Warum stellst du Mikro- und Feminismus gegenüber, indem du Feminismus als großes Engagement und Mikrofeminismus als für die, die keine Kraft für „großes Engagement“ haben, beschreibst?
Ich sehe Mikrofeminismus nicht als Gegenstück zum Feminismus, sondern als einen wesentlichen Bestandteil davon. Feminismus braucht natürlich strukturelle Veränderungen, politische Entscheidungen und gesellschaftliches Engagement. Gleichzeitig entsteht gesellschaftlicher Wandel aber auch im Alltag.
Unsere größte Wirkungsmacht als Einzelpersonen liegt meist nicht auf der Makroebene, sondern in unserem direkten Umfeld, also in Gesprächen und Entscheidungen.
Genau dort gibt uns Mikrofeminismus die Möglichkeit, jeden Tag etwas zu tun, statt darauf zu warten, irgendwann einmal etwas »Großes« bewirken zu können. Ich glaube, dass viele kleine Veränderungen große Veränderungen erst möglich machen.
Du verknüpfst den Begriff des Feminismus mit Alltagssituationen, die viele vielleicht gar nicht mit Feminismus verbinden würden: Was steckt hinter diesem Konzept?
Ich verknüpfe Feminismus nicht erst mit unserem Alltag. Vielmehr ist das Patriarchat längst Teil unseres Alltags und prägt zahlreiche Situationen, die wir oft gar nicht als politisch wahrnehmen. In The Daily Feminist versuche ich sichtbar zu machen, wo uns patriarchale Vorstellungen und Rollenbilder begegnen, wie sie unser Denken und Handeln beeinflussen und warum sie uns häufig so selbstverständlich erscheinen. Feminismus wird dadurch nicht künstlich in den Alltag hineingetragen, er macht vielmehr sichtbar, was dort ohnehin jeden Tag passiert.
199 Alltagsbeispiele: Viele Frauen* werden Seite für Seite „kenn ich“ denken: Welche Erkenntnisse möchtest du bei den Leserinnen* hervorrufen?
Genau diese Wiedererkennung ist mir wichtig. Ich möchte, dass Frauen* sich gesehen fühlen und merken, dass sie mit vielen Erfahrungen nicht allein sind. Denn vieles, was wir als persönliches Problem, individuelles Versagen oder eigene Überempfindlichkeit wahrnehmen, ist in Wahrheit Teil eines gesellschaftlichen Rahmens. Das kann entlastend sein und verbünden.
Den Alltagssituationen stellst du Handlungsmöglichkeiten an die Seite, die Irritationen auslösen. Welche Ziele verfolgst du mit diesem Konzept?
Irritation ist für mich Voraussetzung für Veränderung. Das Patriarchat funktioniert auch deshalb so stabil, weil seine Regeln und Rollenbilder als selbstverständlich erscheinen. Wer sie infrage stellt, stört und wird schnell als anstrengend oder unbequem betitelt.
Genau darin liegt aber die Kraft der Irritation. Sie unterbricht Routinen, macht Unsichtbares sichtbar und zwingt uns, neu über Dinge nachzudenken, die wir bisher einfach hingenommen haben.
Fortschritt beginnt oft in dem Moment, in dem etwas nicht mehr reibungslos funktioniert. Deshalb möchte ich mit den Handlungsmöglichkeiten nicht nur Lösungen anbieten, sondern bewusst kleine Störungen erzeugen. Denn was das Patriarchat irritiert, kann für gesellschaftliches Vorankommen sehr produktiv sein.
Die Summe der Kapitel zeigt, dass Ungleichheitsverhältnisse zwischen Männern* und Frauen* sich durch wirklich alle Lebensbereiche ziehen. Ist das der Übertritt vom Mikro- zum Feminismus?
Ich würde es nicht zwingend als einen Übertritt vom Mikro- zum Feminismus beschreiben. Vielmehr zeigt die Vielfalt der Kapitel, dass patriarchale Strukturen nahezu alle Bereiche unseres Alltags prägen. Genau deshalb können wir auch überall Mikrofeminismus anwenden. In unserer Sprache, in Beziehungen, in der Arbeitswelt oder in der Art, wie wir über Körper sprechen. Wir haben die Möglichkeit, zu hinterfragen, innezuhalten und anders zu handeln.
Zunächst dachte ich beim Lesen: Ich kenne all diese Beispiele, für mich ist es nichts Neues. Aber die große Summe der Situationen, die du beschreibst, macht nochmal deutlich, wie tief verwurzelt patriarchale Regeln in uns sind und dass Geschlechterhierarchien immer wirken. Für wen hast du dieses Buch geschrieben?
Ehrlich gesagt habe ich das Buch gar nicht für eine ganz bestimmte Zielgruppe geschrieben. Die Rückmeldungen zeigen, dass es Menschen ganz unterschiedlichen Alters und Geschlechts erreicht, von jungen Frauen bis zu Männern über 80. Ich glaube, der gemeinsame Nenner ist Neugier.
Das Buch richtet sich an Menschen, die verstehen möchten, was Feminismus bedeutet, die vielleicht das Gefühl haben, dass im Alltag manches schiefläuft, oder die sich fragen, ob und wie sie selbst etwas verändern können.
Wenn Leser:innen das Buch zuklappen und die Welt anschließend mit etwas anderen Augen sehen, dann hat es seinen Zweck erfüllt.
Neben den Themen, Situationen und Reaktionsmöglichkeiten hast du ans Ende jeden Kapitels ein Dictionary gesetzt, das – über das Buch verteilt – wichtige Begriffe erläutert. Welchen Wunsch verbindest du mit diesem add on?
Das Dictionary war mir ein besonderes Anliegen, weil Sprache prägt, wie wir die Welt wahrnehmen und welche Phänomene wir überhaupt benennen können. Erst wenn wir etwas sprachlich fassen können, können wir uns auch darüber unterhalten, es einordnen und hinterfragen. Deshalb wollte ich Begriffe erklären, die in feministischen Debatten immer wieder auftauchen und sie möglichst verständlich machen. Gleichzeitig war mir wichtig zu zeigen, dass Feminismus bei aller Ernsthaftigkeit auch Humor verträgt. Denn Humor kann Denkmuster aufbrechen, Widersprüche sichtbar machen und Menschen für Themen öffnen, bei denen sie sonst vielleicht sofort in eine Abwehrhaltung geraten würden.

