Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
19.08.2026
4 Min. Lesedauer
Jessica Wagner
In Magazin/ Popkultur

Booty Workouts & Rabattcodes

Fitnessinfluencerinnen zwischen Weiblichkeit, Körper-Normierung und Kapitalismus

„Ohne diese Tipps werden deine Hipthrusts nie im Po ankommen!“ – Fitnessinfluencerinnen als populäres Social-Media-Phänomen vor allem auf Instagram und TikTok bieten ein Spektrum zwischen Trainingstipps, Fitnessmode, Ernährungstipps und einer eigenen Definition von Bodypositivity, die sich stets im Spannungsfeld von perfekter Inszenierung und Authentizität bewegt. Doch wie genau funktioniert das Phänomen Fitnessinfluencerin? Wie werden neben Tipps zum Körpertraining auch implizit Vorstellungen von Geschlecht geformt?

„Bauch, Beine, Po“

Popularität gewann das Phänomen in seinen Anfängen in Deutschland vor allem durch die Influencerinnen Sophia Thiel und Pamela Reiff auf der Plattform YouTube. Erstere hat sich in der Zwischenzeit aus dem Feld weitestgehend zurückgezogen und bearbeitet auf Social Media neben klassischem Lifestyle-Content unter anderem Themen wie mentale Gesundheit und Essstörungen. Heute finden sich prominente deutsche Influencerinnen vor allem im Umfeld der Supplementmarke More Nutrition wie beispielsweise die Creatorin Romina Palm.

Die kuratierten Social Media Accounts der Influencerinnen zeichnen sich durch ein spezifisches vergeschlechtlichtes optisches Bild bzw. einen spezifischen Kleidungsstil aus: lange Haare, Sport-BH und Leggins, definierte und schlanke, aber nicht zu muskulöse Körperform.

Auch in Bezug auf das auf& Social Media gezeigte Training und die Trainingstipps der Influencerinnen sticht eine konstruierte vergeschlechtlichte Differenzlinie ins Auge: Die Trainingstipps der Fitnessinfluencerin beziehen sich vor allem auf das Training des Pos. Es gibt darüber hinaus spezifische Posen, die die Fitnessinfluencerin einnimmt, um diesen illusorisch größer erscheinen zu lassen. Hierbei zeigt sich, dass sich on- und offline Sphäre nicht trennen lassen; in der Medienwissenschaft wird von einer „tiefgreifend mediatisierten Gesellschaft“ (Hepp 2021) gesprochen. So wird das spezifische Po-Training der Influencerinnen durch ihre Followerinnen, meist junge Frauen und Mädchen, die das Training nachtrainieren, auch ‚offline’ in den Fitnessstudios sichtbar.

Hyper-Ritualisierung von Weiblichkeit

Fitnessinfluencerinnen befinden sich darüber hinaus oft in einer Beziehung mit einem Fitnessinfluencer. Die Beziehung wird in Form von sogenanntem „couple content“ als perfekte Beziehung inszeniert. In den kuratierten Alltag, den die Fitnessinfluencerin auf Social Media zeigt, werden immer wieder Einblicke in Care-Tätigkeiten wie Kochen („meal-prep“) oder das ansprechende Dekorieren der gemeinsamen Wohnung integriert. So zeigt sich eine vergeschlechtlichte Selbstrepräsentation der Influencerinnen, in welcher normierte Weiblichkeit anhand verschiedener Zuweisungen ästhetisch zelebriert, „hyper-ritualisiert“ (Götz/Prommer 2020) wird.

Nahbarkeit und Reichweite

Besonders zum Tragen für diese Hyper-Ritualisierung kommt die spezifische Funktionslogik von Social Media. Um mit dem eigenen Content Reichweite und Engagements (durch Likes, Shares und Kommentare) generieren zu können, müssen sich Influencerinnen an die Algorithmen der Plattformen sowie die Sehgewohnheiten der Nutzer*innen anpassen, zumindest wenn sie ihren Content bestmöglich monetarisieren wollen. Relevant ist in diesem Zusammenhang das Phänomen der Parasozialen Beziehung (Hartmann 2017), welche ebenfalls maßgeblich für den Erfolg der Influencerinnen auf den Plattformen ist. Durch die interaktiven Möglichkeiten der Plattformen (Fragesticker in den Storys, die Möglichkeit private Nachrichten zu senden etc.) und die direkte Ansprache entsteht bei den Follower*innen das Gefühl eine enge Beziehung zur Influencerin zu haben. Hierbei kann zum Beispiel Nahbarkeit erzeugt werden, indem auf einen gemeinsamen weiblichen Erfahrungsraum rekurriert wird. Dieser wird dann aber in der Narration nur selten auf geteilte strukturelle Erfahrungen wie z. B. sexuelle Belästigung im Fitnessstudio bezogen, sondern es wird vielmehr ein geteilter Erfahrungsraum aufgrund ‚typisch weiblicher’ Eigenschaften erzählt, bis hin zu einer gemeinsamen vergeschlechtlichten Körperform mit großem Hintern und ansonsten schlanker Silhouette.

Perfekt authentisch

Nichtsdestotrotz betonen Fitnessinfluencerinnen gleichzeitig, wie wichtig es ist, seinen eigenen Körper zu akzeptieren und sich nicht von Schönheitsidealen unter Druck setzen zu lassen. Diese widersprüchliche Botschaft, die so durch den Content gesendet wird, ist ein Spezifikum aktueller Lebenswelten junger Frauen.

Dabei befinden sich sowohl die Influencerinnen als auch die Followerinnen in einem permanenten Spannungsfeld zwischen normierten Schönheitsanforderungen und der auf Social Media ebenfalls erwarteten Authentizität.

Dieses Spannungsfeld zeigt sich plastisch in Posts, die Fitnessinfluencerinnen immer wieder bewusst platzieren, in welchen sie sich als „Reality check“ oder „Social Media vs. Reality“ beispielsweise mit einem ‚runden’ Bauch während der Periode oder nach einer Mahlzeit gezielt inszenieren. Rosalind Gill spricht von einer „kritischen Blickökonomie“, also dem Gefühl, einer ständigen Bewertung ausgesetzt zu sein, ob der Spagat zwischen Authentizität und Perfektion gelingt (Gill 2021).

Rabattcodes, Proteinpulver und Plattformlogik

Das Phänomen der Fitnessinfluencerin muss auch im Kontext kapitalistischer Verwertungslogik betrachtet werden. In den meisten Fällen stehen Fitnessinfluencerinnen bei einer Marke für Nahrungsergänzungsmittel wie Proteinpulver und Supplements sowie einem Label für Sportbekleidung unter Vertrag. Die Influencerinnen haben jeweils einen eigenen Rabattcode, mit dem die Followerinnen beim Online-Einkauf bei den Brands einen Rabatt bekommen. Das Einkommen der Fitnessinfluencerin hängt im Gegenzug davon ab, wie viele Menschen mit ihrem Code einkaufen. Es wird deutlich: Wollen die Influencerinnen mit ihrem Content Geld verdienen, eine erfolgreiche Influencerin sein, so kann das nur gelingen, wenn sie die Anforderungen der Plattform sowie die Anforderungen der jeweiligen Marken erfüllen.

Soziale Arbeit

Ich betone in meinen Workshops für Pädagog*innen immer, dass es wichtig ist, als Fachkraft nicht vorschnell in eine affektive Bewertung der Fitnessinfluencerinnen überzugehen, die schnell auch in misogyne Weiblichkeitsabwertung kippen kann.

Für die Soziale Arbeit heißt das, ganz nach dem Motto „don’t hate the player hate the game“, bei jungen Menschen Awareness für diesen Zusammenhang zwischen Fitnessinfluencing, Weiblichkeitsinszenierungen, Markeninteressen und Plattformlogik zu schaffen und so die Brüche aufzuzeigen, die sich in der kuratierten Social-Media-Präsenz der Influencerinnen zeigen.

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Foto Jessica Alessandra Wagner
Jessica Alessandra Wagner
M.A. Gender Studies, B.A. Soziale Arbeit. Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld mit einem Schwerpunkt auf Gender, Gaming und Live-Streaming. Freiberufliche Referentin im Bereich Gender & Medien.
Tipp!
Zum Weiterlesen

Gill, Rosalind (2021): Being 
watched and feeling judged on social media. In: Feminist Media Studies 21, H. 8, S. 1387–1392. 

Götz, Maya/Prommer, Elizabeth (2020): Geschlechterstereotype und Soziale Medien. In: Dritter Gleichstellungsbericht der Bundesregierung; Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. 

Hartmann, Tilo (2017): Parasoziale Interaktion und Beziehungen. Baden-Baden: Nomos 

Hepp, Andreas. (2021): Auf dem Weg zur digitalen Gesellschaft über die tiefgreifende Mediatisierung der sozialen Welt. Köln: Herbert von Halem Verlag.
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