Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
27.10.2026
4 Min. Lesedauer
Elli Scambor und Daniel Holtermann
In Buch des Monats

„Von gewaltvollen zu fürsorglichen männlichen Praktiken“

Caring Masculinites in der pädagogischen Praxis

Interview mit den Autor*innen

Ausgangspunkt eures Buches ist, dass fürsorgliche Männlichkeitspraxen bereits existieren, aber weitgehend unsichtbar sind. Warum eigentlich? 

Weil dominante Männlichkeitsbilder vor allem Stärke, Durchsetzungsfähigkeit und Wehrhaftigkeit betonen. Fürsorglichkeit gilt dagegen häufig als „weiblich“ und wird deshalb bei Jungen* und Männern* weniger wahrgenommen und anerkannt. Hinzu kommt, dass fürsorgliche Praktiken oft widersprüchlich, situativ und fragil sind – etwa wenn Jungen* füreinander einstehen, zugleich aber vermeiden, verletzlich zu erscheinen. Gewalt und Dominanz sind in vielen traditionell männlich geprägten Alltagspraxen noch immer normalisiert. Diese asymmetrische Wahrnehmung trägt dazu bei, Fürsorglichkeit als Bestandteil gelebter Männlichkeiten systematisch unsichtbar zu machen. 

Was versteht ihr unter fürsorglicher Männlichkeit? 

Caring Masculinities ist ein beziehungsorientiertes Konzept. Im Sinne von Nancy Frasers Verständnis von Care als ‚sozialer Klebstoff‘, der uns alle zusammenhält, ist Fürsorglichkeit eine universelle menschliche Fähigkeit und gesellschaftliche Notwendigkeit.

Dabei umfasst Fürsorglichkeit sowohl Caring for – die konkrete Sorge für andere – als auch Caring about – die Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse und Verletzlichkeiten anderer sowie die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Lebens.

Dazu gehört, Gefühle zeigen zu dürfen, Grenzen zu respektieren, fürsorgliche Beziehungen zu gestalten – aber auch mit der Unterstützung anderer rechnen zu dürfen. Caring Masculinities beinhalten darüber hinaus die bewusste Ablehnung männlicher Dominanz und Gewalt sowie das aktive Eintreten für Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit. 

Das ist kein fertiges Modell, sondern ein offener Suchprozess: normativ eine Leitidee, theoretisch eine kritische Analyse, praktisch ein pädagogischer Ansatz.  

Ihr verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit pädagogischer Praxis: Welche theoretischen Konzepte sollten die Grundlage für praktisches Handeln bilden? 

Zwei Linien, die wir zusammenführen: die feministische Fürsorgeethik – Nel Noddings, Joan Tronto, Nancy Fraser –, die Care als politisches Fundament moderner Gesellschaften beschreibt, und die kritische Männlichkeitenforschung etwa bei Raewyn Connell oder Pierre Bourdieu, die fragt, wie Dominanz und Gewalt als männliche Muster festgeschrieben werden. Wichtig ist auch Edgar Forsters Konzept der männlichen Resouveränisierung: Es zeigt, wie vermeintliche Krisen der Männlichkeit genutzt werden können, um männliche Autorität und Dominanz wiederherzustellen.

Neuere Arbeiten von Jürgen Budde und Thomas Viola Rieske erweitern diese Perspektive um die Frage, wie Jungen in pädagogischen Institutionen Männlichkeit erlernen, aushandeln und verändern – und wie Pädagogik selbst Geschlechternormen reproduziert oder irritiert.  

Die geschlechterreflektierte Pädagogik verknüpft die machtkritische Gesellschaftsanalyse mit Selbstreflexion. Aus dieser Verbindung entstehen konkrete Handlungsperspektiven. 

Caring Masculinity will Fürsorglichkeit als Haltung in der Arbeit mit Jungen* etablieren: Was bedeutet das praktisch für Fachkräfte?

Drei Dinge. Erstens Selbstreflexion: Welche Geschlechterbilder und Stereotype wirken im eigenen Handeln, vielleicht unbewusst? Pädagogische Praxis ist nie neutral. Zweitens: Fürsorge für andere basiert auf Selbstfürsorge – Fachkräfte müssen eigene Bedürfnisse und Grenzen wahrnehmen, um Fürsorglichkeit authentisch vermitteln zu können. Drittens: Räume öffnen, in denen Jungen* Verletzlichkeit zeigen und fürsorgliche Beziehungen gestalten können. Daraus folgen Konsequenzen für Konzepte und die Gestaltung pädagogischer Räume. 

Was ist das pädagogische Trilemma und wie kann es in der Praxis genutzt werden?

Es führt drei Dimensionen zusammen:

die Förderung von Fürsorglichkeit, die Normalisierung von Vielfalt und die Dekonstruktion von tradierten Männlichkeitsmustern.

Diese müssen gleichzeitig gedacht werden: Fürsorge allein reicht nicht, wenn tradierte Muster unangetastet bleiben – und Dekonstruktion allein bleibt leer, wenn keine alternativen Praxen erlernt werden. Jede Dimension wird theoretisch eingeführt und mit konkreten Methoden praxisnah erarbeitet, sodass keine isoliert bleibt. 

Könnt ihr eine Methode konkret vorstellen, mit deren Hilfe zu Caring Masculinities gearbeitet werden kann?

Die Methode „Real Men“ – Von stereotypen zu vielfältigen Männlichkeiten macht Unterschiede zwischen Stereotypen und gelebten Männlichkeitspraxen sichtbar. Die Jugendlichen notieren zunächst stereotype Männlichkeitsanforderungen auf einem Blatt Papier. Dann drehen sie das Blatt um und notieren auf der Rückseite, was sie an einem Mann* oder Jungen* schätzen, den sie persönlich kennen. Aus den Blättern werden Papierbällen geformt, durch den Raum geworfen und die Antworten werden anschließend auf zwei Plakaten gegenübergestellt.  

Der Vergleich ist aufschlussreich: Stereotype Männlichkeitsanforderungen sind oft unrealistisch, erzeugen großen Druck, fördern emotionale Distanz und können mit Gewalt und Einsamkeit verbunden sein. Realistisch lebbare Männlichkeitspraktiken hingegen bedeuten empathisch und respektvoll sein, sich um andere kümmern, liebevolle Beziehungen gestalten und Konflikte ohne Gewalt lösen.

Die Methode zeigt, dass fürsorgliche und gewaltfreie Männlichkeitspraktiken längst Teil männlicher Lebensrealitäten sind.  

Was sollte aus eurer fachlichen Perspektive heraus Fachkräfte motivieren, sich mit den Konzepten auseinander zu setzen?

Die empirische Befundlage: Traditionelle männliche Sozialisation geht nicht nur mit erhöhter Gewaltbereitschaft einher, sondern auch mit gesteigerter Gewaltbetroffenheit. Das männliche Autonomieideal kippt leicht in Isolation – und diese Unverbundenheit mit anderen kann in Gewalt münden. Die Ergebnisse der österreichischen GEQ-AT-Studie verdeutlichen zudem, dass eine gerechtere Verteilung von Erwerbsarbeit, Care-Arbeit, ökonomischen Ressourcen und Entscheidungsmacht wichtige Ansatzpunkte für gleichberechtigte, gewaltpräventive Geschlechterverhältnisse bietet.

Gewaltprävention ohne geschlechterreflektierte Analyse bleibt unzureichend. Fachkräfte können hier etwas bewirken: Tradierte Normen irritieren sowie vielfältige Entwürfe ermöglichen, wie Männlichkeit gelebt werden kann. 

Habt ihr Hoffnung, dass in Zeiten umfänglicher medialer Diskurs um schädliche Anteile in Männlichkeitskonstruktionen ein Konzept wie Caring Masculinities als Antwort in der Praxis ankommt?

Überwiegend ja. Der mediale Diskurs zeigt, dass das Thema gesellschaftlich präsent ist – das ist eine Chance, aber auch eine Herausforderung:

Kritik an Männlichkeiten muss mit positiven Entwürfen verbunden werden, sonst verstärkt sie Abwehr.

Genau dafür steht Caring Masculinities: Es zeigt nicht nur, was problematisch ist, sondern was möglich ist. Fürsorgliche Praxen existieren ja bereits – sie müssen sichtbar gemacht, gestärkt und erlernt werden. Geschlechterreflektierte Arbeit ist Arbeit mit gesellschaftlichen Beharrungskräften, Widerstände gehören dazu. Aber: Jeder Schritt zählt. 

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Elli Scambor steht vor einer Bücherwand.
Elli Scambor
Elli Scambor ist Soziologin und Forscherin am Institut für Männer- und Geschlechterforschung. Ihre Schwerpunkte liegen in der Erforschung der Zusammenhänge von Caring Masculinities und Gewaltprävention sowie in der Analyse und Weiterentwicklung von Change Agent Ansätzen für die Arbeit mit Jugendlichen (z.B. im Projekt Caring Masculinities in Action).
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Foto Daniel Holtermann
Daniel Holtermann
Dr. Daniel Holtermann ist Bildungsreferent, Autor sowie Coach und arbeitet an der Uni Flensburg. Die Arbeitsschwerpunkte umfassen geschlechterreflektierte Pädagogik, fürsorgliche und gewaltfreie Männlichkeiten, Gewaltprävention sowie geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. Grundausrichtung ist die Frage, wie ein fürsorgliches und gewaltfreies Miteinander immer mehr Realität werden kann.
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