Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
22.10.2024
4 Min. Lesedauer
Redaktion GSP
In Buch des Monats

„Revolution der Verbundenheit“: Interview mit Franziska Schutzbach

Kein Ruf nach harmonischer Schwesterlichkeit: Wie Frauen* und FLINTA sich wieder verbünden können.

„Toxische Weiblichkeit“ und „Pick-Me-Girls“: Wie schädlich Frauen* sich teilweise untereinander und zueinander verhalten, war zuletzt stark im Fokus der Öffentlichkeit: Wie lässt sich dein Ruf nach weiblicher Solidarität in diesen Kontext einordnen? 

Die Begriffe passen sehr gut zu dem Phänomen, mit dem ich mich in meinem Buch beschäftige. Frauen werden in der Grundlogik der patriarchalen Struktur zu Konkurrentinnen gemacht, indem sie eingeteilt werden: in gute und schlechte Frauen, fleißige und faule, in schöne und hässliche, in gute und schlechte Mütter. In dieser Bewertungslogik positioniert ringen Frauen ständig darum, die besten Plätze zu bekommen. Das ist die Tragik der Frauenbeziehungen – dass sie gespalten und zueinander in Konkurrenz gesetzt werden. Dieses Muster ist tief in unseren Kulturerzählungen verankert, wie etwa in Märchen.

Da sehen wir Stiefmütter, die mit ihren Töchtern um die Position der “Schönsten im ganzen Land” konkurrieren und sie sogar umbringen wollen, um dieses Ziel zu erreichen. Wir sehen Frau Holle, die Mädchen in faule und fleißige Mädchen einteilt. Wir sehen bei Aschenputtel eine Mutter, die ihre Töchter zwingt, sich Teile ihrer Füße abzuschneiden, um im Konkurrenzkampf um den Prinzen den besten Platz zu bekommen.

In meinem Buch arbeite ich heraus, wie es Frauen trotz dieser tief verwurzelten patriarchalen Erzählung immer wieder gelungen ist, Verbindungen einzugehen und emanzipatorische Beziehungen zu leben. Das macht Mut: Über Differenzen hinweg haben sich Frauen häufig zusammengeschlossen, sei es in feministischen Bewegungen, um große Transformationen anzustoßen oder sei es auch im Privaten. Viele dieser Beziehungen waren ganz und gar nicht von Konkurrenz oder der sogenannten Stutenbissigkeit geprägt. In den Ritzen und Lücken der Gesellschaft fand und findet emanzipatorisch solidarisches Handeln unter Frauen bereits statt.

Warum ist ein feministisches Bündnis nicht unbedingt ein Ort zum Wohlfühlen?

In politischen Zusammenhängen sollten auch differente Positionen miteinander im Gespräch und im Streit sein. Wir kommen der Wahrheit nur streitend näher. Es geht mir also nicht darum, in meinem Schreiben über Verbundenheit eine harmonische Wohlfühloase zu idealisieren oder zu imaginieren, sondern darum, den Streit und die Differenz zu einem wichtigen produktiven Ort zu machen. Besonders in politischen Koalitionen, seien es aktivistische, zivilgesellschaftliche, aber auch parteipolitische etc., müssen wir damit rechnen, dass Menschen andere Erfahrungen, Betroffenheiten, Zugänge, Positionierungen und Privilegien mitbringen. Konflikte sind in diesem Zusammenhang unvermeidbar. Ich erachte es als wichtige politische Kompetenz, diese Differenzen auszuhalten, anstatt sie in einer Sehnsucht nach harmonischer Schwesterlichkeit aufzulösen.   

Deine Essays werden durch Briefe an wichtige Persönlichkeiten ergänzt. In deinem Brief an die Frauenrechtlerin Anita Augspurg schreibst du, sie würde heute wegen mancher ihrer Aussagen vermutlich gecancelt werden. Sind die Ideen in deinem Buch als Alternativen zur Cancel Culture zu verstehen? 

Ich befasse mich mit historischen Figuren aus den feministischen Bewegungen und historischen Frauenbewegungen. Selbstverständlich waren diese Frauen nicht perfekt. Sie hatten zum Teil problematische Ansichten über Eugenik oder sogar rassistische Positionen.

Ich möchte den Lack des Ikonenhaften abkratzen. Denn wir können uns auch mit Figuren als Vorbildern befassen, ohne sie zu idealisieren und ohne, dass sie moralisch immer auf der richtigen Seite gestanden haben.

Trotzdem haben sie teilweise wichtige Dinge zum Geschlechterkampf beigetragen. Ob das eine Alternative zur Cancel Culture ist, weiß ich nicht. Doch die kritische Auseinandersetzung mit widersprüchlichen historischen Figuren halte ich für unabdingbar. 

Du schreibst „[E]s ist noch keine Revolution, die eigene Subjektivität auf Instagram oder TikTok zu platzieren und Akzeptanz und Anerkennung zu beanspruchen.“ Wie beeinflusst Social Media unser Streben nach Verbundenheit? 

Ich möchte Social Media nicht kulturpessimistisch verteufeln, weil es ganz viele emanzipatorische Aspekte mit sich gebracht hat. Minderheiten konnten beispielsweise bisher gesellschaftlich unbeachtete Belange endlich sichtbarer machen. Aber Social Media hat aus meiner Sicht auch problematische Eigenschaften. Teilweise vereinzelt es Menschen, anstatt dass es sie dazu bewegt, tragende politische, längerfristige Strukturen oder Organisationen aufzubauen. Es reicht nicht aus, über ein Thema laut zu diskutieren und Aufmerksamkeit dafür zu bekommen. Denn dadurch allein verändern sich nicht automatisch diskriminierende Strukturen. Erste Studien zeigen, dass Social Media uns in diesen Trugschluss hineinversetzt: In den linken und feministischen Bewegungen denken wir oft, viele Likes wären mit Fortschritt gleichzusetzen. Doch das Bewusstsein und die Kenntnis von früheren Bewegungen darüber, wie zivilgesellschaftliche Strukturen aufgebaut werden müssen, um tatsächliche Transformationen zu bewirken, geht verloren.  Eine weitere Problematik von Social Media besteht in der Inszenierung perfekt anmutender Menschen und Leben, die uns zum ständigen Vergleichen bewegt. Das führt zu einem dauernden Gefühl des Nicht-Genügens und der Insuffizienz, weil wir nicht mithalten können. Für das Eingehen von Beziehungen kann das negative Auswirklungen haben, denn Menschen, die sich ungenügend fühlen, entwickeln oft sehr starke Ängste davor, sich überhaupt mit anderen zu verbinden.

Warum kann der Versuch, uns zu verbünden, revolutionär sein? 

Das Eingehen von Beziehungen unter Frauen und FLINTA-Personen hat eine patriarchatsunterminierende Kraft. Wenn wir versuchen Konkurrenz und Spaltung zu überwinden, uns zusammenschließen und auch von den patriarchalen Maßstäben abwenden, hat das befreiendes Potential.  

Die weibliche Position ist so bestimmt, dass alle Beziehungen von Frauen eigentlich in Selbstaufgabe münden. Das ist die historische Rolle der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft: Frauen sollen verfügbar und gebend sein. Sie sollen unbezahlt Care Arbeit in der Familie übernehmen und Männern sexuell zur Verfügung stehen. Wir müssen uns darüber bewusstwerden, dass diese aufopfernde Position eine der größten Stützen des Patriarchats und Kapitalismus ist. Denn dann ist der Gedanke, dass Frauen sich aus dieser Rolle verabschieden und ihre Beziehungsfähigkeit, ihre Liebe und Sehnsüchte aufeinander richten, tatsächlich revolutionär.  

Franziska Schutzbach:
Revolution der Verbundenheit
Droemer Knaur
ISBN: 978-3-426-27904-5

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AF2 Schutzbach, Copyright Anne Morgenstern
Franziska Schutzbach
Franziska Schutzbach, geboren 1978, ist promovierte Geschlechterforscherin und Soziologin, Publizistin, feministische Aktivistin und Mutter von zwei Kindern. Im Jahr 2017 initiierte sie den #SchweizerAufschrei, seither ist sie eine bekannte und gefragte feministische Stimme auch über die Schweiz hinaus. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterthemen wie Misogynie und Sexismus, darüber hinaus befasst sie sich mit den Kommunikationsstrategien von Rechtspopulisten. Franziska Schutzbach lebt in Basel.
Foto: Anne Morgenstern
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