Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
21.05.2026
3 Min. Lesedauer
Ziad Assem
In Gesellschaft

Intersektionale Männlichkeit: Warum wir das Patriarchat neu rahmen müssen 

Patriarchat fühlt sich nicht für alle Männer gleich an. Wer feministisch arbeiten will, muss das berücksichtigen.

Das Patriarchat ist ein Begriff, der zwar allgegenwärtig scheint, in seiner vollen Tragweite jedoch oft nur oberflächlich begriffen wird. Obwohl Bildungsangebote an Universitäten und Schulen sowie die Arbeit von Künstlerinnen und Influencerinnen in den letzten Jahren das Bewusstsein geschärft haben, herrscht gerade unter heterosexuellen Männern noch immer eine weit verbreitete Ignoranz gegenüber diesem Thema. 

Unsichtbare Norm und Barrieren der Erkenntnis 

Diese Ignoranz ist kein Zufall, sondern systemeigen. Für viele Männer gibt ihre Lebensrealität es schlicht nicht her, sich „passiv“ mit dem Patriarchat auseinanderzusetzen. Da das System auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist, fühlt sich ihr Weg durch die Welt schlichtweg „natürlich“ an. Privilegien sind oft wie die Luft zum Atmen: Man bemerkt sie erst, wenn sie einem entzogen werden. 

Besonders komplex wird es jedoch, wenn wir über marginalisierte Männer sprechen. Es ist psychologisch schwer greifbar, sich einzugestehen, von einem System zu profitieren, wenn die eigene Alltagserfahrung gleichzeitig von massiver Diskriminierung geprägt ist. Wer aufgrund seiner Herkunft, Klasse oder Hautfarbe systematisch benachteiligt wird, empfindet den Hinweis auf „männliche Privilegien“ oft als Hohn. 

Same, same but different 

In der Debatte über Männlichkeit und Patriarchat begehen wir oft den Fehler, aus einer rein weißen, bürgerlichen Perspektive zu sprechen. Wir erwarten einen Konsens über feministische Werte von Männern, deren Lebensrealitäten wir in der Theorie gar nicht mitdenken. Wenn wir nicht differenzieren, riskieren wir, genau jene Männer zu verlieren, die unter den Ausläufern des Patriarchats und des Kapitalismus oft am stärksten leiden. 

Das Patriarchat bietet marginalisierten Männern oft ein trügerisches Versprechen: Es suggeriert ihnen eine Form von Macht durch Dominanz (oft gegenüber Frauen oder innerhalb der eigenen Community), um die Ohnmacht auszugleichen, die sie in einer rassistischen und klassistischen Gesellschaft erfahren. Diese „Ersatzmacht“ ist jedoch eine Falle, die sie in toxischen Rollenbildern gefangen hält und echte Solidarität verhindert. 

Besser schön und reich 

Meine Überlegungen erinnern mich stark an eine Methode, die ich während einer Fortbildung gelernt habe: Controlling Images. In dieser Methode geht es darum, das Machtgefälle innerhalb von Gruppen junger Männer zu reflektieren. Sei es im Kontext Schule oder im Sportverein: Männer, die aus einer wohlhabenden Familie kommen, dem Schönheitsideal entsprechen und sportlich sind, haben oft ohne eigenes Zutun Zugang zu Macht. 

Männer hingegen, die diese Eigenschaften nicht mitbringen, sind mit fremdbestimmten Rollenbildern konfrontiert. Um dennoch die versprochene Anerkennung und Respekt zu erfahren, versuchen viele, sich diese auf andere Weise zu verschaffen – sei es durch Pöbeln oder Gewalt. Dieser Versuch der Selbstbehauptung ist jedoch ein hohler Sieg: Am Ende tragen sie selbst den Schaden, sei es in ihrer persönlichen Entwicklung oder durch die harten Konsequenzen ihres Verhaltens. Gleichzeitig leidet auch das gesamte Umfeld unter diesen Dynamiken. 

Was kostet das Patriarchat? 

Wie lässt sich der Zugang zum Feminismus für marginalisierte Männer also konkret öffnen? Es geht vor allem darum, Feminismus als Analysewerkzeug für die eigene Lebensrealität zu begreifen. 

Ein entscheidender Punkt ist die Reflexion über den Preis, den Männer für das patriarchale Versprechen von Stärke zahlen. 

Wir müssen auch ehrlich darüber reden, was ihnen das „Harte-Typen-Getue“ wirklich bringt. Klar, man bekommt vielleicht kurz Respekt, wenn man pöbelt. Aber auf Dauer bringt das nur Stress, Ärger mit der Schule oder der Polizei und man ist am Ende einsam. Wir können ihnen zeigen, dass das Patriarchat sie mit diesen Rollenbildern eigentlich nur klein und kontrollierbar hält. Wenn jemand selbst Rassismus erlebt, ist das oft ein guter Anknüpfungspunkt. Man kann zeigen: Die Logik, die dich wegen deiner Herkunft abwertet, ist dieselbe Logik, die Frauen unterdrückt. Wer das eine bekämpfen will, muss das andere verstehen. 

Mein Fazit ist: Feminismus sollte für marginalisierte Männer kein neuer Vorwurf sein, sondern ein Weg, sich selbst zu befreien. Wenn sie verstehen, dass diese festgefahrenen Rollenbilder („Controlling Images“) sie nur in einem Kreislauf aus Gewalt und Stress gefangen halten, wird Feminismus zu ihrer eigenen Sache. Echte Stärke bedeutet nicht, andere zu dominieren. Echte Stärke bedeutet, das System zu durchschauen, das uns alle gegeneinander ausspielt. 

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Ziad Assem
Ziad Assem studiert Grundschullehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Projektkoordinator bei den Beteiligungsfüchsen im Projekt ,,Geschlechterrollen aufbrechen“.
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