Tradwife-Ästhetik ist ansonsten: Geld. Egal ob auf einer urigen Farm oder in einer Marmor-Küche – man weiß immer, da ist ordentlich Patte am Werk. Angeblich verdient meist der Ehemann das Geld, aber in Wahrheit sind es oft die Frauen, die mit Content-Creation, Model-Verträgen und Tantiemen der sozialen Netzwerke die Scheine in die Kasse spülen.
Vor allem die reichweitenstarken Tradwives unter ihnen verwalten so nicht nur Rezepte, sondern auch Reichtum.
Es ist kein Wunder, dass der Stil der Tradwives sich in Vielem mit dem überschneidet, was gegenwärtig als „Old Money“-Ästhetik bezeichnet wird. Hier spielen zwei Seiten mit den gleichen Sehnsüchten: Status, finanzielle Sorglosigkeit, Klarheit und Ordnung – ästhetisch vermittelt durch vermeintliche Disziplin, den (scheinbaren) Rückzug ins Private und eine nostalgische Verklärung der Vergangenheit. Tradwife-Style und „Old Money“-Vibes sprechen zwar vordergründig unterschiedliche Zielgruppen an, reichen sich aber die Hand bei der visuellen Erzählung von „so sollte die Welt sein“: Elegant, klassisch und makellos. Cashmere statt Chinyl, sauber geschruppte Massivholztischplatten statt Glitzertischdecken vom „Dollar Tree“-Store. Exklusivität ist hier ein Lifestyle-Versprechen: Tradwives vermitteln nicht nur, dass sie geschnallt haben, wie man korrekt Sauerteig ansetzt. Sie signalisieren auch: „Wir wissen, wie das Leben an sich richtig geht. Alle anderen haben den Plot verloren.“ Die softe Ästhetik, ausstaffiert mit Statussymbolen, die diskret und unauffällig im Gesamtgeschehen platziert und dennoch omnipräsent sind, knüpft an elitäre Weltbilder an: Rollen sind stabil. Hierarchien sind gut. Veränderungen sind bedrohlich. Teure Töpfe sind besser als die erschwingliche Küchenmetallware von IKEA.
Schöner leben in Krisenzeiten
Es ist kein Wunder, dass gerade jetzt, wo Konservatismus wieder auf dem Vormarsch ist und wir eine Rezession miterleben, das Tradwife-Lebensmodell seine Blütezeit hat. Bereits ab Mitte der 2010er Jahre wurde das Tradwife-Dasein durch foto- und videobasierte Plattformen wie Instagram und YouTube einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt – angefeuert auch dadurch, dass optisch ansprechender Food- und Homemaking-Content sowieso zu den gängigen Sparten in diesen Netzwerken gehörte. Dann kam TikTok, und dann eine Pandemie, und viele Menschen waren insgesamt wieder auf ihre eigene Häuslichkeit zurückgeworfen; Und notorisch viel im Internet unterwegs.
Dann setzten die ökonomisch schwierigen Jahre ein, die bis heute andauern. Die Folge: „Sparen“ bekam einen ästhetischen Anstrich. Kochen, gärtnern und nähen werden nicht mehr nur als lästige Notwendigkeiten, sondern als erstrebenswerte Lebensziele präsentiert. Und von den Tradwives kann man sich da dann vielleicht noch eine Scheibe abschneiden – auch, wenn die eigene Küche nicht fünfstellig gekostet hat. Vielleicht kann man noch ein paar Münzen einsparen, wenn man Cornflakes selber backt? Oder vielleicht sogar dem Business-Modell der Tradwives nacheifern? Ein Internetstar werden, oder einfach sorglos reich? Die Welt scheint schlimm genug: Sich in einem teuren Anwesen zu verbarrikadieren und in geschmackvollen Kulissen den Alltag zu bestreiten (bzw.: zu romantisieren) scheint da nicht die schlimmste Idee zu sein.
Der sanfte Ton der Tradwives setzt dem ganzen dann die Krone auf: Hier wittert man das sagenumwobene „Soft Life“, eine Antwort auf Überforderung, und vielleicht sogar noch einen Sinn.
Vielleicht kann man in Zeiten der Unsicherheit vor allem dann gut überleben, wenn man sich in den eigenen vier Wänden darum kümmert, aus Sahne frische Butter zu schlagen.
Das natürlich mit dem guten Gefühl eines prall gefüllten Bankkontos, so dass man im Zweifelsfall auch die teuerste Butter aus Frankreich einfliegen lassen oder direkt eine Kuh kaufen könnte. Nicht das schlimmste Gefühl – auch ich verstehe die Verlockung. Am Ende nämlich verkaufen Tradwives die Illusion, dass es ihnen einfach gut geht, weil sie einfach existieren und ein paar Aufgaben im Haushalt ganz nach ihrem Gusto erledigen. Also das tun, was am Ende des Tages sowieso alle von uns tun müssen – nur, mit viel mehr finanziellen Möglichkeiten.
