Endzeit ist längst alltäglich geworden. Weltenkiller-Asteroiden fliegen auf die Erde zu (»Don’t look up«), eine Handvoll Menschen müssen sich in einer postapokalyptischen (Zombie-)Zukunft zurechtfinden (»The Last Of Us«, »Fallout«) und arme Jugendliche treten, um zu überleben, in brutalen Wettbewerben gegeneinander an (»The Hunger Games«). Um dem Alltag für eine Weile zu entfliehen, sind Katastrophen-Szenarien in Film und Spielewelten anscheinend genau das Richtige. Ein Grund dafür ist offenbar, dass der Erfahrungsraum für Utopien schwindet – und das ist ein reales Problem für die Zukunft. Für politische Prozesse ist es nie gleichgültig, welche Vorstellungen Jugendliche sich über die Zukunft machen. Sehen sie sich als Protagonist:innen einer Endlosschleife des Ewiggestrigen oder eines solidarischen Aufbruchs unter eigener Regie?
Was hat die Jugend so kaputt gemacht?
In den Augen vieler Erwachsener sind Jugendliche heute insbesondere »chillend« aufzufinden. Darunter wird meistens verstanden, dass sie alleine oder gemeinsam mit Freund:innen auf einen Bildschirm starren. Alle möglichen Expert:innen sind alarmiert. Studien der letzten Jahre zeichnen eine Jugend, an der die multiplen Krisen der Gesellschaft nicht einfach so vorbeiziehen: die Corona-Pandemie, Bedrohungen durch Kriege und Klimakatastrophen, Inflation, politische Polarisierungen und vieles mehr.
Die Studien berichten von einem zunehmenden Druck in allen möglichen Lebensbereichen: Die konkreten Sorgen drehen sich um die unsichere finanzielle Lage, unbezahlbaren Wohnraum, um die eigenen Erwartungen an die Zukunft und die der Menschen um sie herum. Jugendliche berichten vom Gefühl des Kontrollverlusts, von Ängsten und psychischen Erkrankungen, von Vertrauensverlusten und Einsamkeit. »Pessimismus auf dem Vormarsch: Jugendliche schauen zunehmend negativer auf ihre eigene Zukunft« titelte dementsprechend auch die TUI-Jugendstudie 2023. Viele von ihnen sind überzeugt, es werde ihnen perspektivisch schlechter gehen als ihren Eltern. Dabei sind die schon desillusioniert genug: Die »Trendstudie Jugend in Deutschland 2024« hat ergänzend erhoben, dass die Älteren (über 30 Jahre) noch pessimistischer in die Zukunft blicken als die unter 30-Jährigen.
Zukunft für alle?
Insbesondere Sorgen um den Wohlstand, erklären die Autoren der Studie weiter, führten indes zu politischer Unzufriedenheit und einem deutlichen Rechtsruck der Jugend. Auch wenn die Erklärungen dafür sicher komplexer sind: Die Anzeichen für einen konservativen Rollback sind unübersehbar. Das bestätigen auch die Ergebnisse der jüngsten EU-Wahlen, mit je knapp 17 Prozent der Stimmen von 16- bis 24-Jährigen für CDU und AfD. Gegen die deutsche Regierungsriege eine rechte »Alternative« zu wählen, schien für viele Jungwähler:innen die Konsequenz ihrer politischen Sozialisation im Neoliberalismus zu sein. Geschlechterzugehörigkeit spielt dabei wenig überraschend eine Rolle: Junge Frauen* gaben in genannter Studie an, eher liberaler zu wählen (oder gar nicht), junge Männer* eher konservativ bis extrem rechts.
Sorgen machen mir deshalb nicht diejenigen jungen Menschen, die, um einer anstrengenden Gegenwart zu entfliehen, dystopische Filme oder Serien schauen. Es sind jene, die Verteilungskämpfe im Hier und Jetzt schon nach einer postapokalyptischen Logik ausrichten wollen.
Denn Endzeitvorstellungen nähren auch rechtes Ausschlussdenken und autoritäre Allmachtfantasien: Wenn es sowieso mit der Welt den Bach hinunter geht, dann, so die Vorstellung, sollen wenigstens diejenigen überleben, die auf Sylt am lautesten »Deutschland den Deutschen« grölen.
No future 2.0
No Future, das waren die 1980er, das waren Punk und Jugendrevolte. Da hatte man sich in der BRD, nach aller politischen Aufruhr endlich auf einen demokratischen Fahrplan geeinigt. Und plötzlich betrat eine ganze Kohorte an wütenden Jugendlichen die Arena. Ihre Schlagkraft bezogen sie aus der pessimistischen Absage an der für sie bereitgestellten Zukunft: »Was gibt es zu verlieren, wo es kein Morgen gibt?« bringt ein Slogan den Entstehungsmoment auf den Punk(t). Die Jugend besetzte Häuser und lieferte sich Straßenschlachten mit der Polizei. Nicht wenige der pädagogischen Fachkräfte von heute, die sich über »die Jugend« den Kopf zerbrechen, sind selbst Kinder dieser Bewegung, die mit (rechts-)konservativen Vorstellungen von Zukunft nur wenig anfangen konnte.
Die jungen Menschen, die heute protestieren, betreiben indes etwas, was Eva von Redecker »Katastrophen-Vergegenwärtigung« nennt – die Selbstbezeichnung als »Letzte Generation« macht das zum Beispiel deutlich. Es gehe, so die Philosophin in ihrem Buch »Revolution für das Leben«, der Jugend längst nicht mehr nur darum, sich alternativen Lebenswelten zuzuwenden, »vielmehr versuchen sie verzweifelt, das allgemeine Bewusstsein dafür zu schärfen, dass wir kaum noch Aussichten auf eine Zukunft haben«. Sehen, dass wir gegen die Wand fahren, aber dennoch aktiv bleiben und nicht resignieren. Das ist eine politische Aneignung der No Future-Dystopie, die trotz alledem Hoffnung macht.
Sichtbar ist, dass den weltweiten Protestbewegungen der letzten Jahre – im Zuge der Klimakrise, in Kämpfen für Selbstbestimmung, gegen Rassismus und Abschottung, Polizeigewalt, Krieg und autoritäre Zuspitzungen – junge Frauen und queere Menschen ganz vorne mit dabei sind. Sie erkennen den Ernst der Lage. Und handeln. Das ist nicht zuletzt auch ein deutliches Zeichen dafür, dass feministische Bildung und die intersektionalen Kämpfe der letzten Jahrzehnte nicht genug wertgeschätzt werden können.
