Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
18.02.2021
4 Min. Lesedauer
Michael Drogand-Strud
In Fachdebatten

Können Männer Feministen sein?

Ally, Pro-Feminist, lila Pudel: Über die Rolle und Bezeichnungen von Männern im Feminismus.

Für ein Magazin für Geschlechtergerechtigkeit ist die Frage, ob Männer Feministen sein können, sicherlich von grundlegender Bedeutung, zumal die Finanzierung im Referat „Gleichstellung für Jungen und Männer“ im BMFSFJ liegt.  Der Anteil von Männern* in sozialen und pädagogischen Arbeitsfeldern liegt bei ca. 20 %. Und in der zweigeschlechtlichen Realität finden sich Privilegien, Macht und Gewalt nach wie vor in einem hohen Maße auf der Männerseite. 

Darf ich das fragen?

Der Frage, ob Männer Feministen sein können, verlangt auch angesichts dieser Grundlagen eine eigene und vielleicht auch grundsätzliche Betrachtung. Zunächst zu der Position des Autors: Ich bin ein weißer Mann über 60 mit deutschem Pass, gesundheitlich nicht sonderlich eingeschränkt, mit Hochschulausbildung, heterosexuell, verheiratet, Vater von 4 Kindern, Großvater von drei Enkeln und mit insgesamt 39,5 Stunden beschäftigt. Das bedeutet, ich habe in beinahe allen Bereichen eine privilegierte Position.

Seit über 30 Jahren ist die geschlechterbezogene Pädagogik mein Thema. Ich habe viele Jahre Jungen*arbeit und Qualifizierung sozialer und pädagogischer Fachkräfte zu geschlechtersensibler Arbeit geleistet. Und ich bezeichne mich als Feministen. Doch ist das vielleicht ein Irrtum? Können Männer überhaupt Feministen sein? Darf diese Frage überhaupt von einem Mann* behandelt werden?

Feminismus leitet sich etymologisch vom lateinischen Wort für Frau, femina, ab und ist der Begriff für „Frauenbewegung“. Der Bezugsrahmen hier ist allerdings die Zweigeschlechtlichkeit. In der Weiterentwicklung der Geschlechtertheorien ist es mittlerweile Konsens, dass Diskriminierung auch gegenüber anderen Geschlechtern stattfindet und sich im Patriarchat Genderzuschreibungen eben an alle Menschen richten.

Männer und Feminismus

Erste Aspekte betreffen die Grundlagen von Gleichstellung und Gleichberechtigung. Menschen aller Geschlechter gleiche Rechte zuzugestehen und ihnen eine gleiche gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Stellung zuzugestehen ist eine grundlegende Selbstverständlichkeit für die Umsetzung elementarer Menschenrechte. Zugleich ist unsere Gesellschaft noch sehr weit von einer Realität dieser Gleichberechtigung und Gleichstellung entfernt. Dass auch Männer* sich zu dieser Position bekennen, sie unterstützen und aktiv vertreten sowie sich in Aktionen wie z.B. #heforshe oder #werbrauchtfeminismus engagieren, steht außer Frage. Und Männer als Betroffene geschlechtlicher Zuschreibungen können, ja müssen Widerstand leisten und damit auch einen feministischen Beitrag leisten, denn, wie Svenja Gräfen schreibt, „das Patriarchat kennt keine reinen Gewinner*innen“. Reicht dies für den Beweis, dass Männer, also insbesondere cis Männer, auch Feministen sein können?

Sicherlich ist es hilfreich, dass Menschen, die im Patriarchat kontinuierlich Unterdrückung erfahren, support von denen erhalten, denen es möglich ist oder die verantwortlich sind, Strukturen auch zu ändern. Feminismus lässt sich aber darüber hinaus als eine Bewegung definieren, die sich gegen strukturelle Diskriminierung von Frauen und alle vom Patriarchat unterdrückten Personen einsetzt, also explizit auch gegen die strukturelle Gewalt an trans* und inter* Personen. Grundsätzlich geht es dabei auch darum, „hegemoniale Männlichkeiten“ als Struktur sichtbar zu machen. Diese wird heute auch oft „toxische Maskulinität“ genannt und richtet sich strukturell gegen alle Menschen, die nicht cis-männlich sind.

Wäre dies nun also umgekehrt der Beleg, dass cis Männer keine Feministen sein können, ja, dass hier sogar die (potentiellen oder real) Unterdrückenden ein Label der von ihnen Unterdrückten claimen?
Cis Männer können sich selbstverständlich mit anderen Geschlechtern solidarisieren und verbünden, sie können sich pro-feministisch äußern, gegen Sexismus und für geschlechtergerechte Sprache einsetzen und sich für Referierende, Autor*innen oder Arbeitsplätze einsetzen, deren Besetzung nicht ‚automatisch’ cis-weiß-männlich protegiert wird. 

Ally oder Pro-Feminist?

Es gibt auch gute Argumente den Begriff des „Ally“, des ‚Verbündeten‘ zu verwenden. Es ist ein Begriff für cis Männer, die nicht Teil einer marginalisierten Geschlechtergruppe sind, welche Diskriminierungserfahrungen machen. Ob diese Definition nun den Begriff „Ally“, „Pro-Feminist“ oder „Feminist“ ergibt, ist mir dann tatsächlich nicht mehr wichtig.

Dagegen besteht die Aufgabe, eine fundamentale strukturelle Veränderung unseres Gesellschaftssystems zu verfolgen. Dieses muss künftig nicht mehr auf Ausgrenzung und Diskriminierung, sondern auf Menschenwürde und Gleichberechtigung setzen. Die grundlegende Struktur, die wir ‚Patriarchat‘ nennen, müssen wir entmachten. Dieses revolutionäre Ziel versetzt alle, die sich dafür einsetzen, in den Status der ‚Umstürzler*innen‘, ‚weltfremden Weltverbesserern‘ und hält für cis Männer noch den ‚Nestbeschmutzer‘ bereit, wie die maskulinistische Bezeichnung des ‚lila Pudels‘ für Feministen nahelegt.

Wir zählen leider viel zu wenige cis Männer unter den Feminist*innen. Oft scheint ein Kampf gegen die Privilegien, welche Männlichkeit versprechen, dem Engagement für Geschlechtergerechtigkeit entgegenzustehen. Auch angesichts der leider viel zu geringen Zahl von Frauen, die sich Feministinnen nennen, bin ich davon überzeugt, dass es nichts Biologisches hat, ob mensch Feminist*in ist. Es kommt darauf an, sich feministisch zu bilden und danach zu handeln.

Feminismus bedeutet, meiner Auffassung nach, allgemein und unter Berücksichtigung der strukturellen Gesichtspunkte, sich für die Gleichberechtigung aller Geschlechter einzusetzen, unabhängig vom Geschlecht. Wer so handelt, ist in meinen Augen Feminist*in – und muss sich dabei ständig eigener Privilegien in Bezug auf alle Kategorien bewußt werden, in die Menschen eingeteilt werden.

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Michael_mod
Michael Drogand-Strud
Michael Drogand-Strud ist Sozialwissenschaftler, Gestaltberater und Mediator. Von 2013 bis 2022 leitete er mit Claudia Wallner das Projekt meinTestgelände. Er arbeitet in der Prävention sexualisierter Gewalt an Jungen bei mannigfaltig Minden-Lübbecke und ist im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit NRW.
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