Seit mehr als zehn Jahren sammeln wir auf unserer Jugendwebsite meinTestgelände Texte junger Menschen zu allem, was sie bewegt. In diesen Zitaten sprechen Jugendliche über Zuschreibungen und Anforderungen:
Siri_us reflektiert über verschiedene Zuschreibungen, die ri als nicht-binäre Person erlebt hat:
Als ich ein Mädchen war, war ich … Ich war liebevoll, ich war wortgewandt, ich gehörte dazu. Ich war dabei.
Als ich ein Junge war, kämpfte ich gegen Monster und gegen die Angst und die Dunkelheit und den Schlaf.
Als ich ein Mädchen war, kniff ich die Augen zu, ich hielt es aus, ich bog mich, aber ich zerbrach nicht, zumindest nicht ganz.
„Du bist hübsch“, sagten sie. „Du bist sexy.“ „Du bist ein Mädchen, du wirst eine Frau.“
„Ich bin stark“, sagte ich. „Ich will auch sexy sein. Aber eine Frau?“
Lina prangert widersprüchliche Körperideale an:
ich mache mir doch nur sorgen, bist du schwanger, willst du das wirklich noch essen, du musst langsam mal aufpassen, weißt du, das ist ungesund, jemand den ich kannte hatte mit 40 deshalb schon einen herzinfakt, ich habe angst um dich, das ist ungesund, geh mal zum arzt, mach mal mehr sport, sag mal nein, lass hunger zu, lass eine mahlzeit weg, iss mal einen apfel, achte mal auf dich, so wie du aussiehst möchte dich keiner haben, so kann dich keiner lieben, ich mache mir doch nur sorgen
können wir bitte über etwas anderes reden
Sophia über den Druck, stets sexuell verfügbar zu sein:
Ein bisschen heftigeres Anpacken, vielleicht ein wenig Choking – alles super aufregend. […] Ich dachte erst das liegt mir alles. Ich bin die Entspannte, mit mir kann man alles machen. Ich bin mir für Nichts zu schade. Nein heißt nein, aber ich sage immer ja. Ich bin nicht wie die anderen, ich bin pflegeleicht. Ich bin cool mit allem.

Dr.in Claudia Wallner, Projektleiterin von meinTestgelände und Referentin für Mädchen*arbeit und Geschlechterpädagogik, schreibt dazu:
„Wir feiern Vielfalt – zumindest die progressiven Demokratischen unter uns –, wir schreiben geschlechterpädagogische Konzepte, die alle Geschlechter ansprechen und die die Freiheit bieten sollen, sich zu entwickeln, wie junge Menschen es in sich fühlen oder sich ausprobieren wollen.
Und dann lesen wir, was Jugendliche erzählen, wie es sich anfühlt, als Mädchen angesprochen zu werden und der Atem stockt: Gewalt, Repressalien, Druck und ganz viel Fremdbestimmung. Immer noch bedeutet Mädchensein, das andere sagen, was gut ist, dass angefasst wird und verlangt, das ok zu finden, bis sie es selbst glauben.
Für uns Fachkräfte bedeutet das: uns nicht verblenden zu lassen von Diskursen, die Freiheit proklamieren, sondern Mädchen sensible Räume anzubieten, in denen sie offen sprechen, sich selbst spüren, sich sicher fühlen und ggf. Hilfe bekommen können. Besinnen wir uns wieder auf Konzepte der Parteilichkeit.“