Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
11.03.2025
5 Min. Lesedauer
Ines Pohlkamp
In Fachdebatten

„Darf ich noch Mädchen sagen?“

Eine Antwort zu einer Irritation im Fachkräftekreis
Eine Hand in einem hellblauen Ärmel ragt durch einen zerrissenen, rosa Hintergrund. Der Zeigefinger ist nach oben gestreckt, und die Hand trägt einen auffälligen Ring mit einem großen, blauen Stein

Ich lese an einer Straßenkreuzung in Bremen ein misogynes Graffiti, das die Ultra-Fan-Szene von Werder Bremen1 beleidigen soll. Dort steht in großen Lettern: „Ultras sind Mädchen.“ Ich frage mich, wann es endlich übersprüht wird. Kann es sein, dass die geschlechtsbezogene Diskriminierung und Gewalt in diesem Satz niemandem auffällt? Warum ist “Mädchen” immer noch eine Beleidigung?  

Plötzlich denke ich an einige Fachkräfte der Mädchen*- und Jungen*arbeit und an Kolleg*innen aus Wissenschaft, Forschung und Kinder- und Jugendhilfe, die sich fragen, ob sie überhaupt noch „Mädchen“ sagen dürfen/wollen/können. Andere sind bereits entschieden, dass sie nicht mehr von „Mädchen“ sprechen. Der Begriff „Mädchen“ sei „veraltet“, wird häufig ergänzt.2  Viele Fachkräfte und Kolleg*innen zweifeln am emanzipatorischen Potential der sozialen Kategorie „Mädchen“ im Kontext von Sozialer Arbeit und Pädagogik.  

Warum wird der Begriff „Mädchen“ kritisiert?  

Kritische Perspektiven auf die soziale Kategorie „Mädchen“ sind berechtigt und fordern die Konzepte der Mädchenarbeit und Mädchenpolitik seit über einem Jahrzehnt konstruktiv heraus. Ich höre immer wieder zentrale Kritikpunkte, von denen ich einige hier vorstellen möchte.  

Der Begriff „Mädchen“ … 

  1. reproduziert eine Kultur der Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität. Er ist binärgeschlechtlich verankert, verweist auf das Gegensatzpaar männlich-weiblich und ignoriert deshalb geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. 
  2. verfestigt Geschlechterstereotype. „Mädchen“ ist ein historisch gewachsener Begriff und geht etymologisch auf eine Verkleinerungsform der „Magd“ zurück.  Der Begriff ist unmittelbar mit geschlechtsspezifischen Rollenbildern verknüpft, die aus der defizitären Deutung weiblicher Unterlegenheit nur schwer zu lösen seien. Der Begriff „Mädchen“ verbinde sich so beispielsweise mit Opfer, Unterwürfigkeit, Abhängigkeit und Schwäche. „Mädchen“ werde so zu einem Sackgassenbegriff, der Defizite hervorhebe und sich mit ihnen verbinde.
  3. verhindert die Teilnahme verschiedener Geschlechter an mädchenbezogenen Angeboten. Durch die Benennung der Zielgruppe „Mädchen“ werden häufig alle Nicht-Mädchen von den Angeboten der Mädchen(sozial)arbeit, also aus jenen Angeboten, die sich an Mädchen richten, ausgeschlossen. Dazu zählen Räume der Mädchen(sozial)arbeit wie Mädchenwohngruppen, offene Mädchentreffs oder Beratungsangebote für Mädchen.3
  4. funktioniert als Zwangszuweisung in pädagogischen Settings, die geschlechtshomogen ausgeschrieben sind, wie z.B. Mädchenwohngruppen. Nutzende müssen sich zuordnen oder werden von Fachkräften zugeordnet und so zu einer sozialen Gruppe homogenisiert, die möglicherweise für sie keine Relevanz hat oder von ihnen abgelehnt wird.4

Warum der Begriff „Mädchen“ trotzdem wichtig ist

Identifikation: Viele junge Menschen identifizieren sich mit dem Begriff „Mädchen“, unabhängig davon, ob sie z.B. cis- oder trans*geschlechtlich positioniert sind. Ihre geschlechtliche Positionierung und ihre Erfahrungswelten sehen sie durch diesen Sammelbegriff repräsentiert. Dabei ist die Lesbarkeit einer geschlechtlichen Zugehörigkeit aus der Wahrnehmung der Fachkräfte heraus nicht das entscheidende Kriterium für eine zeitgemäße Kinder- und Jugendhilfe: Denn wer sich als Mädchen begreift und identifiziert, entscheidet jedes Kind und jede*r Jugendliche*r selbst.  

Fehlen der Erfahrungsräume von Mädchen: In der Kinder- und Jugendhilfe zeigt sich im besonderen Maße das „Vergessen“ der Bedeutung der sozialen Kategorie Geschlecht.  Mädchenwelten sind bis heute vielfach unentdeckt. In den Fachdebatten werden weibliche Erfahrungen bis heute kaum berücksichtigt. Erst wenn Erfahrungsräume von Mädchen als solche benannt werden, von Mädchen erörtert, dargestellt und in ihrer Vielfalt sichtbar werden, können sie in konzeptionelle Überlegungen, Analysen und Strukturen als Kritik einfließen.

Heteronormativität: Mit den Zuweisungen von „Mädchen“ und „Jungen“ werden habituell, interaktiv und alltagssprachlich Positionierungen vorgenommen, mit denen sich alle Menschen im Laufe ihres Lebens mehrfach auseinandersetzen müssen (ungeachtet der eigenen binären oder nicht-binären Positionierung). Doch wer macht das? Wirksam ist ein gesamtes System heteronormativer Einschreibungsverfahren – auch für Mädchen. Dazu zählen alle Facetten einer Gesellschaft, von Bildung, über Politik, Repräsentation, Arbeitsmarkt bis hin zu den Medien, Peers, Sport, Kunst, Theater, das soziale Umfeld, die Wertesysteme, die Vorbilder u.v.a.m. Hier bedarf es einer fundierten Heteronormativitätskritik.

Soziale Ungleichheit und Gewalt: Wir brauchen den Begriff „Mädchen“ als Analyse-, Daseins- und Differenzkategorie (im Kontext vieler Geschlechter). Ohne ihn als strategischen Begriff lässt sich geschlechtsbezogene Diskriminierung und Gewalt nicht bekämpfen. Zur geschlechtsbezogenen Gewalt zählen z.B. Feminizide, sexualisierte Gewalt, Gewalt gegen Mädchen und Frauen, LSBTQIAN+-Feindlichkeit.

Zeitgemäße Begriffsentwicklung: Heteronormativitätskritik in der geschlechtersensiblen Pädagogik bedeutet außerdem, zur Begriffsverschiebung beizutragen, indem der Begriff „Mädchen“ positiv besetzt wird, um ihn aus seiner abwertenden Logik zu lösen. Bei „Queer“ ist das LSBTQIA+ Aktivist*innen und Allys schon einmal gelungen. Es gilt also, pädagogisch und politisch so zu handeln, dass die Lebenslagen von Mädchen, jungen Frauen (und Frauen) nie wieder im Abseits stehen, nie wieder vergessen, nie wieder verschwinden und nie wieder unsichtbar gemacht werden. 

Mädchen als Teil der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt

Fakt ist, dass geschlechtliche und sexuelle Vielfalt längst pädagogischer und fachlicher Alltag ist. Der rechtliche Rahmen hierfür ist endlich gesetzt (s. z.B. SGB VIII § 9,3, SBGG, PStG). Heteronormativität wirkt trotzdem im Alltag auf viele Lebensbereiche und äußert sich z.B. in Lebenswegen, Erwartungen, Themen, Macht, Kapital, Gefühlen, Chancen und Grenzen. Gleichsam ist Geschlecht stets intersektional. Das bedeutet, dass Mehrfach-Positionierungen aber auch Mehrfach-Diskriminierungen in Bezug auf soziale Kategorien wie Alter, Klasse, Migration, Aussehen, Körper alle Geschlechter beeinflussen.  

Intersektionale und geschlechtliche Komplexität sind zu beachten und zugleich bleibt klar:

Solange Mädchen sich (auch) als Mädchen beschreiben und merken, dass damit Gewalt(androhungen), Abwertungen, stereotype Zuschreibungen und Erwartungen verbunden sind, ist es Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII § 9.3), diese Selbstbeschreibung zu akzeptieren, Mädchen zu adressieren und an ihren mädchenbezogenen Themen zu arbeiten.

Dabei steht die Selbstbezeichnung der Mädchen und nicht das Aussehen oder der Körper im Vordergrund. Gleichzeitig muss die Kinder- und Jugendhilfe sich für andere Geschlechtergruppen einsetzen. Das heißt, die Kinder- und Jugendhilfe muss sich Mädchen, Jungen, trans*, inter*, non-binary und weiteren Geschlechtern zuwenden.  

Also keine Angst! Es gibt (cis, trans*, inter+, non-binary, plus) Mädchen und sie haben ein Recht auf Angebote.  


  1. Große Teile der Ultra-Fan-Szene von Werder Bremen engagieren sich seit vielen Jahren gegen Rechtsextremismus, gegen Antisemitismus, gegen Misogynie, gegen Homo-, Trans*Inter*feindlichkeit im Stadion und Umzug. S.a. Fanprojekt Bremen, fanprojektbremen.de↩︎
  2. Ähnliche Reflexionen sind mir in diesem Ausmaß von Akteur*innen der Jungenarbeit noch nicht begegnet.  ↩︎
  3. Hier befassen sich viele Akteur*innen aus der Praxis der Mädchenarbeit seit den späteren Nullerjahren mit Lösungsansätzen, um gleichzeitig Mädchen anzusprechen, mädchenbezogene Projekte und Offenheit für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zu signalisieren.  ↩︎
  4. Zwangszuweisungen sind keine Praxis emanzipatorischer Prozesse der geschlechtersensiblen Pädagogik. Zur Praxis geschlechterfokussierter Räume vgl. den Beitrag „Ist das Setting der Mädchen*- und Jungen*arbeit noch zeitgemäß? Geschlechtshomogenität in der Mädchen- und Jungenarbeit; ein faktisches Dilemma.“ ↩︎
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Ines Pohlkamp
Ines Pohlkamp
Dr.in Ines Pohlkamp (sie/ihr), Fortbildung, Supervision (DGSv), Sozialforschung, Politische Bildung, Tübinger Institut für gender- und diversitätsbewusste Sozialforschung und Praxis e.V. (tifs.de). Vorstand der BAG Mädchen*politik, 2019-2024. Ihr Lebensmittelpunkt ist in Bremen/Norddeutschland.
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