Dass Politiker*innen öffentlich ihre geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung thematisieren ist selten – bei dir gehört es als LGBTQ-Aktivistin selbstverständlich dazu. Warum ist dir das weiterhin wichtig, auch als Nationalrätin?
Als ich anfangs 20 realisierte, dass ich bisexuell bin, lag es mir am Herzen, diesen Teil von mir nicht zu verstecken. Genau das liebte ich von Anfang an an der queeren Bewegung: Die Antwort auf Scham und Schuld ist nicht Gleichgültigkeit, sondern Freude und Stolz. Genau diese lebensbejahende Haltung lockte mich in den queerfeministischen Aktivismus. Wenn ich schon betteln muss um gleiche Rechte, etwa bei der Ehe-für-alle-Abstimmung, und miterleben muss, wie meine trans Mitmenschen täglich Gewalt erleben, dann will ich diesem Elend mit Solidarität und Verspieltheit entgegentreten. Kein Wunder also, interessierte mich parlamentarische Politik zu dem Zeitpunkt nur aus der Außensicht. Bei den nationalen Wahlen stimmte ich einem Listenfüllerplatz zu, der statistisch unmöglich zu meiner Wahl führen konnte – und wurde gewählt.
Politikerin über Nacht zu werden, überforderte mich auf vielen Ebenen, aber für mich war immer klar, dass meine Bisexualität sichtbar bleiben soll.
Schließlich sollte die Politik die Bevölkerung repräsentieren, und frauenliebende Frauen sind in vielen Bereichen unserer Gesellschaft unterrepräsentiert. Im Parlament sind Tamara Funiciello und ich jetzt immerhin zu zweit.
Du wirst häufig als „bunteste Nationalrätin der Schweiz“ bezeichnet. Wie geht es dir mit dieser Sonderstellung und Bezeichnung?
Mich befremdet die Wortwahl ein bisschen. Ich kann nur hoffen, dass «bunt» für den Regenbogen steht, den ich ja auch thematisch in der Politik vertrete: Ich setze mich ein für die Rechte nonbinärer Menschen, für ein transfreundliches Gesundheitssystem, für die Sichtbarkeit und den Schutz gleichgeschlechtlich liebender Frauen und Männer.
Gleichzeitig klingt ja «bunt» nicht einfach nach Regenbogen, sondern nach Auffallen. Vor meinem politischen Amt hatte ich jahrelang bunte Haare, vielleicht gehts darum. Weil ich aber mit wachsendem Bekanntheitsgrad auch Menschen außerhalb der LGBTQ-Bewegung erreichen kann, habe ich mich optisch etwas der Norm angepasst:
So «bunt» bin ich gar nicht mehr. Und trotzdem: Frauen, erst recht solche unter 40, sind eine Minderheit im Bundeshaus.
Natürlich falle ich da nach wie vor auf; wer sich einen Politiker vorstellt, stellt sich nicht mich vor. Genau deshalb habe ich mich entschieden, diese unerwartete Wahl anzunehmen. Gleichzeitig ist es auch verdächtig, dass eine weiße, dünne cis Frau ohne sichtbare Behinderung bereits als auffällig gilt.
Der Untertitel „Feministische Strategien und queere Hoffnung“ klingt ein wenig nach einem Ratgeberbuch. Inwiefern trifft das (nicht) zu?
Ja, meine beiden Bücher sind zu einem Teil auch Ratgeber. «Herz – Feministische Strategien und queere Hoffnung» enthält zum Beispiel eine Anleitung, wie man mit Online-Hass umgehen kann, oder Ratschläge, wie man als Angehörige*r einer queeren Person auf ein Coming-Out reagiert. Ein anderer Bestandteil meiner Texte sind immer auch Erzählungen eigener Erlebnisse – auch hochintime Situationen –, weil ich glaube, dass wir durch das Brechen von Tabus aus der Isolierung rauskommen. Das ist dann nicht ein Ratgeber-Element, sondern ein autobiografisches Erzählen nach der feministischen Überzeugung: Das Private ist politisch.
Nicht zuletzt gehört die Frage nach Hoffnung zu den häufigsten, die mir gestellt werden. Also habe ich dieser Frage im Buch ein ganzes Kapitel gewidmet: Hoffnung ist Arbeit, und ich teile gern, mit welchen Strategien ich gelernt habe, Hoffnung zu kultivieren.
Du nimmst uns mit in sehr persönliche Erlebnisse: Begegnungen auf der Pride, übergriffige Internetkontakte und Erfahrungen sexualisierter Gewalt führen dich zu feministischen Themen rund um Selbstbestimmung. Warum wählst du diesen persönlichen Zugang?
Weil ich der Überzeugung bin, dass Verletzlichkeit uns weiterbringt. Nicht nur in der Politik gilt die Prämisse, dass Stärke bedeutet, sich eine dicke Haut zuzulegen. Das führt dazu, dass mächtige Menschen ihre eigenen Fehler vertuschen, anstatt Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig lebt Unterdrückung auch von Scham: Wenn ich mich schäme dafür, bisexuell zu sein, Übergriffe erlebt zu haben oder Fehler zu machen, isoliere ich mich. Indem ich diese Geschichten erzähle, sage ich den Lesenden auch: Du bist nicht die Einzige. Und du bist nicht allein.
In «Herz» geht es im Wesentlichen darum, dass jedes Gefühl dazu da ist, gefühlt zu werden: Auch unangenehme Gefühle wie Wut, Trauer und Angst. Ich habe entschieden, diese Überzeugung darzulegen, indem ich auch meine eigene Verletzlichkeit auffächere. Außerdem habe ich keinen Bock, bei dem Unfehlbarkeits-Faken der Politik mitzumachen. Das würden diejenigen, die mich gewählt haben, auch gar nicht wollen.
Du schreibst: „Hoffnung ist nicht Optimismus.“ Welches Verständnis von Hoffnung möchtest du den Lesenden, vielleicht auch uns allen für 2026 mitgeben?
Gewisse Ungerechtigkeiten geben uns ein Gefühl der Ohnmacht, weil wir in dem Moment wenig bis keinen Handlungsspielraum haben. Das heisst nicht, dass wir Hoffnung nicht kultivieren können: Einerseits, indem wir uns auch Schönes zugestehen, während Schlimmes passiert. Und kleine Fortschritte und Freuden bewusst wahrnehmen, statt sie abzutun, weil es «Wichtigeres» gibt. Andererseits entsteht Hoffnung nicht einfach beim Individuum, sondern im Kollektiv: Indem wir in irgendeiner Form Teil werden von einer Gruppe, die sich für etwas einsetzt.
Hoffen ist ein Verb. Hoffen ist nie Stillstand.
Indem wir uns engagieren – in der Nachbarschaft, in der Schule, auf der Arbeit, im Verein, im Aktivismus oder in einer Partei –, sind wir Teil eines Lösungsvorschlags. Und Teil eines Nicht-Alleineseins. Das ist Hoffnung. Ich kann sie sehr weiterempfehlen.

Anna Rosenwasser
Herz. Feministische Strategien und queere Hoffnung
978-3-03973-055-1978-3-03973-055-1
Rotpunktverlag
