Dein Buch ist als Studienbuch angelegt, das Studierende befähigen soll, Theorien und Phänomene von Männlichkeit zu durchdringen und dadurch selbst Forschungen zum Thema durchzuführen. Warum jetzt ein solches Grundlagenwerk?
Im deutschsprachigen Raum fehlte bisher ein solches Einführungswerk. Ich habe die Anfrage vom Transcript Verlag gern angenommen. Als ich mit dem Schreiben begonnen hatte, war die Rede von ‚toxischer‘ Männlichkeit bereits weit verbreitet. Bis zum Erscheinen des Buchs hat sich die Gesellschaft (leider) weiter in Richtung Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus entwickelt. Gleichzeitig kämpfen viele Männer, wenn auch oftmals leiser und weniger beachtet, für eine Geschlechterdemokratie. Deshalb ist es wichtig, sich mit den Veränderungen der Männlichkeit in der ganzen Breite zu beschäftigen.
Du schreibst, dass viele Studierende mit dem Thema Männlichkeit das Schlagwort „toxisch“ und ein generelles Unbehagen verbinden. Was bedeutet das für die Annäherung ans Forschungsfeld?
Der tägliche Blick in die Medien legt nahe, dass grundlegend etwas mit Männern und Männlichkeit nicht zu stimmen scheint. Ihnen wird die Verantwortung für aktuelle Kriege, Finanz- und Energiekrisen zugeschrieben, aber auch für die Umwelt- und Klimakrise. Für all diese Phänomene hat sich der Begriff toxische Männlichkeit durchgesetzt. Und die Studierenden nutzen ihn, um Einspruch gegen Machtmissbrauch, männliche Gewalt und Misogynie zu erheben. Von diesem Ausgangspunkt kann eine kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeit beginnen. Um mit diesem Unbehagen produktiv umgehen zu können, bietet das Buch verschiedene Begriffe und Theorien.
‚Toxische Männlichkeit‘ ist für mich kein Konzept mit dem wir wissenschaftlich arbeiten können, sondern eine Diskursfigur – und es eröffnet einen komplexen Blick in die verschiedenen Praxisfelder.
Krise, Toxizität, Kritik: Männlichkeitsforschung ist sowohl als Forschungsfeld als auch im Hinblick auf den Forschungsgegenstand mit Begriffen verknüpft, die negativ konnotiert sind. Wie hat sich das historisch entwickelt und warum?
Da lassen sich zwei Aspekte unterscheiden: Schon mit der Entwicklung der modernen Gesellschaft entsteht die Idee, dass Frauen das moralisch bessere Geschlecht sind.
Da Frauen aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen wurden, konnten sich an Weiblichkeit Projektionen und Wünsche nach Einheit, Harmonie und Verbundenheit heften. Männer hingegen waren in der kalten, rationalen Welt der kapitalistischen Gesellschaft arbeitsteilig tätig, mussten sich, wie Max Weber es sagte, in das „stahlharte Gehäuse der Hörigkeit“ einfügen.
Zugleich war mit ihrem Wirken in Politik, Erwerbssystem, Wissenschaft, Militär, aber auch Macht verknüpft. Und immer, wenn durch emanzipative Ansprüche der Frauen(-bewegungen) männliche Herrschaft in Frage gestellt wurde, dann setzt – und dies ist der zweite Aspekt – in der Öffentlichkeit die Rede von der ‚Krise der Männlichkeit‘ ein. Sie richtet sich weniger auf individuelle Krisen, die Männer aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen (Verlust von Erwerbsarbeit, Scheidung etc.) erleiden können. Es geht vielmehr um eine „Resouveränisierung“ von Männlichkeit und männlicher Herrschaft, wie Edgar Forster das ausgedrückt hat.
Du stellst unterschiedliche theoretische Konzepte von Männlichkeit vor. Bei jeder einzelnen konnte ich mitgehen und am Ende stellt sich mir die Frage: Müssen wir die alle zusammen denken, um Männlichkeit zu verstehen?
Die verschiedenen Männlichkeitstheorien, wie hegemoniale Männlichkeit (Connell); männliche Herrschaft (Bourdieu) oder männlicher Habitus (Bourdieu, Meuser) sind zu bestimmten historischen Zeitpunkten entstanden. Neuere Konzepte reagieren auf gesellschaftliche Veränderungen und versuchen die älteren Theorien anzupassen, wie etwa Inclusive Masculinities (Anderson/ McCormack) oder Hybrid Masculinities (Bridges/Pascoe). Und ganz neue Theorien entstehen, wie Caring Masculinties (Elliott), um zu verstehen, warum und wie Männer sich mehr in Fürsorgearbeit einbringen. Ich empfehle, sich lösungsorientiert aus den Theorien die Aspekte herauszunehmen, die helfen Fragen zu beantworten oder Probleme in der Praxis anzugehen. Da Männlichkeit sich permanent in einer Spannung zwischen Tradierung und Transformation bewegt, können auch die alten Theorien weiterhin nützlich sein.
Im zweiten Teil deines Studienbuchs hast du Felder sozialer Konstruktion von Männlichkeit detailliert betrachtet: Erwerbsarbeit und Beruf, Vaterschaft, Paarbeziehungen und Familie, Migration und Flucht und Politik. Warum diese Felder und warum nicht bspw. Körper, Gesundheit oder Sexualität?
Erwerbsarbeit und Familie/Vaterschaft sind Klassiker der Männlichkeitsforschung, weil Männlichkeit sich über die Erwerbsarbeit und die Position des Familienernährers lange Zeit definiert hat. Flucht/Migration und neurechte Politiken sind aktuelle Entwicklungen, die mir sehr wichtig waren. Ich habe mich entschieden, diese vier Felder in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit darzustellen, es blieb dann schlicht kein Platz mehr, um die wichtigen Felder Körper, Gesundheit und Sexualität vertiefender zu besprechen.
Neben den umfänglichen, gut lesbaren Informationen sind ein großer Schatz deines Buches die Lernfragen am Ende jeden Kapitels. Sind diese neben Studierenden auch für Fachkräfte der Jungen-/Männerarbeit geeignet?
Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Insbesondere die Transferfragen könnten in der Praxis unter Fachkräften, aber vielleicht auch mit männlichen (und weiblichen, queeren) Jugendlichen bearbeitet werden.
Wie können all die theoretischen Erkenntnisse und Herleitungen deines Studienbuchs Jungen*arbeit in ihren Zielen unterstützen?
Die wichtigste Botschaft ist, dass Jungesein/Jungewerden eine komplexe Herausforderung ist.
Das habe ich im Sozialisationskapitel versucht zu beschreiben. Wichtig finde ich zu reflektieren, dass die praktische Herstellung von Männlichkeit oftmals mit der Abwertung von Frauen und Weiblichkeit einhergeht. Aus meiner Sicht geht es darum, den Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt/Herrschaft kritisch zu reflektieren und weniger auf eine tradierte autonome Männlichkeit zu setzen, sondern die Sorge für sich und andere zu betonen und sie in der Jungenarbeit zu stärken. Dafür gib es ja aus eurem Feld tolle Anregungen in Form von Handbüchern und Weiterbildungen. Und es sollte Platz sein für migrantische Jungen und queere Jugendliche – die Jungenarbeit sollte also intersektional sein.

