Interview mit der Autorin
Du schreibst, das Patriarchat ist zu Ende, weil es seine ideologischen und moralischen Grundlagen verloren hat. Wie begründest du das?
Es ist ziemlich offensichtlich, dass die traditionellen patriarchalen Autoritäten an gesellschaftlichem Einfluss verlieren. Am deutlichsten ist das bei den Kirchen, die ja kaum noch als gesellschaftlich relevante Akteure in Erscheinung treten, aber auch Universitäten, Medien oder Gerichte werden immer weniger als maßgebliche Instanzen anerkannt. Rechtspopulistische Bewegungen bestreiten ganz offen deren Legitimation. Aber ihr Ende wurde schon vorher eingeläutet. Die Frauenbewegung hat das Geschlechterverhältnis in unseren Gesellschaften stark verändert, vor allem im Selbstbewusstsein der Frauen. Wir sind uns heute unserer Freiheit bewusst und erkennen nicht mehr fraglos eine männliche Vormachtstellung an, und das keineswegs nur in Europa oder den USA, sondern überall auf der Welt. Viele patriarchalen Instanzen haben Wandel nicht wirklich verstanden und anerkannt, was einen Teil ihrer heutigen Schwäche ausmacht.
Das Erstarken von Manosphere, aber auch von Religionen und Politiken, die zu Kriegen und Verwüstung führen, ist, auch wenn es sich für viele so anfühlt, nicht die Rückkehr des Patriarchats. Warum nicht?
Ich halte die Rede von einer „Rückkehr des Patriarchats“ für ein rechtspopulistisches Narrativ, auf das wir nicht hereinfallen sollten. Es suggeriert Tradition, Bewährtes, Stabilität. Tatsächlich war das traditionelle Patriarchat eine Ordnung, bei der auch die herrschenden Väter selbst einer höheren Instanz verpflichtet waren, wie Gott, Familie oder Vaterland. Im Patriarchat konnten Machthaber nicht einfach machen, was sie wollen. Sie mussten sich an Regeln halten. Viele Männer, die heute an der Macht sind, Regierungschefs, aber auch Männer an der Spitze der Wirtschaft oder Anführer von Terrororganisationen, erkennen solche Verpflichtungen nicht an. Ihnen geht es um persönliche Vorteile, um Eitelkeiten, um ihr Ego, um Reichtum, um die Möglichkeit, andere zu demütigen und um jeden Preis ihren Willen durchzusetzen.
Was macht die Bro-Culture so anders und so gefährlich?
Eben genau diese Verantwortungslosigkeit, mit der sich diese Männer die Welt unter den Nagel reißen.
Sie scheren sich nicht um das Schicksal der Menschen oder um Werte wie Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit. Aus diesem Grund kann man sie auch nicht zur Rechenschaft ziehen.
Mit den alten Patriarchen konnte man diskutieren, sie waren an Moral, Pflichten, der Bibel oder dem Grundgesetz interessiert. Heute gibt es diesen gemeinsamen Wertekonsens nicht mehr und damit auch nichts, worauf wir uns berufen können. Die Akteure der „Bro-Culture“ sind deshalb oft viel gefährlicher als die alten Patriarchen.
Ist die Freiheit der Frau als kollektives Ziel in der aktuellen Bro-Culture überhaupt zu erreichen?
Es lohnt sich jedenfalls, es zu versuchen. Zumal wir Frauen ja heute, nach hundert Jahren Emanzipation, tatsächlich machtpolitischen Einfluss und Handlungsmöglichkeiten haben, auch das ist anders als früher im Patriarchat. Wir sind nicht mehr rechtlos und prinzipiell von Ämtern und Positionen ausgeschlossen. Umso mehr kommt es darauf an, dass wir alle Möglichkeiten, die wir haben, konsequent nutzen und die Welt nach unseren Vorstellungen gestalten. Wir sollten nicht länger zuerst um Erlaubnis zu fragen, und wir dürfen auch keine Scheu vor Konflikten haben.
Eine lange Geschichte der Frauenbewegungen haben wir uns auf Gesetze und Rechte bezogen und ihre Umsetzung eingefordert. In einer Welt, in der sich Mächtige selbst nicht mehr daran halten, laufen wir mit dieser Strategie ins Leere?
Wir lernen gerade schmerzhaft, dass unsere Rechte immer nur eine Wahl von ihrer Abschaffung entfernt sind, und dass freiheitliche Gender-Konzepte in der Alltagskultur der Menschen verankert sein müssen, um nachhaltig zu wirken. Der Staat steht eben nicht per se auf der Seite unserer Freiheit, er kann auch auf der anderen Seite stehen.
Der Marktplatz feministischer Öffentlichkeit und Forderungen ist heute Social Media, die Aufmerksamkeitswährung ist Empörung. Wenn aber den Herrschenden egal ist, was Frauen wollen oder kritisieren, brauchen wir dann andere Orte der Auseinandersetzung?
Unbedingt. Das Internet ist heute als Ort für ernsthafte politische Debatten ungeeignet. Es malt Positionen schwarz-weiß, belohnt Empörung, verbreitet Lügen. Feminismus braucht mehr halböffentliche oder gar nicht öffentliche Orte, wo wir Debatten führen und unsere Konflikte offen bearbeiten können. Es gibt ja viele Streitthemen unter Feministinnen.
Welchen Feminismus brauchen wir, um der „ungeregelten Herrschaft des Stärkeren“ das Recht von Frauen auf Gleichberechtigung und Freiheit entgegenzusetzen?
Wir brauchen einen Feminismus der Pluralität, der anerkennt, dass es nicht das eine richtige Feminismus-Programm gibt, sondern dass Frauen unterschiedliche Interessen und Vorstellungen haben. Die Frauenbewegung müsste ein Ort der Vielfalt und des interessierten Diskurses sein, wo wir Differenzen austragen, uns aber auch Bestärkung und Ermutigung für die Kämpfe im Alltag holen.
Du forderst nicht mehr die Hälfte vom Kuchen, sondern eine andere Welt. Hast du Hoffnung, dass das gelingen kann?
Ich denke, wir werden ohnehin eine andere Welt bekommen, es ist nur noch nicht klar, wie sie aussehen wird. Die bürgerlich-patriarchale Moderne hatte von Anfang an den Konstruktionsfehler, dass sie universale Rechte behauptete, aber nie einlöste, was am Ausschluss der Frauen aus den Bürgerrechten besonders augenfällig war. Wenn wir dem drohenden Faschismus etwas entgegensetzen wollen, reicht es nicht „die Demokratie“ retten zu wollen, sondern wir müssen Demokratie neu bestimmen. Zum Beispiel, indem wir fragen: Wie können sich alle Menschen mit ihren Bedürfnissen und Wünschen und Ideen an der Gestaltung der Welt beteiligen? Es gibt gute feministische Antworten auf diese Frage und auch einiges an Praxis. Ob das am Ende reicht, weiß ich nicht, aber ich sehe keine andere Möglichkeit, als es zu versuchen. Für mich ist die Sache jedenfalls noch lange nicht verloren.

Antje Schrupp
Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
978-3-351-04270-7
aufbau Verlag
