„Wenn du dich von mir getriggert gefühlt hast, entschuldige ich mich dafür.“
Es ist eine Strategie, die wir seit Monaten zunehmend auf Social Media und auch in Trash Formaten im TV beobachten können. Sätze wie diese werden oft von genau den Personen ausgesprochen, die sich übergriffig, beleidigend oder gar körperlich zudringlich benommen haben. Die also ein Verhalten gezeigt haben, das unabhängig von der Person, auf die gezielt wurde, auf verschiedenste Arten inakzeptabel ist. Genutzt wird eine nahezu therapeutische Sprache, die Zuwendung und Verständnis suggeriert, aber das Gegenteil meint.
Was aber passiert durch diese Formulierung? Aus „Ich habe mich schlecht benommen“ wird „Wenn du dich so fühlst, als hätte ich mich schlecht benommen“. Damit wird die Verantwortung auf die Person verlagert, die mies behandelt wurde. Denn nun liegt es vermeintlich in ihrem Auge, ob das Verhalten ihr gegenüber akzeptabel ist oder nicht.
Schlechtes Verhalten wird so zu einem Gefühl des Gegenübers umgedeutet, das als singulär-persönliche Empfindung einen objektiven Tatbestand zu einer subjektiven Einschätzung macht.
Wie angemessen, daneben oder verletzend eine Handlung war, wird zu einer persönlichen Beurteilung. Die aggressive Person befreit sich damit von der eigenen Verantwortung auf eine Art, die als Entschuldigung getarnt und mit entsprechendem poppsychologischem Wortschatz angereichert daherkommt und damit auf eine deutlich größere soziale Akzeptanz triff als „Stell dich nicht so an“ oder „Hab’ ich gar nicht gemacht“, die faktisch aber ein weiterer Übergriff ist.
Wenn schlechtes Benehmen Feminismus genannt wird
Dieses Phänomen finden wir nun auch bei FUNK sowie bei der Redaktion und den beiden Hosts des Podcasts „Brave Mädchen“. Der war – groß angekündigt als feministisch, frech und frei – nach nur vier Folgen abgesetzt worden nach einer Welle der Empörung über den frauen- wie männerverachtenden Trash, den die beiden jungen Frauen im Gespräch austauschten.
Da saßen keine Feministinnen zusammen, um über Gleichberechtigung zu sprechen, sondern um empathielos unter anderem über Männer abzulästern.
Typen würden sie demnach nur daten, wenn sie superreich sind. Und auch Youtuberin Sashka wurde als „Schrott der Woche“ diffamiert. Sehr feministisch. Der Podcast lebte davon, Statements in den Raum zu werfen, von denen die beiden Frauen oder die Redaktion annahmen, dass sie provokant genug sind, um damit Reichweite zu generieren. Ärgerlich war nicht nur die Sinnfreiheit des Gesagten, sondern, dass alles als Feminismus verkauft und damit eine der wichtigsten politischen Bewegungen der vergangenen zwei Jahrhunderte der Lächerlichkeit preisgegeben wurde.
Podcast „Brave Mädchen“ entschuldigt sich – oder doch nicht?
Der Podcast wurde im September 2025 abgesetzt und kommt nun zurück mit eben jenem sprachlichen Kniff, der erlaubt, sich vermeintlich reuig zu zeigen und dabei die Verantwortung abzuweisen. Die Redaktion spricht zuerst: „Wir tragen die Verantwortung … alle zusammen. … Wir möchten insbesondere bei Sashka um Entschuldigung bitten, die sich durch die Rubrik und unsere Wortwahl herabgewürdigt gefühlt hat.“
Achtung! Nicht gesagt wird „Wir haben Sashka beleidigt“, sondern: Wenn Sashka sich so gefühlt hat, dann entschuldigen wir uns. Damit wird die Verantwortung für das, was die Hosts getan haben, verweigert, nur einen Satz nach der Erklärung, die Verantwortung zu übernehmen. Stattdessen wird suggeriert, mensch könne sich von den Äußerungen beleidigt fühlen oder auch nicht, das liege halt im Auge der Betrachterin, und wenn diese Sashka sich subjektiv beleidigt fühle davon, als Schrott bezeichnet zu werden, nun ja, dann sorry for that. Was in der neuen Ausgabe von „Brave Mädchen“ vordergründig als in den Staub werfen ob der ersten vier Folgen daherkommt, ist stattdessen eine Weiterführung der Arroganzanfälle dieser beiden jungen Frauen und ihrer Verteidigung durch FUNK und die Redaktion von „Brave Mädchen“.
Das soll Feminismus sein?
Selbst die Mär eines feministischen Podcasts wird bar jeder Realität weiterhin aufrechterhalten: „… weil für uns Feminismus und Empowerment auch bedeuten, Fehler anzuerkennen, voneinander zu lernen und im Gespräch miteinander zu bleiben.“ Was für eine absurde Definition von Feminismus, die aus einer gesellschaftspolitischen Bewegung ein Gesprächskonzept macht.
FUNK scheint davon auszugehen, dass, wenn junge Frauen sich respektlos benehmen, dies (Selbst-)Empowerment sei, und empowerte Frauen, das ist Feminismus. Ahnungslos ist vielleicht das Freundlichste, was über so viel Unsinn gesagt werden kann.
Abrundend sei hier auch noch erwähnt, dass die beiden Hosts sich im Anschluss an das Statement der Redaktion in ähnlicher Weise „entschuldigt“ haben: same, same.
Wir sind die Opfer
Interessanter noch ist, dass von den 24 Minuten, die diese erste Wiederaufnahmefolge der „Braven Mädchen“ dauert, die „Entschuldigungen“ und Rechtfertigungen nur 10 Minuten einnehmen. Die restliche Zeit jammern die beiden ausführlich über den Shitstorm, der über sie hereingebrochen ist und was er mit ihnen gemacht hat. So lautet auch der Titel der aktuellen Folge „Wir reden über unseren Shitstorm“ und nicht „wir entschuldigen uns“. Nun rechtfertigt niemand Beschimpfungen oder gar Morddrohungen, ABER: ein weiteres Mal wird durch diesen Switch relativiert, was die Hosts in den vier Folgen an Beleidigungen und Abwertungen Dritter ausgestoßen haben.
Schnell entschuldigen und dann sich selbst als Opfer ausbreiten. Das nenne ich Täter – Opfer – Umkehr, meilenweit von der Erkenntnis eigener fulminanter Fehler zum Schaden Dritter entfernt, die in den ersten 10 Minuten deklariert wird.
Das verspricht jedenfalls nicht die angekündigte Kehrtwende. Vielmehr lässt es befürchten, dass der Podcast genau so weiter gehen wird, bis der nächste Shitstorm ihn hoffentlich final stoppt. Dass das genau so kommen wird, lässt auch die Antwort von FUNK auf Anfrage der BILD, inwiefern der umstrittene Podcast überarbeitet wurde, befürchten:
„Im Zusammenhang mit ‚Brave Mädchen‘ haben wir uns intensiv mit den kritischen Rückmeldungen auseinandergesetzt. Wir erkennen an, dass die ersten Folgen des Podcasts nicht in allen Punkten den Ansprüchen gerecht wurden, die an ein Format mit öffentlich-rechtlichem Auftrag gestellt werden.“
„Nicht in allen Punkten … gerecht wurden“: Da ist sie wieder, die Sprache, die Verantwortung von sich weist im Eindruck, sie zu übernehmen. Merkst du selbst FUNK oder?
