Interview mit Veronika Kracher
Warum ist es gerade jetzt Zeit für dein Buch?
Wir sehen gerade immer wieder an prominenten Fällen, wie antifeministische Akteure an Frauen, die für ihre eigenen Interessen einstehen – zum Beispiel, weil sie feministische Positionen vertreten oder sich öffentlich zu sexueller Gewalt äußern – das immergleiche Playbook exerzieren. Diese Frauen werden großflächig diffamiert –
„Flooding the Zone with Shit“
nannte das Donald Trumps ehemaliger Chef-Stratege Steve Bannon, und antifeministische und misogyne Akteur*innen versuchen, (vermeintliche, oft marginale und beliebige) Transgressionen der Betroffenen zu Kapitalverbrechen aufzubauschen, um sie zur Persona Non Grata zu stilisieren, gegen die Häme, Abwertung und Gewalt auch komplett legitim ist. Häufig dient dies dazu, davon abzulenken, was der Gegenstand der tatsächlichen Debatte ist. Ein aktuelles Beispiel ist der Fall von Collien Fernandes und ihrem Exmann, Christian Ulmen, dem Fernandes vorwirft, sie in Sex-Chats mit fremden Männern imitiert und sexuelles Bild- und Videomaterial, das sie darstellen soll, verbreitet zu haben. Bereits jetzt sprechen ihr rechte Hetz-Plattformen und deren Follower die Glaubwürdigkeit ab, und Ulmens Anwalt attackiert den Spiegel, der darüber berichtet hatte, wegen einer Ungenauigkeit: die Zeitschrift hatte von Deepfakes gesprochen, was für KI-generiertes Material steht, die entsprechenden Bilder waren jedoch nicht KI generiert. Es geht hier nicht um eine Kritik, dass Journalismus um Genauigkeit bemüht sein sollte, sondern um Diskursverzerrung. Es soll eine Unglaubwürdigkeit der Spiegel-Berichterstattung und somit Ulmen zum Fokus gemacht und von der eigentlichen Tat abgelenkt werden. DARVO nennt sich das: Deny, Attack, Reverse Victim and Offender und ist ein Kernelement dieses misogynen Kulturkampf-Playbooks.
Du beschreibst die Bedeutung digitaler Plattformen als Brandbeschleuniger für Frauenhass: raus aus der Nische, rein in den Mainstream. Kannst du die Mechanismen beschreiben, die diesen weltumspannenden Hass befördern?
In meinem Buch führe ich anhand mehrerer Studien aus, dass User*innen sozialer Medien vor allem Content teilen, der heftige Emotionen wie Wut und Empörung auslöst – ungeachtet des Wahrheitsgehalts dieses Contents. Und diese Mechanismen nutzen misogyne Content Creator gezielt aus, um Frauenhass zu schüren und zu verbreiten. Ich spreche in Anlehnung an die Kulturwissenschaftlerin Taylor Lorenz von dem „Misogyny Slop Ecosystem“: im Zuge des Erfolgs von Andrew Tate hat sich ein richtiger Markt für Podcaster, Streamer, YouTuber, Pöbel-Accounts auf X und TikTok oder auch hetzerischer „News-Outlets“ entwickelt, die kaum etwas anderes machen als sich über Frauen und trans Personen zu mokieren. Sie verbreiten Material über ihrer Ansicht nach „verurteilenswerte“ Frauen wie alleinerziehende Mütter, Feministinnen, Sexarbeiterinnen oder dicke Frauen und signalisieren somit ihren Followern, dass es legitim ist, in den Kommentarspalten ihrem Hass freien Lauf zu lassen – oder die Betroffenen direkt zu belästigen. Das kann dann zu öffentlicher Belästigung, Doxing, Gewaltandrohungen, Stalking… führen. Gerade der Hass gegen bestimmte Frauen in der Öffentlichkeit, die als „unsympathisch“ gelten – Blake Lively, Meghan Markle, Amber Heard, Chappell Roan – als auch der rechte Kulturkampf gegen „Wokeness“ und „Diversität“ in der Popkultur, was ja wenig anderes ist als die Empörung über die Repräsentation von marginalisierten Menschen, ist ein extrem lukratives Geschäft. Die misogyne Schmierenkampagne gegen die Schauspielerin und Aktivistin Amber Heard 2022, in der große Teile der digitalen Öffentlichkeit auch einfach keinerlei Skrupel hatten, ein Opfer häuslicher Gewalt zu verhöhnen, muss hier auch als Zäsur begriffen werden.
Für welche Politik steht deiner Einschätzung nach, dass diesem Hass kaum rechtlicher oder gesellschaftlicher Einhalt geboten wird?
Es ist definitiv eine Politik der Desinformation, eine Politik der postfaktischen Gesellschaft, eine Politik von Autoritarismus, Gewalt und Demütigung.
Und natürlich eine patriarchale und kapitalistische Politik. Für Plattformen ist es wichtiger, Profit durch menschenfeindliches Material zu generieren, als Betroffene zu schützen – weil sich der Hass monetarisieren lässt. Die Justiz lässt, gerade in Deutschland, Opfer digitaler Hassgewalt oft allein, und die Große Koalition kürzt die Förderung für Anlaufstellen für Betroffene. In den USA operiert das Weiße Haus sogar gezielt mit Hass-Content als Politik – der offizielle X-Account des Weißen Hauses teilt hämische Abschiebe-Memes.
Frauenhass wird genüsslich zelebriert, Frauen bedroht und beschimpft. Warum haben diese Menschen kein Unrechtsbewusstsein?
Marginalisierte Menschen wurden historisch schon immer dehumanisiert, um ihre Unterdrückung zu rechtfertigen. Diese Dehumanisierung ist Kernelement des „Misogynist Slop Ecosystem“ und misogyner Hasskampagnen.
Die Soziologin Eva Illouz führt aus, dass Täter oder auch Zuschauer von Gewalt den Betroffenen Empathie verweigern, wenn sie glauben, diese hätten die Gewalt irgendwie verdient. Gerade bei frauenfeindlicher Gewalt kommt dazu: sie hat System. Sie dient dazu, den patriarchalen Status Quo aufrecht zu erhalten, und alle, vor allem hetero- und cis Männer profitieren von dieser Gewalt. Frauen, die sich den patriarchalen Anforderungen an Weiblichkeit verweigern, sei es, weil sie Feministinnen sind, oder auch einfach nur dick, queer, oder sonstwie „transgressiv“, öffentlich und kollektiv abzustrafen und daraus ein Spektakel zu machen, ist ein etablierter kultureller und politischer Akt, der von Hexenverbrennungen bis hin zur Regenbogenpresse reicht. Und dank des Internets kann nun jeder Mensch selbst einen Pranger aufbauen.
Ein weiterer Aspekt ist die Massenpsychologie: bei kollektiv ausgeübter Gewalt gibt das Individuum seine Fähigkeit zur Selbstreflektion an den Mob ab: „Wenn alle mitmachen, kann das ja so falsch nicht sein“.
Was ist der Benefit von Hater*innen, Frauen auf digitalen Plattformen zu demütigen?
Also erstmal der monetäre Aspekt, Misogynie ist ja ausgesprochen lukrativ. Außerdem geht es um Machtausübung: Täter können sich ihrer patriarchalen Vorherrschaft versichern, in dem sie Frauen demütigen. Ein Beispiel hierfür sind die Deepfakes von Taylor Swift, mit denen misogyne Trolle 2024 die Plattform X geflutet haben. Sie sagen damit: „Du bist zwar eine der reichsten und populärsten Frauen der Welt, aber wir können dich immer noch als Frau demütigen“. Außerdem wohnt Gewalt gegen Frauen auch immer ein Moment patriarchalen Bondings inne – es ist etwas Kollektives, siehe auch die Freude, mit der Männer im Frühjahr 2026 gemeinsam auf X mittels der KI Grok Deepfakes von Frauen und Mädchen angefertigt haben, sich in Kommentarspalten gegenseitig virtuell High Fives für frauenfeindliche Hetze geben oder auf Telegram Deepfakes oder unkonsensuell geteilte Fotos und Videos veröffentlichen.
Du erlebst Hass auch seit Jahren persönlich: magst du uns einen Einblick geben, welche Auswirkungen das auf dich hat?
Es geht mir psychisch gerade nicht sonderlich gut. Sobald eine Frau Erfolg und Sichtbarkeit hat, geht das mit einem Backlash einher. Misogyne Akteur:innen versuchen, mich zu verhöhnen oder zu diffamieren, ich weiß, dass unter jedem Artikel über mein Buch Kommentare stehen, die meine Expertise und Person abwerten, weil – wie kann ich es wagen, mit meiner Kritik Raum in Anspruch zu nehmen und dafür Anerkennung zu bekommen? Es ist ein Gefühl von Ohnmacht zu sehen, dass Menschen – vor allem Männer – seit Jahren Spaß daran haben, mich für mein Engagement und meine Reichweite bestrafen zu wollen und Bösartigkeiten über mich verbreiten; dass ich viele Kämpfe ausfechten muss, die mir als Mann erspart bleiben würden. Aber zum Glück habe ich die Solidarität meiner Freund*innen und politischen Weggefährt*innen, die wiegt sehr viel mehr als die Empörung irgendeines Thomas, der sauer ist, dass eine Feministin es wagt, über digitalen Frauenhass zu sprechen.
Und zum Schluss: ist Frauenhass an eine bestimmte politische Richtung gebunden oder ist sie omnipräsent?
Er ist omnipräsent und leider auch in sich progressiv verstehenden Strukturen nach wie vor verankert –
ein Marx-Lesekreis oder lackierte Fingernägel befreien keinen cis Mann von seinem Sexismus.
Gerade bei linken Männern beobachte ich oft eine Abwehrhaltung, wenn sie damit konfrontiert werden, vielleicht doch keiner „von den Guten“ zu sein, weil: sie sind ja links, und somit können sie gar keine Sexisten sein!
Gleichzeitig müssen wir aber benennen, dass Antifeminismus und die sogenannte „Politisierte Männlichkeit“, wie es die Autorin Susanne Kaiser nennt, ein Phänomen ist, dass Männer schnell nach Rechtsaußen radikalisiert. Die Rechte appelliert gezielt an eine gekränkte Männlichkeit und verspricht ihren Anhängern eine Welt ohne Feminismus und weibliche oder queere Selbstbestimmung, in der sie der uneingeschränkte Herrscher im Geschlechterverhältnis sind.

