Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
19.06.2024
5 Min. Lesedauer
Redaktion GSP
In Buch des Monats

„Toxische Weiblichkeit“: Interview mit Sophia Fritz

Warum toxische Weiblichkeit eine Mutprobe ist – und keine Diagnose.

Sophia Fritz, Dein Buch „toxische Weiblichkeit“ erfährt große mediale Aufmerksamkeit. War die Auswahl des Titels auch dadurch motiviert, diese Aufmerksamkeit zu gewinnen?

Den Titel habe ich definitiv bewusst gewählt. Nachdem wir in den letzten Jahren so einen großen Fokus auf das Thema toxische Männlichkeit und auf Phänomene wie mensplaining, menspreading und alte weiße Männer gelegt haben, hat es für mich Sinn gemacht, dass der popkulturelle Fokus nun auch die andere Seite beleuchten wird. Es ging mir bei der Themenwahl aber nicht darum, einfach nur Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern die Chance zu nutzen, den Begriff feministisch zu prägen. Wenn wir Frauen das Phänomen der toxischen Weiblichkeit aus lauter Furcht vor Selbstkritik und feministisch kaschierter Frauenfeindlichkeit von vornherein ablehnen, überlassen wir ihn einfach nur misogynen Männern, wie Anhängern von Andrew Tate, die nach Jahren der Kränkung zurückschlagen wollen. Ich wollte mir den Begriff genau anschauen, um schließlich selbstbewusst sagen zu können, ob es toxisch weibliche Eigenschaften gibt oder nicht — und wie sie sich von frauenfeindlichen Glaubenssätzen unterscheiden.

Du übernimmst den Begriff des Toxischen so, wie er – nicht unumstritten – in geschlechterpolitischen Diskursen genutzt wird: als Beschreibung für Verhaltensweisen von Männern, die damit sich selbst und anderen schaden. Welche Effekte versprichst Du Dir davon für Diskurse um Weiblichkeit?

Ich denke, dass wir für einen umgreifenden Paradigmenwechsel beide Prägungen gleichzeitig anschauen müssen.

Es wird uns auf dem Weg zur Gleichberechtigung langfristig ausbremsen, wenn wir den Fokus alleine daraufsetzen, wie genau sich männlich geprägte Menschen verändern sollten, damit wir kollektiv auf Augenhöhe miteinander umgehen können.

Wenn wir über toxische Männlichkeit sprechen, dann ist der Fokus Fremdschädigung. Du thematisierst in „Toxische Weiblichkeit“ vor allem Selbstschädigung. Ist das nicht ein ganz anderes Konzept des Begriffs?

Über 97% der Gefängnisinsassen in Deutschland sind Männer, Männer sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen und sie sterben auch häufiger als Frauen an unnatürlichen Todesursachen. Es stimmt also nicht, dass toxische Männlichkeit cis-Männern nicht schadet, im Gegenteil. Wir beleuchten toxische Männlichkeit nur häufiger aus ihrer Täterperspektive und schaffen es nicht, sie aus einer Opferperspektive heraus zu erzählen, die nicht selbstmitleidig oder frauenfeindlich ist.

Gleichzeitig stimmt es, dass wir aufpassen müssen, die Begriffe toxische Männlichkeit und toxische Weiblichkeit nicht gleichzusetzen — eben weil toxische Männlichkeit viel gefährlicher, im Sinne von tödlicher ist. Der Soziologe Andreas Kemper warnt sogar davor, dass wir, wenn wir erst einmal beide Begriffe kennen, der toxischen Weiblichkeit eine grundlegendere Richtigkeit zusprechen, weil wir das Toxische im Sinne von giftig historisch viel eher dem Weiblichen zuordnen, zum Beispiel im Kontext von Giftmörderinnen, Schlangen und Hexen. Er plädiert dafür, nicht von toxischer Männlichkeit, sondern von brachialer oder apokalyptischer Männlichkeit zu sprechen, weil das viel eher den Gefahren des toxisch Männlichen entspricht.

Hast Du für Dich eine Definition toxischer Weiblichkeit gefunden?

Nicht umfassend. Ich gehe davon aus, dass der Begriff — genau wie bei toxischer Männlichkeit — als mediales Phänomen aus einer Ansammlung vieler und diverser Perspektiven über mehrere Jahre hinweg definiert werden wird. Im Buch arbeite ich mit dem Wunsch nach Augenhöhe und der Frage, wann ich weibliche Prägungen und Stereotype nutze, um dieser unbewusst aus dem Weg zu gehen, und mich eher über- oder unter einer anderen Person zu positionieren. Als toxisch männlich beschreiben wir zurzeit vor allem Verhaltensweisen, die sich über einer anderen Person verorten, in Form von einem machohaften Auftreten.

Bei toxisch weiblichen Handlungsweisen geht es häufiger erstmal um die Performance einer Unterordnung, zum Beispiel in Form des netten Mädchens oder der aufopferungsvollen Mutti, die die Bedürfnisse aller anderen über die eigenen stellt.

Du beschreibst fünf misogyne Fremdbezeichnungen von Frauen: das gute Mädchen, die Powerfrau, die Mutti, das Opfer und die Bitch. In allen Kapiteln geht es darum, Verhalten von Frauen zu analysieren, das von patriarchalen Verhältnissen geprägt ist und diese damit wiederum stützt. Was ist Dein Appell an Frauen?
Wir sollten versuchen, den Begriff der toxischen Weiblichkeit nicht als Diagnose oder Vorwurf zu verwenden, sondern ihn vielleicht als Mutprobe denken: Wer sich traut, sich seinen eigenen toxischen Verhaltensweisen zu stellen, befreit sich selbst. Do we dare? Ich glaube auch, dass es wichtig ist, immer wieder den Bezug zu kapitalistischen, historischen und patriarchalen Kontexten herzustellen, damit wir nicht den Fehler machen, nach der perfekten Frau zu streben.

Wir sollten unsere toxischen Eigenschaften nicht als Schamquelle benutzen, um uns klein oder schlecht zu reden. Um das nicht zu tun, kann es helfen, sowohl die systemischen Ursachen für diese toxischen Eigenschaften neugierig zurückzuverfolgen und gleichzeitig zu hinterfragen, auf der Grundlage welchen Ressourcenmangels oder welcher Sehnsucht wir agieren und fühlen. Habe ich gelogen, um mich besser darzustellen? Weil mir Bestätigung fehlt, ich einer Situation entkommen oder gemocht werden wollte? Warum möchte ich das so dringend? Mir hat es geholfen, diesen Fragen mit Neugier zu begegnen.

Was tragen Deine Reflexionen zu toxischer Weiblichkeit zum Empowerment von Frauen bei?
Im Buch reproduziere ich durch die Kapitelüberschriften misogyne Konzepte, um sie bewusst zu dekonstruieren. Ich denke, dass wir erst wirklich dann selbstbewusst und entspannt mit unserer weiblichen Prägung umgehen können, wenn wir uns ihrer Schattenseiten auch bewusst sind. Gleichzeitig geht es mir auch darum all das Positive, all die wertvollen, kreativen Ressourcen weiblicher Prägung aufzuzeigen, die von misogyner Sprache bisher unterdrückt, dämonisiert und unsichtbar gemacht wurden. Ich denke, dass wir erst, wenn wir unsere eigene Prägung verstehen, uns bewusst entscheiden können, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen wir beibehalten und welche wir zugunsten größerer Empathie und einem Mehr an Gelassenheit und echter Nähe ablegen wollen.

Würdest Du am Ende des Schreibens und Reflektierens sagen, dass der Begriff der toxischen Weiblichkeit ein hilfreicher ist, um die von Dir beschriebenen Ziele einer geschlechtergerechten Welt zu unterstützen?
Es ist ein bisschen tricky mit dem Begriff toxisch, weil es als Lösungsansatz ja die Sehnsucht nach dem Gegenteil, die Reinheit impliziert. Der Glaubenssatz, dass wir als Frauen nur dann eine Daseinsberechtigung haben, wenn wir quasi perfekte Wesen sind, ist immer noch tief in unsere Kultur eingeschrieben. Ich hoffe also, dass wir den Begriff nicht nutzen, um weiter nach Perfektion zu streben und alle unsere Schattenseiten auszumerzen. Mir geht es vielmehr darum, sie zu beleuchten und zu integrieren, damit wir uns nicht mehr so falsch, sondern ganzheitlicher und angekommener fühlen können. Wahrscheinlich sprechen wir in einigen Jahren schon ganz anders über diesen Begriff. Ich jedenfalls bin sehr gespannt auf die kollektive, intersektionale Sicht auf das Thema.

Sophia Fritz
Toxische Weiblichkeit
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-27915-5

teilen:
Eno_de_Wit_Foto Sophia Fritz
Sophia Fritz
Sophia Fritz, geboren 1997, hat Drehbuch an der Filmhochschule in München studiert. 2021 erschien ihr Debütroman „Steine schmeißen“. Sie schreibt für ZEIT ONLINE und hat eine Ausbildung als Jugendguide für Gedenkstätten, als Sterbebegleiterin im Hospiz und als Tantramasseurin gemacht.
Foto: Eno de Wit
Weitere Artikel aus der Kategorie
22.06.2026
5 Min. Lesedauer
Von: Redaktion GSP
„Jungs von heute Männer von Morgen“ Interview mit Anne Dittmann 
Educate your son: „Die Bindung steht immer an erster Stelle”
„Jungs von heute Männer von Morgen“ Interview mit Anne Dittmann 
26.05.2026
4 Min. Lesedauer
Von: Redaktion GSP
Brutal fragile Typen – Interview mit Ole Liebl 
Männlichkeiten zwischen feministischen Kämpfen und konservativen Kulturkämpfen
Brutal fragile Typen – Interview mit Ole Liebl 
27.04.2026
6 Min. Lesedauer
Von: Redaktion GSP
Bitch Hunt. Warum wir es lieben Frauen zu hassen  
Frauenhass ist zeitlos – leider!
Bitch Hunt. Warum wir es lieben Frauen zu hassen  

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Rapidmail. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen