Digitale Soziale Arbeit bedeutet für uns bei Anna & Hannah e.V., Mädchen1 dort zu erreichen, wo sie wirklich sind. Sie können uns anonym und direkt schreiben, aus ihrem Kinderzimmer, in der Pause oder von unterwegs. Das senkt die Hürde, sich Hilfe zu holen.
Die Inhalte unserer Online-Kampagnen sind nah an der Lebensrealität der Mädchen. Wir greifen aktuelle Themen auf, sprechen über popkulturelle Phänomene, Erwachsenwerden, Körperbilder, Trends und gestalten ansprechende Inhalte, die Vertrauen schaffen und Mut machen. Unsere Kampagne „#CrampCamp – Periode kurz erklärt“, setzte sich beispielsweise mit biologischen, gesellschaftlichen und politischen Aspekten der Periode auseinander mit dem Ziel, Hemmschwellen abzubauen und Mädchen zu vermitteln, dass Periode kein Tabuthema ist. Unsere Kampagne „#GirlsAndFeels“ beleuchtet das Thema Fühlen, setzt sich mit weiblicher Wut, Ehrgeiz, Mut, Traurigkeit und Scham auseinander und schafft damit Zugang und Raum zu eigenem Gefühlsausdruck.
Auch wenn wir uns die zahlreichen positiven Aspekte der Sozialen Medien für unsere Arbeit zunutze machen, beobachten wir auf TikTok und Instagram Phänomene, die die Soziale Arbeit kritisch beleuchten muss.
Wenn Popkultur krank macht
Dass wir digital arbeiten, ist kein Zufall. Geschlechtersensible Soziale Arbeit bedeutet für uns, anzuerkennen, dass sich ein großer Teil des Lebens vieler Mädchen auf Social Media abspielt. Hier verhandeln Mädchen täglich, was es heißt, „richtig“ zu sein. Zwischen Memes, Trends und Filtern wird das Bild vom perfekten Körper ständig neu inszeniert.
Essstörungen bei Mädchen steigen alarmierend – das zeigen aktuelle Zahlen aus einer Studie von Prof. Dr. Beate Herpertz-Dahlmann (2024).
Die stationären Aufnahmen aufgrund von Anorexia nervosa nahmen zwischen 2019 und 2023 bei Mädchen im Alter von 9 bis 14 Jahren um 42 % zu, bei 15- bis 19-Jährigen um 25 %. Essstörungen entstehen nicht einfach so.
Angela McRobbie, Professorin für Kommunikationswissenschaften, argumentiert in ihrem Buch “Top Girls”, dass der Versuch, eine weibliche Identität zu erlangen, Frauen und Mädchen krank mache (McRobbie 2016, 127).
Mädchen wachsen in einer Gesellschaft auf, in der Schlanksein mit Kontrolle, Disziplin und Anerkennung gleichgesetzt wird. Körper werden kommentiert, bewertet und verglichen. Schon kleine Mädchen wissen, dass es wichtig ist, „hübsch“ zu sein.
Besonders sichtbar wird das auf TikTok unter dem Phänomen #skinnytok. Dort zeigen junge Frauen, was sie essen, wie sie trainieren, wie wenig sie wiegen.

„What I eat in a day“ ist ein beliebtes Format, in dem perfekt durchdeklinierte Ernährung für „weight loss“ gezeigt wird. Viel Proteinpulver und wenig Carbs seien wichtig, behaupten Influencer*innen, die als „role model“ dienen und ihre Inhalte unter dem Deckmantel von „Gesundheit“ und „being your best self“ inszenieren.
Gefährlich wird es vor allem dadurch, dass TikTok als stetige Alltagsbegleitung #skinnytok-Inhalte ununterbrochen präsent macht. Der Algorithmus spielt basierend auf den Sehgewohnheiten der Nutzerin immer ähnlichen Content aus.
Jedes Weiterswipen löst einen kleinen Dopaminschub im Gehirn aus und hält sie länger auf der App.
Die Creator*innen wirken durch ihre private Umgebung und direkte Ansprache der Mädchen wie Vertraute. So entstehen parasoziale Beziehungen, die sich für die Nutzerin fast wie kleine, simulierte Freundschaften anfühlen.
Die vermittelte Botschaft hat durch diese vermeintliche Nähe eine besondere Macht: Du bist nur wertvoll und schön, wenn du dünn bist, wenn du so wenig Raum einnimmst, wie möglich, wenn du die Produkte kaufst, die zu diesem Zweck vertrieben werden.
Diese Inhalte wirken. Sie prägen Selbstwert, Essverhalten und Körperwahrnehmung.
Soziale Arbeit & Popkultur
Während Popkultur und Algorithmen immer neue Ideale hervorbringen, setzt die Soziale Arbeit dem wenig entgegen. Mädchen brauchen heute Begleitung, die versteht, wie stark Onlinekultur ihr Selbstbild formt. Es braucht Räume, um darüber zu sprechen, was sie beschäftigt, aber auch aktive Gegenerzählungen im digitalen Raum, die dem etwas entgegenstellen und den Algorithmus für ihre Zwecke nutzen, ohne moralischen Zeigefinger.
Warum Gegenerzählungen wichtig sind
Mit Inhalten wie #AnnaUndHannahLoveCarbs versuchen wir, ein kleines Zeichen gegen den Schlankheitsdruck zu setzen. Für uns hat Soziale Arbeit einen klaren Bildungsauftrag.

Wir sagen: Genuss macht glücklich. Wer genießt, ist im Moment. Dabei wird das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert, Stress sinkt, Wohlbefinden steigt.
Mädchen brauchen nicht noch mehr Kontrolle, sondern mehr Erlaubnis, ihren Körper zu mögen. Soziale Arbeit ist hier in der Verantwortung, diese Botschaft nachhaltig zu verankern. Mädchen sollen lernen, gut zu sich zu sein.
Fachkräfte, Eltern und Jugendliche brauchen niedrigschwellige Orte, an denen sie sich informieren können. Hilfreich sind zum Beispiel die bke-Elternberatung oder das Portal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu Essstörungen. Viele Jugendhilfeträger arbeiten außerdem mit regionalen Medienkompetenzstellen zusammen, die Workshops zu Social Media, Körperbildern und Funktionsweisen der Algorithmen anbieten.
Pauschale Social-Media-Verbote führen am Kern des Problems vorbei, vielmehr geht es darum, zu verstehen, welche gesellschaftlichen Phänomene sich hinter Trends wie #skinnytok verbergen, welche kulturelle und historische Bedeutung dem jugendlichen Frauenkörper eingeschrieben ist und wie Soziale Arbeit alternative Erzählungen beisteuern kann.
Quellen: Herpertz-Dahlmann, B. (2024): Neue Entwicklungen bei Essstörungen im Kindes- und Jugendalter – Anorexie, Bulimie, Binge Eating und ARFID. Bundesgesundheitsblatt.
McRobbie, A. (2016): Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. Wiesbaden.
- Der Begriff Mädchen inkludiert cis Mädchen, inter*, nichtbinäre, transidente, agender Personen sowie alle Personen, die sich als Frauen oder Mädchen identifizieren. ↩︎

Zur Gründung von Anna & Hannah e.V.
Mädchen kommen statistisch später in die stationäre Jugendhilfe und verlassen sie früher. Das ist ein gravierender Widerspruch, denn jedes vierte Mädchen erlebt Gewalt und hat damit einen akuten Hilfebedarf.
Mädchen werden im Hilfesystem oft übersehen. Sie wissen wenig über ihre Rechte, bei bestehender Kindeswohlgefährdung wird häufig zu spät gehandelt.
Aus diesem Fehlbedarf heraus ist unsere Idee für Anna & Hannah e.V. entstanden. Wir wollen nicht länger zusehen, dass Mädchen Hilfe erst finden, wenn die Lage bereits eskaliert. Daher klären wir Mädchen in den Sozialen Medien über ihre Rechte auf, beraten sie via direct messaging und setzen uns für gesellschaftliche und politische Veränderung ein.
