Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
26.05.2026
4 Min. Lesedauer
Redaktion GSP
In Buch des Monats

Brutal fragile Typen – Interview mit Ole Liebl 

Männlichkeiten zwischen feministischen Kämpfen und konservativen Kulturkämpfen

Männlichkeiten zwischen feministischen Kämpfen und konservativen Kulturkämpfen  

Zunächst eine Frage zum Cover deines Buches: Es zeigt einen Zwergspitz. Was hat es mit diesem flauschigen Tier und dem Thema Männlichkeit auf sich? 

Einer der stärksten Männer der Welt, Hafþór Júlíus Björnsson, liebt Zwergspitze. Die Hunde gehen ihm wahrscheinlich gerade bis zum Knöchel. Ähnliches sehen wir auch auf der Straße:

Aufgepumpte Hünen, so richtig mit Goldkette, weißem Unterhemd und Penisbeulen-Jogger, die dann eine kleine aufgeföhnte Knutschkugel Gassi führen.

Das ist doch ein kurioser Gegensatz! Ich habe diese kleine Beobachtung zum Anlass genommen, darüber nachzudenken, welche Eigenschaften Männer haben dürfen, und welche sie auf eigenwillige Weise auslagern, andern überlassen, gewissermaßen »outsourcen« … manchmal eben auch auf einen Hund. Der Zwergspitz steht für vieles, was Männer oft verdrängen wollen oder unterdrücken müssen. 

Dein Buch ist gerahmt von dem Satz „Männlichkeit ist ein von Angst und Erregung durchtränkter Sehnsuchtsort“. Was genau meinst du damit? 

Um zu verstehen, warum heute das Thema Männlichkeit wieder so ungeheuer aktuell ist, müssen wir neben den feministischen Kämpfen auf der einen, neben den konservativen Kulturkämpfen auf der anderen Seite auch die Männer selbst in den Blick nehmen: Männlichkeit ist nicht nur etwas, für das sie kritisiert oder zu dem sie aufgefordert werden, sondern auch etwas, was viele Männer wollen. Wonach sie sich sehnen.

In der Männlichkeit steckt ein Versprechen von Orientierung, Stärke, Macht, Erfolg (sexuell wie beruflich).

Das wäre der Part mit der »Erregung«. Aber wie mit jedem hohen Ideal geht auch Stress einher, die Furcht vor dem Scheitern, der Verlust von Potenz: Das wäre dann die »Angst«, also so eine Art Kastrationsangst. Männlichkeit als diesen widersprüchlichen Sehnsuchtsort zu beschreiben, kann ihre ungeheure Faszination erklären. Männlichkeit vereinigt und konzentriert intensive und ambivalente Gefühle. 

Was möchtest du, dass ich verstanden habe, wenn ich dein Buch gelesen habe? 

Dass Männlichkeit nicht als Set von Eigenschaften kritisiert werden sollte, sondern als soziales Verhältnis. Ich glaube nicht, dass es uns viel weiterbringt, einfach nur zu fordern, dass Männer nicht so hart, stark oder emotionslos sein sollten. Oder dass diese Eigenschaften per se toxisch seien, während andere es nicht wären. Das halte ich für falsch. Viel interessanter und fruchtbarer erscheint mir die Frage, wie Männer trotz ihrer großen charakterlichen Unterschiedlichkeit in ähnliche frauenfeindliche Abgründe kippen können. Warum Männer trotz ihrer verschiedenen Zugänge zu ihrem Geschlecht von rechten Influencern in ihrer Männlichkeit radikalisiert werden können.  

Worin besteht der Zusammenhang von Fragilität und Brutalität in der Männlichkeitskonstruktion? 

Männlichkeit sieht sich seit dem Beginn feministischer Bewegungen in der Krise.

Die Krisenhaftigkeit des Männlichen ist es, die aber wiederum erlaubt, sich mit besonderer (männlicher) Härte gegen Frauen zu erheben. Die Fragilität des Männlichen legitimiert ihre Brutalität. 

Du schreibst, Manfluencer nutzen die stille Sehnsucht von Männern nach positiven Gefühlen und bieten als Lösung für diese Leerstelle Härte an. Wie funktioniert dieser Mechanismus? 

Manfluencer bedienen verschiedene Sehnsüchte, und ja, manche erheben hier die Forderung, dass Männer hart werden sollten. Sowohl physisch, indem sie ihren Körper stählen, als auch psychisch, indem sie ihre Gefühle kontrollieren. Deshalb erfreut sich ja auch ein vulgärer Stoizismus so großer Beliebtheit in der Manosphere. Bei Stoizismus geht es um den Anschluss an eine antike Denkschule, die die Ruhe des Gemüts als höchstes Ziel ausgerufen hat. Moderne Maskulinisten machen daraus die bescheuerte Forderung, jede Gefühlsregung sofort abzutöten. So werden Gefühle einfach nur blockiert und können sogar noch intensiviert werden. Das ist aber gerade der Trick bei der Manosphere: Es wird eine Lösung ausgerufen, die das Problem verstärkt. So macht man seine Fans von sich abhängig.  

Wenn es ein weit verbreiteter Irrglaube ist, Männer seien weniger gefühlvoll als Frauen: Sind „Gefühle“ dann nur ein Synonym für Weichheit, Liebe und Zugewandtheit? Denn Wut, Ärger und Aggression sind ja auch Gefühle? 

Es geht bei dem »Glauben«, dass Männer weniger gefühlvoll seien, ja gar nicht um die realen Emotionen. Hier geht es nur um eine Ideologie, die Gefühle von Frauen generell abwerten sollen, während die von Männern gar nicht als solche erkannt werden.  

Ist es überhaupt möglich, Männlichkeit abzuschaffen, wie du es den Forderungen bestimmter Feminismen zuordnest? Und was würde das für Weiblichkeit und Queerness bedeuten? 

Ich positioniere mich in meinem Buch gegen die Forderung, Männlichkeit abzuschaffen. Ich halte das weder für realistisch noch aus einer queeren Perspektive für sinnvoll. Geschlechtliche Zuschreibungen spielen in allen Kulturen der Welt eine bedeutende Rolle (die auch immer wieder kritisiert werden darf und kritisiert werden muss), aber das ermöglicht ja auch ein Spiel mit Geschlecht; als Maske, als Performance, als Rolle, als Politik. Davon lebt queere Kultur. Von Männlichkeiten spreche ich deshalb am liebsten im Plural.

Bestimmte Männlichkeiten haben ihre Zeiten wohl hinter sich, aber Männlichkeit »an sich« abschaffen zu wollen, ist für mich reines Virtue Signalling

Was ist deine Vision von Männlichkeit? 

Da habe ich keine. Menschen müssen nach ihrer Fasson glücklich werden und sich mit ihrer eigenen Geschlechtlichkeit in all ihrer Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Schönheit auseinandersetzen. Ich fordere nur, dass eine geschlechtliche Identität, die auf der Abwertung anderer beruht, keinen Platz in einer freien Gesellschaft haben darf. 

Ole Liebl

Brutal fragile Typen. Männer und Gefühle

9783365010716

Verlag HarperCollins

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Ole Liebl
OLE LIEBL, geboren 1992 in einem Dorf in Rheinland-Pfalz, studierte Philosophie und Informatik an der TU und FU Berlin. Auf TikTok und Instagram klärt Liebl aus wissenschaftlicher Perspektive über verschiedene Themen rund um Sexualität, Geschlecht und Beziehungen auf.
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