Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
08.03.2026
5 Min. Lesedauer
Claudia Wallner
In Gesellschaft

Warum es bis heute keine Gleichberechtigung für Frauen gibt

Ein kritischer Blick auf den Zustand der Gleichstellung
Zerbrochene Torte mit feministischem Symbol aus der Vogelperspektive auf türkisfarbenem Hintergrund; der Kuchen ist sichtbar eingedrückt und aufgerissen, mit verstreuten Krümeln und verschmierter rosa Glasur rundherum.

Hat das Patriarchat Frauen immer an der kurzen Leine gehalten und lediglich Zugeständnisse gemacht, ohne jemals die Kontrolle zu verlieren? Wissend, dass die Leine jederzeit wieder angezogen, dass Rechte und Bewegungsmöglichkeiten von Frauen, wann immer von den Herrschenden die Notwendigkeit dazu gesehen wird, zurückgenommen werden können? Dieser Zeitpunkt scheint wieder gekommen zu sein. 

Genügsamkeit, falsche Hoffnungen und Selbstschwächung 

Während Frauen seit Jahrhunderten in Wellen um ihre Rechte kämpfen, Erfolge erzielen, sich mit der unerträglichen Langsamkeit von Fortschritten arrangieren, rechtliche Anpassungen oder soziale Lockerungen feiern, lacht das System patriarchaler Macht über so viel Naivität.  

Kämpfe unter Frauen und verschiedenen Feminismen verringern die politische Schlagkraft zudem.

Frauenbewegungen und Feminismen stellen sich gegeneinander auf, weil es keine gemeinsame Vision einer Welt gibt, die als gleichberechtigt anerkannt wird und auch keine Vision über den Weg dorthin. 

Es gibt grundsätzlich verschiedene Positionen dazu, ob Fortschritt erreicht werden kann, indem Frauen sich in das bestehende System begeben, um es von innen zu verändern oder ob es eigene Visionen einer Gesellschaft braucht, die sich nicht an der Ordnung Kleinfamilie, Kinder und Erwerbsarbeit orientieren. 

Das Patriarchat soll von innen bekämpft werden 

Gut für das Patriarchat ist, dass die Strömungen der zweiten Frauenbewegung, die eine neue Gesellschaftsordnung anstrebten, schnell versiegten, weil Frauen doch eher darauf setzten, ihren Teil des vorhandenen Kuchens abzubekommen, also gleichwertiger Teil der bestehenden Ordnung zu werden. Das ist verständlich: In einem bestehenden System mehr Macht und Anerkennung zu erkämpfen ist einfacher zu imaginieren und erscheint auch erfolgversprechender als das System zu stürzen und ein neues aufzubauen. Allein: Dieses politische Konzept bedeutet eben auch, als Machtlose oder weniger Mächtige den Mächtigen die Abgabe von Macht abzuringen. Ein ungleicher Kampf zwischen David und Goliath, denn die Fäden bleiben beim Patriarchat und seinen Hüter*innen, männliche wie weibliche. Wo die Grenzen der Gleichberechtigung und der Selbstbestimmung der Frau liegen, wird so aber nicht von Frauen bestimmt: 

  • Durch Coronamaßnahmen werden die Kitas und Schulen geschlossen? Dann müssen halt die Frauen ihre Berufstätigkeit runterfahren, die Männer müssen erwerbstätig bleiben – genau das ist passiert. 
  • Das Recht auf den eigenen Körper? Keine Regierung hat bislang den § 218 StGB abgeschafft – zu mehr als einer Absichtserklärung im Koalitionsvertrag hat es nie gereicht, die aktuelle Bundesregierung lehnt die Abschaffung wieder ab. 
  • Das Recht auf Unversehrtheit? (Tödliche) Gewalt gegen Frauen nimmt rasant zu: Wurde vor einigen Jahren noch jeden dritten Tag eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet, bewegen wir uns aktuell auf tägliche Tode zu – Reaktionen der Politik?  
  • Hilfe für Opfer von männlicher Gewalt? Frauenhausplätze sind weiterhin rar und nicht kostenfrei. 

Es bleibt der Katzentisch – wenn auch schön gedeckt 

Frauen wird ihr Platz zugewiesen und der ist nicht am Tisch. Sie werden angehalten, ihre Forderungen nicht zu laut zu formulieren, damit sie das bis hierhin Erreichte nicht auch wieder verlieren. Was sagt das über ihre Lage aus? Dass es keine offene Aushandlung über Geschlechterverhältnisse, über Zugang zu Geld, Macht und Selbstbestimmung gibt, sondern dass das Patriarchat der Puppenspieler ist, der an den Fäden zieht. Das hat mit Selbstbestimmung und Gleichberechtigung nichts zu tun und auch nicht mit dem Grundgesetz. 

Einigen Frauen wird Zugriff auf den Tisch gewährt, weil das Patriarchat verstanden hat, dass Frauen sich selbst über all die feministischen Diskurse der vergangenen Jahrzehnte und auch über politische Gleichberechtigungsversprechen als gleichwertig verstehen und sich nicht mehr einverstanden erklären damit, die zweite Reihe zugewiesen zu bekommen.

Also werden sichtbare Positionen mit Frauen besetzt: eine Kanzlerin, eine Präsidentin der Europäischen Kommission, eine Bundestagspräsidentin, einige Frauen an der Spitze von DAX Unternehmen, ein paar Geschäftsführerinnen.

Gerne werden Frauen auch in hohe Positionen geholt, wenn der Karren ordentlich in den Dreck gefahren ist, so aktuell die erste Frau an der Spitze der Deutschen Bahn.  

Nun soll nicht verkannt werden, dass sich die rechtliche und gesellschaftliche Lage von Frauen sukzessive verbessert: das Wahlrecht, das Recht auf Bildung und Erwerbsarbeit, politische Teilhabe, eigenes Einkommen oder das Selbstbestimmungsgesetz. Alles große Meilensteine aus der strukturellen Unterdrückung. Die Lage von Mädchen und jungen Frauen heute ist auf viele Weisen eine deutlich verbesserte gegenüber der Großmüttergeneration. 

Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das System Frauen Gleichberechtigung und Selbstbestimmung immer nur so weit zugesteht, dass es als solches nicht gefährdet wird. Die Liste der Platzanweisungen ist endlos und reicht von schlechterer Bezahlung, niedrigeren Renten, mehr Verantwortung für alles Soziale, der Kontrolle ihres Aussehens, Auftretens und ihrer Körper bis dahin, dass Gewalt und Tod (Femizide) nicht konsequent bekämpft werden. 

Wacht auf!

Zu lange haben Frauen dem Singsang postulierter Gleichberechtigung geglaubt, zu lange vertraut, dass das Gleichberechtigungsversprechen des Grundgesetzes in Stein gemeißelt und es nur eine Frage von Kämpfen und Zeit ist, bis es eingelöst wird. Frauen vieler Generationen haben dafür gekämpft und einiges erreicht gegen viele Widerstände. Aber die Historie und die aktuelle Situation zeigen, dass den Erfolgen Grenzen gesetzt sind. Die politischen Strippenzieher bestimmen, wie weit Gleichberechtigung geht oder eben nicht. Aktuelle Beispiele?  

  • Eine Juristin wird als Bundesverfassungsrichterin verhindert wegen ihrer rechtlichen Position zur Abtreibung 
  • Funk als Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks konzipiert mit “Brave Mädchen” einen Podcast, der als gesellschaftskritisch und feministisch gelabelt Männer als grundsätzlich inakzeptabel und Frauen als Golddigger präsentiert. 
  • Eine Abgeordnete hält im Deutschen Bundestag eine Rede, ihr Baby am Körper. „… hat damit Geschichte geschrieben“, heißt es auf dem offiziellen Instagram-Kanal des Bundestags. Noch Fragen? 

Es wird Zeit, die Situation so zu sehen, wie sie ist und neue, solidarische Strategien zu entwickeln, wie das System männlicher Dominanz zu sprengen ist. Als Teil desselben, das haben die vergangenen 150 Jahre gezeigt, wird das nur schwer gelingen. 

Die Zauberformel? Vielleicht 

Queere Menschen und Frauen bilden quantitativ die Mehrheit unserer Gesellschaft. Insofern ist es eine einfache mathematische Rechnung, wo der Weg zur Durchsetzung gleicher Rechte und Zugänge liegen könnte: Solidarität und gemeinsamer politischer Kampf. Hinzu kommen all die Männer, die dieses patriarchale System auch nicht mehr ertragen (wollen). Es braucht offene Diskurse, wo Schnittmengen in Zielen und Interessen liegen. Für diese könnten dann gemeinsame Strategien entwickelt werden. 

Wir müssen aufhören, uns gegenseitig aufzuhalten und abzulenken mit Streitereien über Asterisk, Unterstrich oder Doppelpunkt oder über Pronomen. Hier verpufft Solidarität und Energie, die dringend gebraucht wird.

Stattdessen gilt, gemeinsam Kante zu zeigen gegen solche, die im Namen des Feminismus Menschenverachtung betreiben und gegen all die rechten und rechtskonservativen, die die Definitionsmacht über Geschlecht und Geschlechterverhältnisse an sich zu reißen versuchen. 

Und es braucht grundsätzliche politische Reflexionen darüber, ob der bisherige Weg, das System von innen zu bekämpfen, der richtige Weg ist oder ob es nicht Zeit ist für neue Gesellschaftsvisionen. 


Das Beitragsbild ist ki-generiert mit ChatGPT.

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Claudia Wallner lehnt an eine weiße Wand. Sie lächelt in die Kamera.
Claudia Wallner
Dr.in Claudia Wallner arbeitet als Referentin und Praxisforscherin mit den Schwerpunkten Mädchen*arbeit, Geschlechterpädagogik und Gleichstellungspolitik und leitet das Projekt meinTestgelände.
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