Was ist Neurodiversität?
Menschen unterscheiden sich in den neuronalen Funktionsweisen ihrer Gehirne, beispielsweise in der Informationsverarbeitung, der Steuerung von Aufmerksamkeit oder beim Lernen. Diese Vielfalt wird als Neurodiversität bezeichnet. Innerhalb dieser Diversität gelten Menschen als neurotypisch, wenn ihre Gehirnfunktion der gesellschaftlichen Norm entspricht oder als neurodivergent, wenn sie von dieser Norm abweichen.1
Normabweichungen in neuronalen Funktionen treten oft gemeinsam auf. Ein bekanntes Beispiel wäre die Kombination von relativer Unaufmerksamkeit, impulsivem Reagieren auf Reize, einem Streben nach schnellen Belohnungen und einem hohen Stimulationsbedürfnis. Die Namen, die wir diesen Kombinationen geben, stammen überwiegend aus medizinischen Diagnosen, z. B. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Autismus oder Dyslexie (Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten).
Den pathologischen Blick hinterfragen
Die Beschreibung von Neurodivergenz über medizinische Diagnosen schafft ein Spannungsfeld zwischen der möglichen Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen und einer unfreiwilligen Pathologisierung. Menschen mit einer ADHS-Diagnose können beispielsweise dafür zugelassene Medikamente verschrieben und von der Krankenkasse bezahlt bekommen. Dafür begeben sie sich aber in ein System, welches sie als Patient*in mit einer „Störung“ behandelt. Autistische Menschen können durch eine Diagnose einen Grad der Behinderung beantragen, sind aber mit damit verknüpften Stigmata konfrontiert. Gleichzeitig schaffen Diagnosen vielen neurodivergenten Menschen auch die Erleichterung, ihrem „Anders-Sein“ einen Namen geben zu können.
Aktivistische Bewegungen neurodivergenter Menschen stellen heraus, dass ein Reclaiming von Begriffen nicht ausreicht, um jene gesellschaftlichen Strukturen zu verändern, die an den Bedürfnissen neurotypischer Menschen ausgerichtet sind und neurodivergente Menschen weiterhin als defizitär markieren.
Ein Ausbruch aus der Erwartung, neurotypisch sein zu müssen, erlaubt es, Abweichungen von einer neurokognitven Norm als neutrale Variationen zu betrachten. Neurodivergente Variationen in der Aufmerksamkeitssteuerung bringen beispielsweise nicht nur Nachteile mit sich. Autistische Menschen berichten oft von einer hohen Aufmerksamkeit für Details und Vorteilen im Erkennen von Mustern, ADHSler*innen sind im Hyperfokus sehr stabil in ihrer Aufmerksamkeit auf ein Thema2. Aus dieser Perspektive heraus erscheinen Begrifflichkeiten wie ADHS, die das Wort „Störung“ enthalten, unpassend. Ein sich noch etablierender Community-Begriff für Menschen mit ADHS ist Kinetic Cognitive Style (KCS). Hier kommt das Wort „Störung“ explizit nicht vor. Auf der individuellen Ebene bezeichnen sich Menschen, die diesen Begriff verwenden, als kinetisch, was einen inhärent mit dem Individuum verknüpften neurokognitiven Typ beschreibt (siehe Luux: Ich bin kinetisch).
Aktuell sind gesellschaftliche Strukturen und Erwartungshaltungen nach wie vor an einer neurofunktionalen Norm ausgerichtet. Auch wenn neurodivergente Menschen sich in ihrem Selbstkonzept von einer Pathologisierung lösen, treffen sie daher auf Rahmenbedingungen, in denen sie unzureichend vorgesehen sind. Viele neurodivergente Menschen fügen sich in der Folge in medizinisch-psychotherapeutische Systeme, weil diese Versorgungsleistungen anbieten, die es ihnen erleichtern können, unter neurotypischen Rahmenbedingungen zu (über-)leben.
Geschlechtsbezogene Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung
In der Medizin und Psychotherapie sind neurodivergente Menschen neben der Pathologisierung allerdings auch einer langen Liste geschlechtsbezogener Diskriminierungen ausgesetzt: Die meisten psychischen und nicht-psychischen Erkrankungen wurden ursprünglich, aber auch andauernd, anhand von weißen, cis-männlichen Probanden erforscht. Zusätzlich werden psychische Symptome systematisch aufgrund von sexistischen Zuschreibungen fehlinterpretiert, sei es als Banalisierung von Emotionalität, zyklusbedingt oder in der Vergabe von Diagnosen die als „weiblich“ gelabelt werden.345
Ein Beispiel für den Einfluss von geschlechtsbezogener Diskriminierung sehen wir bei der Diagnose ADHS: Studien, die Geschlecht binär erfassen, zeigen weltweit ein konsistentes Muster, durch das cis-Jungen etwa zwei-bis dreimal so häufig diagnostiziert werden wie cis-Mädchen.678
Im Erwachsenenalter nimmt die Ungleichheit des Geschlechterverhältnisse ab, bei cis-Männern besteht dann nur noch etwa 1,5-mal häufiger die Diagnose.5 Diese Befunde werfen die Frage auf, ob das Geschlechterverhältnis bei Kindern und Jugendlichen ebenfalls ausgeglichener wäre, wenn Barrieren zu Diagnosen abgebaut würden. Diagnostische Prozesse werden hier oft von außen initiiert, etwa durch Eltern oder Schulen. Dort wirksame stereotype Vorstellungen von ADHS, gesellschaftliche Erwartungen an Mädchen sowie unzureichende diagnostische Instrumente führen aktuell zu systematischen Ausschlüssen von Mädchen.9 Sie bekommen, strukturell bedingt, weniger die für sie passende Diagnose und geeignete Unterstützungsmöglichkeiten. Ein Indiz für die Wirksamkeit von kritischer Auseinandersetzung und Bildungsarbeit – sowohl unter Fachkräften als auch in der Gesamtgesellschaft – ist der deutliche Anstieg von ADHS-Diagnosen in den vergangenen 20 Jahren sowie die damit verbundene Verbesserung der Versorgungslage.7
Eine neuroqueere Perspektive
Ein weiterer Mangel psychologischer und medizinischer Studien: Geschlecht wird häufig nur binär erhoben, wodurch agender und nicht-binäre Personen unsichtbar bleiben. Trans*-Menschen werden nur teilweise in binären Kategorien erfasst, ihre spezifische Perspektive bleibt ebenfalls unberücksichtigt. Das ist besonders problematisch, weil es inzwischen viele Anzeichen für eine deutliche Überschneidung zwischen queeren und neurodivergenten Menschen gibt. Noch ist die Studienlage aus genannten Gründen begrenzt, aber eine große europäische Studie10 zeigt zum Beispiel, dass nicht-cisgeschlechtliche Menschen 3-6-mal häufiger autistisch sind als cisgeschlechtliche Menschen (dort liegt die Häufigkeit bei circa 1%).11
Ein Erklärungsansatz dafür ist, dass neurodivergente Menschen aufgrund ihrer Fähigkeit zu expansivem und nicht-normativem Denken eine für sie nicht stimmige Cis- und Heteronormativität besser ablehnen können. Auch die Erfahrung, normierten gesellschaftlichen Erwartungen in einem Bereich nicht zu entsprechen, senkt vermutlich den Anspruch, dies in einem anderen Bereich tun zu müssen.
Queerness, als Abweichung von einer sexuellen oder geschlechtlichen Norm und Neurodivergenz, als Abweichung von einer neuro-kognitiven Norm, teilen, dass sie pathologisiert und häufig gesellschaftlich abgewertet werden.12 13
Diese Überschneidung verstärkt zusätzlich die Notwendigkeit einer queerfeministischen Perspektive auf Neurodiversität. Wir können diese auch neuroqueere Perspektive nennen. Wir brauchen sie, um Erfahrungswelten neurodivergenter queerer Menschen sichtbar zu machen und sicherzustellen, dass Versorgungs- und Beratungsangebote für die Intersektion von queer und neurodivergent sensibilisiert sind.
Diese Überschneidung verstärkt zusätzlich die Notwendigkeit einer queerfeministischen Perspektive auf Neurodiversität. Wir können diese auch neuroqueere Perspektive nennen. Wir brauchen sie, um Erfahrungswelten neurodivergenter queerer Menschen sichtbar zu machen und sicherzustellen, dass Versorgungs- und Beratungsangebote für die Intersektion von queer und neurodivergent sensibilisiert sind.
In der Praxis bedeutet dies, dass Institutionen für neurodivergente Menschen – etwa Autismus- oder ADHS-Ambulanzen oder spezialisierte Wohngruppen – im Umgang mit queeren Menschen geschult sein müssen. Gleichzeitig brauchen Angebote für queere Menschen einen diskriminierungskritischen Umgang mit neurodivergenten Menschen. Ein Beispiel dafür sind Vorfälle, bei denen autistischen trans*-Menschen ihre geschlechtliche Identität aberkannt oder fälschlicherweise ihrem Autismus zugeschrieben wird.14 Eine neuroqueere Perspektive legt einen geteilten Kampf von queeren und neurodivergenten Menschen gegen die Durchsetzung von sozialen Normen nahe, die sie im Ausleben ihres Geschlechts, ihrer Sexualität oder ihres Neurotyps behindern. Diesen Kampf nicht parallel nebeneinander, sondern gemeinsam zu führen, bringt verschiedene Vorteile, zum Beispiel:
- Bewegungen können sich gegenseitig inspirieren in der Erschaffung von Gegen-Narrativen, welche gängige defizitorientierte Perspektiven auf Queerness und Neurodivergenz herausfordern. z.B. in dem sie Sichtweisen entpathologisieren.
- Skill- und Power-Sharing zwischen Bewegungen ermöglichen einen Transfer von Wissen und politisch wirksames Handeln .
- Gemeinsames Handeln erzeugt mehr Sichtbarkeit gemeinsamer Anliegen und den Transport von Informationen in neue Räume / Gruppen von Menschen.
Fußnoten
- Der Begriff Neurodiversität entstand in den 1990er Jahren als Gegenentwurf zu einer pathologischen Sichtweise, welche Abweichung von der normativen neuronalen Funktionsweise als Störung oder Defizit versteht. ↩︎
- Xia, Y., Wang, P., & Vincent, J. (2024). Why we need neurodiversity in brain and behavioral sciences. Brain‐X, 2(2), e70. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/brx2.70 ↩︎
- Dusenbery, M. (2022). Even Women Doctors Find Their Symptoms Aren’t Taken Seriously. https://www.webmd.com/women/features/cm/women-doctors-symptoms-dismissed ↩︎
- Merone, L., Tsey, K., Russell, D., & Nagle, C. (2022). Sex inequalities in medical research: a systematic scoping review of the literature. Women’s Health Reports, 3(1), 49-59. ↩︎
- Rossman, T. A., & Agroia, H. (2024). Disparities in mental health diagnoses and treatments among women: A historical and theoretical review. INTERNATIONAL JOURNAL, 6(2), 85-98. ↩︎
- Cheng, A., Illango, A., El-Kadi, A., Ma, H., Mitchell, N., Rajapakse, N., & Robb, C. (2022). Factors impacting gender diagnostic differences in ADHD: A review. The Child Health Interdisciplinary Literature and Discovery Journal, 1(1). ↩︎
- Polanczyk, G., de Lima, M. S., Horta, B. L., Biederman, J., & Rohde, L. A. (2007). The worldwide prevalence of ADHD: A systematic review and metaregression analysis. American Journal of Psychiatry, 164(6), 942–948. https://doi.org/10.1176/ajp.2007.164.6.942 ↩︎
- Xu, G., Strathearn, L., Liu, B., Yang, B., & Bao, W. (2018). Twenty-year trends in diagnosed attention-deficit/hyperactivity disorder among US children and adolescents, 1997–2016. JAMA Network Open, 1(4), e181471. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2018.1471 ↩︎
- Stollhoff, J. (2021). Überseht die Mädchen nicht. Neue Akzente, 1(118). ↩︎
- Warrier, V., Greenberg, D.M., Weir, E. et al. (2020). Elevated rates of autism, other neurodevelopmental and psychiatric diagnoses, and autistic traits in transgender and gender-diverse individuals. Nat Commun, 11, 3959. https://doi.org/10.1038/s41467-020-17794-1 ↩︎
- Zeidan J, Fombonne E, Scorah J, Ibrahim A, Durkin MS, Saxena S, Yusuf A, Shih A, Elsabbagh M. Global prevalence of autism: A systematic review update. Autism Res. 2022 May;15(5):778-790. doi: 10.1002/aur.2696. Epub 2022 Mar 3. PMID: 35238171; PMCID: PMC9310578. ↩︎
- McGuire, J. (2022). “We Are Not Ill”: A History and Analysis of LGBT Pathologization. Revue YOUR Review (York Online Undergraduate Research). ↩︎
- Visser, M. J., Peters, R. M., & Luman, M. (2024). Understanding ADHD-related stigma: A gender analysis of young adult and key stakeholder perspectives. Neurodiversity, 2, 27546330241274664. ↩︎
- Strang JF, Powers MD, Knauss M, Sibarium E, Leibowitz SF, Kenworthy L, Sadikova E, Wyss S, Willing L, Caplan R, Pervez N, Nowak J, Gohari D, Gomez-Lobo V, Call D, Anthony LG. „They Thought It Was an Obsession“: Trajectories and Perspectives of Autistic Transgender and Gender-Diverse Adolescents. J Autism Dev Disord. 2018 Dec;48(12):4039-4055 ↩︎
