Für wen habt ihr den Sammelband geschrieben?
Der Sammelband adressiert alle Personen, die sich für die Diskussionen um das „Unkaputtbare Patriarchat“ interessieren. Er richtet sich an Menschen, die in Bildungskontexten oder Sozialer Arbeit tätig sind ebenso wie an solche, die sich für feministische Wissenschaft interessieren: Von Hierarchien und Patriarchat sind schließlich alle betroffen. Es werden eine Fülle unterschiedlicher Thematiken in diesem Kontext angesprochen: Die Beiträge bieten historische, theoretische, begriffliche und empirische Erkundungen des Geschlechterverhältnisses im Kontext des Patriarchatsbegriffs.
Der Titel „Das unkaputtbare Patriarchat?“ ist als Frage formuliert: Werden Leser*innen eures Buchs das Fragezeichen streichen?
Für das Plakat zur Tagung hatte Christine Thon damals ein Foto mit Tupperboxen als Symbol gemacht, um bildlich darzustellen, dass diese eine ähnliche Überlebensdauer bis zur Zersetzung wie das „Patriarchat“ haben…
Die Streichung des Fragezeichens wäre aber eine Bestätigung der „Unkaputtbarkeit“, deswegen wäre zu hoffen, dass wir es irgendwann zusammen mit der Vorsilbe „un“ streichen können. Es sollte nicht nur eine rhetorische Frage sein – wir wollten auch Utopien Raum geben.
Leser*innen könnten allerdings auf die Frage unterschiedlich antworten, da es viele Angebote gibt, den Begriff zu durchdenken, verändern, erweitern und auch zu ersetzen. In den unterschiedlichsten Zusammenhängen werden z.B. die Fragilität der Hierarchien, aber auch deren Resouveränisierungsbestrebungen deutlich und der Blick in die Zukunft geschärft.
Euer Buch ist ein Sammelband, der auf Vorträgen der Sektionstagung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften von 2023 beruht. Worum geht es?
Im Kern geht es um die Frage nach sich wandelnden Geschlechterhierarchien, die dennoch dauerhaft und hartnäckig bestehen. Es sind aber eben nicht mehr dieselben wie vor 50, 100 oder 200 Jahren. Mit welchen Begriffen und Kontexten können wir also diese Verhältnisse und ihre Veränderungen beschreiben und analysieren?
Die Autor*innen setzen sich damit auseinander, ob ‚Geschlechterhierarchie‘, ‚Androzentrismus‘, ‚Patriarchat‘, ‚Heteronormativität‘ oder ‚männliche Hegemonie‘ sich noch dazu eignen oder ob andere begriffliche Register benötigt werden. In unterschiedlichen thematischen Zusammenhängen hinterfragen sie u.a., was die Analysen und Erkenntnisse in Bezug auf Erziehung, Bildung und Sorge erklären oder aber auch außen vorlassen.
Warum ist für euch in den Erziehungswissenschaften jetzt die Zeit, sich forscherisch mit dem Patriarchat auseinander zu setzen?
Für die Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft war und ist es immer durchgängig an der Zeit und notwendig, hierarchische Geschlechterverhältnisse zu hinterfragen und diese Problematik zu bearbeiten.
Seit Beginn der Zweiten Frauenbewegung kann auf vielfältige theoretische und empirische Forschungen zurückgeschaut werden, die sich mit unterschiedlichen, historisch wandelbaren Ausgangslagen innerhalb der Geschlechterhierarchien beschäftigen. Besonders lesenswert ist da der Beitrag von Susanne Maurer zu „(Ent-)Historisierung des Patriarchalen?“, eine „Wanderung durch das feministische Archiv“.
Obwohl Forschungen zur Geschlechtergeschichte oder auch aus der Perspektive des Black Feminism und des Migrantischen Feminismus schon früh gezeigt haben, dass eine männlich ausgerichtete Geschlechterhierarchie zwar immer schon fragil war und ist, bleiben hartnäckig die Bestrebungen zur Resouveränisierung.
Gerade in Bezug auf heutige geschlechterpolitische Tendenzen und den weiterhin ansteigenden gesellschaftlichen Zuspruch zu autoritären und rechtsextremen Positionen, wie er sich in Diskussionen über Migration, Geschlecht und Zugehörigkeiten zeigt, sind wir auch weiterhin aufgefordert das „Patriarchat“ zu erforschen.
Ausgangspunkt eures Buches ist die Frage nach den geeigneten Begriffen, um aktuelle Geschlechterordnungen zu beschreiben. Warum ist es wichtig, die Begriffe zu schärfen und voneinander abzugrenzen?
Mit Begriffen be-greifen und erschließen wir uns ja etwas. Und die genannten Begriffe entstehen, historisch betrachtet, in unterschiedlichen gesellschaftlichen, wissenschaftlichen oder disziplinären Kontexten. Sie umfassen oder erhellen Unterschiedliches, auch weil sie je spezifische Wissensbezüge und Anliegen haben. Für das wissenschaftliche Arbeiten müssen sie daher auch voneinander abgegrenzt und eben neu debattiert werden.
Im Beitrag der AG Androzentrismus „Begriff und Praxis des Androzentrismus erziehungswissenschaftlich gedacht“ wird z. B. die Abgrenzung und Schärfung der Begriffe Patriarchat und Androzentrismus deutlich gemacht und herausgearbeitet, welche fortführenden Überlegungen notwendig sind, um Grenzen und Verhältnisse zu anderen Begriffen der geschlechtertheoretischen Forschung zu analysieren.
Anna Hartmann hinterfragt z. B. die Eignung des Patriarchatsbegriffs für die Analyse gegenwärtiger Geschlechterverhältnisse anhand der begrifflichen Fassungen von Patriarchat, Post- und Neopatriarchat.
Ist einer dieser Begriffe in der Lage, die Vielfalt von Geschlechtern und damit einhergehenden unterschiedlichen Unterdrückungsmechanismen zu erfassen oder habt ihr neue Begriffe gefunden?
Nein, bisher scheint keiner der Begriffe in der Lage zu sein diese Zusammenhänge in ihrer Komplexität zu erfassen. Aber ein Begriff für das Große Ganze kann ja auch nicht das Ziel sein. Für wissenschaftliche Analysen brauchen wir eher verschiedene Register und Instrumente, um gegenstandangemessen zu forschen. Insofern war es auch eher ein Ausloten. Zwar haben wir in dem Sinne auch keine neuen Begriffe gefunden, aber Denkräume für viele Kontexte eröffnet. Die Diskussion ist nicht abgeschlossen und bietet weiterhin Möglichkeiten für vielfältige Forschungen. Mit dem Sammelband haben wir einen Anlass zum „produktiven Streiten“ um die Sache gegeben. Die Reflexion und Infragestellung von liebgewonnenen Theorien und Begriffen ist schließlich Kerngeschäft – auch feministischer – Wissenschaft. Das heißt, dass sich die Geschlechterforschung selbst wie alle anderen Wissenschaften auch der Analyse auszusetzen hat, welche gesellschaftlichen Bedingungen und Subjektstrukturen sie beeinflusst und was vielleicht auch ihr ‚Unbewusstes‘ ist.
Welchen Beitrag kann die Erziehungswissenschaft, so sie denn auf oder mit Geschlechterperspektiven ausgerichtet ist, leisten, das Patriarchat „kaputt zu machen“?
Die Erziehungswissenschaft als Ganzes ist aufgefordert, Geschlechterperspektiven in ihre Theorien und Forschungen zu integrieren, sofern dies noch nicht geschehen ist und Geschlechtertheorien in Bezug auf Erziehung, Bildung, Sorge zu denken, damit ihre Leerstellen, das „Ungedachte“, sich auflösen bzw. damit sie bearbeitet werden können.
Unterschiedliche Beiträge verweisen auf Dethematisierungen von Geschlecht in Erziehungswissenschaft und Pädagogik (AG Androzentrismus) und eine Marginalisierung theoretischer Betrachtungsweisen, die Ungleichverhältnisse zum Gegenstand und Motor ihrer Überlegungen zu Sozialisation und Erziehung machen (Felicitas Grieser).
Beiträge aus der Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft arbeiten dagegen Ungleichheiten und Ungleichzeitigkeiten auch in intersektionalen Zusammenhängen heraus und ermöglichen dadurch den Blick auf Ansatzpunkte zu Handlungsmöglichkeiten und Veränderungen. (in diesem Band u.a. die Beiträge von Jürgen Budde und Thomas Viola Rieske; Tamás Jules Fütty; Michelle Buller). Sie können auf jeden Fall dazu beitragen, weitere Risse ins „Patriarchat“ zu ziehen!

