Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
20.11.2025
6 Min. Lesedauer
Redaktion GSP
In Buch des Monats

Interview: “New Gender, Old School”

Wie kann geschlechtersensible Schulpädagogik zum Alltag werden?

Ein Gespräch mit den Herausgeber:innen Dr. Florian Cristóbal Klenk, Prof. Dr. Tamás Fütty, Vertr.-Porf. Dr. Denise Bergold-Caldwell und Prof. Dr. Yalız Akbaba

Mit dem Titel „New Gender, Old School“ wollen die Herausgeber*innen der Reihe “Jahrbuch erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung” das Feld der Schule gezielt in den Blick nehmen. Die Beiträge diskutieren geschlechtliche und sexuelle Dimensionen von Heteronormativität sowie deren Verschränkungen mit anderen Differenzordnungen – etwa globalen race– und class-Ordnungen. 

Welcher Geschlechtervielfalt wird ein Kind, das im Jahr 2025 zur Schule geht, begegnen, z.B. in der sexuellen Bildung, in Lehrbüchern, Formularen…? 

Hinsichtlich der Lehrbücher lassen sich zwar einige Veränderungen in den letzten zehn Jahren nachzeichnen, jedoch sind die Themen häufig weiterhin marginalisiert oder reduzieren sich auf biologisches Faktenwissen. Gerade Trans* und Inter* Geschlechtlichkeit kommen nach wie vor selten vor oder werden missverständlich darin dargestellt.  

Auch gibt es in einigen Rahmencurricula Initiativen zur Inklusion von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, gleichzeitig aber auch immer mehr Verbote zur Verwendung von geschlechtergerechter Sprache an Schulen. 

Die emanzipatorischen Bewegungen und erkämpften Errungenschaften, auch im Feld Schule und Bildung – beispielsweise durch die Verwendung geschlechtergerechter Sprache oder Diversity- oder Queer-AGs – sind einem massiven Backlash in Form von Faschisierung und Autoritarisierung ausgesetzt und werden dadurch sehr stark herausgefordert.

Dies schüchtert Schüler:innen, unterstützende Sorgeberechtigte, Schulleitungen, Schulsozialarbeiter:innen sowie Lehrkräfte ein, und die Sparmaßnahmen in der Bildungspolitik tun ihr übriges.  

Und wie steht es um queere Kinder und Jugendliche an Schulen? 

Immer mehr Kinder und Jugendliche beschäftigen sich mit Geschlechterordnungen im weitesten Sinn des Wortes: Sie fragen einerseits nach Gleichberechtigung zwischen den vielfältigen Geschlechtern; sie fragen aber auch nach Wegen, die sie aus den zweigeschlechtlich und heteronormativen Begehrensformen hinausführen können. Damit verorten sie sich (auch) jenseits von heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit, wenn Sie die Möglichkeit dazu bekommen, wie bereits die größte Erhebung zu LGBTIQ* Jugendlichen des deutschen Jugendinstituts vor zehn Jahren zeigte. Das heißt LGBTIQ* Jugendliche sind an Schulen oft sichtbarer und die Themen auch im Zusammenhang mit Trans*Lebensweisen präsent. 

Trotzdem bestehen patriarchale und zweigeschlechtliche Strukturen, Normen und Praktiken an Schulen weiter. Beispielsweise darin, dass Care-Arbeit oder der Ausblick darauf nach wie vor die Lebens-, Berufs- und Seinsmöglichkeiten stark (mit-)bestimmen und Mädchen dann trotz ‘Bildungsgewinner*innen’ zu sein am Ende doch neo-patriachalen Strukturen unterliegen. Oder auch mit Blick auf heteronorme Strukturen beispielsweise hinsichtlich Namen, Pronomen, Toiletten, Umkleiden, Sportunterricht sowie der versteckten Lehrpläne der Heteronormativität. Eine zentrale Diskrepanz hinsichtlich trans*, inter* und nicht-binärer Schüler*innen besteht darin, dass wir in Deutschland den Personenstand „divers” haben und seit 2024 das Selbstbestimmungsgesetz, die Anerkennung trans*, inter* und nicht-binärer Schüler*innen jedoch weiterhin nicht durch die KMK und in Schulgesetzen so verankert ist, dass diese Schüler*innen an allen Schulen anerkannt werden.  

Im Fokus eures Buchs steht die Analyse von Un/Gleichzeitigkeiten, also das “Mit-, Gegen- sowie Nebeneinander geschlechtlicher Beharrungs- und Transformationsprozesse.” Könnt ihr ein paar Beispiele für diese Un/Gleichzeitigkeiten im Kontext Schule nennen?  

Un/Gleichzeitigkeiten, also ungleiche Gleichzeitigkeiten, beschäftigen queerfeministische Bewegungen bereits seit Langem. Grundsätzlich sind diese in einem Spannungsverhältnis von Emanzipation, Gleichberechtigung und Anerkennung einerseits sowie der Tradierung und Erneuerung heteropatriarchaler Verhältnisse andererseits verortet, wobei auch neue Widersprüche im Zuge gesellschaftlicher Entwicklungen entstehen können. Un/Gleichzeitigkeiten verweisen ebenso auf intersektionale Überlagerungen.  Folgende Beispiele möchten wir hier anführen, die verdeutlichen, wie komplex die ganze Sache ist:  

(1) Der langwierige Prozess der rechtlichen Anerkennung homosexueller Partnerschaften in Deutschland verlief parallel zur Unsichtbarmachung queerer Identitäten of Color. Dadurch wird nicht nur verdeckt, dass Geschlecht und Sexualität im Zuge europäischer Expansion und kolonialer Herrschaft binär vereindeutigt wurden, sondern es entstand zugleich auch ein Instrumentarium, das zur Abwehr und Ausweisung nicht-weißer Menschen und Migrant*innen beitrug.   

Interessant an diesen Ungleichzeitigkeiten ist, dass sich Othering-Praktiken und damit die Verhältnisse zwischen „Wir“ und „den Anderen“ sowie Fragen von Zugehörigkeit zum deutschen Nationalstaat und Schutzwürdigkeit leicht verschieben.

So wurde bestimmten Homosexuellen, teilweise auch Queers, die intersektionalen Normen von Weißsein, Ability und ökonomische Mobilität entsprechen, Anerkennung „verliehen”. Diese Anerkennung ist jedoch oft nur symbolisch und temporär; sie materialisiert sich oft nicht in de facto gleichwertigen Chancen.   

(2) Ein weiteres sehr signifikantes Beispiel ist die Anerkennung und kurz danach folgende Dämonisierung von trans* Personen – sowohl international als auch in Deutschland. Während an trans* Personen seit Jahrzehnten und vielleicht Jahrhunderten Narrative der Krankheit, Pathologisierung und Kriminalisierung haften, sahen wir in den letzten 13 Jahren international eine zunehmende Anerkennung. Auch in Deutschland wurde das Transsexuellengesetz durch das Selbstbestimmungsgesetz 2024 abgelöst. In den letzten drei bis maximal fünf Jahren sehen wir jedoch einen Kampf und Hass gegen trans* Menschen, der aufgrund der international medienwirksamen und finanzstarken Unterstützung eines Querfront-Bündnisses eine neue Qualität und eine vorher nicht existierende Dimension angenommen hat. 

Es ließen sich etliche weitere Beispiele aufführen, wie etwa die Verschärfung des Sexualstrafrechts (“Nein heißt Nein”). Einerseits wurden die Rechte Betroffener von sexualisierter Gewalt gestärkt, andererseits führte diese Reform auch zu einer Verschärfung des Asylrechts. Auch dass die Einführung des Personenstands “divers” 2019 erfolgte, das Verbot von medizinisch nicht notwendigen geschlechtsangleichenden Operationen an inter* Kindern aber erst 2021, spricht für Un/Gleichzeitigkeit. 

Was fehlt, damit eine intersektionale und geschlechterreflektierte Schulpädagogik Alltag wird?  

Leider immer noch einiges! Im Jahrbuch haben wir Kolleg:innen eingeladen, die die schulpädagogische Geschlechterforschung in den letzten zwanzig Jahren maßgeblich geprägt haben, um gemeinsam auf die Entwicklung dieses Forschungsfeldes zurückzublicken und den aktuellen Status quo zu diskutieren. Im Gespräch mit Prof. Dr. Maisha Auma, Prof. Dr. Jürgen Budde, Prof. Dr. Jutta Hartmann und Prof. Dr. Antje Langer wurde schnell deutlich, dass das „institutionelle Gedächtnis“ der Frauen- und Geschlechterforschung gerade an Universitäten sehr lückenhaft ist. Viele bereits entwickelte Perspektiven – etwa zu intersektionalen und  genderreflexiven Professionalisierung von (angehenden) Lehrkräften – sind über die Jahrzehnte hinweg wieder verloren gegangen, wie neben Jutta Hartmann auch Maisha Auma im Gespräch hervorheben. 

Nach Einschätzung der Kolleg:innen liegt das unter anderem daran, dass entsprechende Erkenntnisse häufig in befristeten Projekten entstanden sind und es strukturell bis heute, soweit wir wissen, nur eine Professur (mit Volldenominiation) für Schulpädagogik und Geschlechterforschung in ganz Deutschland gibt. Die Arbeit an einer geschlechterreflexiven Schulpädagogik ist und war insofern nur begrenzt nachhaltig. 

Ein weiterer Grund könnte darin liegen, dass es der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung auch heute nicht immer gelingt, ihre Fragen – etwa nach dem Un/Doing Gender – konsequent mit genuin erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen  Perspektiven auf Erziehung, Bildung und Sozialisation zu verbinden und diese auch im Feld Schule prominent zu platzieren. Um den Bogen zum ersten Jahrbuch aus dem Jahr 2005 zu schließen: Die Frage nach dem spezifischen Beitrag der erziehungswissenschaftlichen, und eben nicht nur soziologischen, Geschlechterforschung stellt sich auch heute noch. Auch heute stellt sich noch die Frage wie eine Theoretisierung von Geschlecht im Hinblick auf ihre Verschränkung und Hervorbringung mit und in weiteren Differenzverhältnissen theoretisiert werden kann. Das was unter dem Stichwort ‘Intersektionalität’ verstanden wird, muss mit Blick auf die Vielfalt von Geschlechtlichkeit, die Einhegung und Vernichtung dieser in (post-)kolonialen Verhältnissen, sowie deren derzeitige Frontstellung konzeptualisiert und theoretisiert werden. Hierbei wird es in der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung nicht darum gehen ein soziologisches, philosophisches oder anthropologisches Ziel der Theoretisierung zu verfolgen, sondern so wie im JB 2005 gefordert an dies betreffende Fragestellungen der Bildung, Sozialisation, Erziehung und Pädagogik anzuschließen.  

Klenk/Fütty/Bergold-Caldwell/Akbaba (Hrsg.):

New Gender, Old School? Geschlecht im Kontext Schule

978-3-8474-3103-9

Verlag Barbara Budrich

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Die Hrsg. der Reihe
Dr. Florian Cristóbal Klenk (Europa-Universität Flensburg), Prof. Dr. Tamás Fütty (Universität Klagenfurt), Vertr.-Porf. Dr. Denise Bergold-Caldwell (Europa-Universität Flensburg) und Prof. Dr. Yalız Akbaba (Universität Marburg). Die Buchreihe „Jahrbuch erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung“ erscheint seit 2004 im Verlag Barbara Budrich. Die eBooks stehen zum kostenlosen Download zur Verfügung.
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