Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
20.08.2025
5 Min. Lesedauer
Redaktion GSP
In Magazin/ Buch des Monats

„Prägung“: Interview mit Christian Dittloff

Auch für die sogenannten guten Typen: Warum die Reflexion der eigenen Männlichkeit allen hilft
Das Buch "Prägung: Nachdenken über Männlichkeit" liegt auf einem gelben Polster

Du hast einen Roman geschrieben, der als Selbstreflexion geschlechterpolitisch bedeutsam ist, weil du deine Erfahrungen immer in den Kontext zu Männlichkeit setzt. Verstehst du dein Buch auch als Beitrag zur Gleichstellung? 

Ich glaube daran, dass eine Gleichstellung aller Geschlechter nur erreicht werden kann, wenn auch Männer einen Beitrag leisten. Damit sie Verbündete einer profeministischen Bewegung werden, die ein gutes Leben für alle Menschen anstrebt, müssen sie das entwickeln, was die US-amerikanische Autorin und Aktivistin bell hooks „The Will to Change“ nennt, also den Willen zur Veränderung. An diesem Punkt setzt mein essayistischer Roman an. Der Wille, sich zu verändern und einen Beitrag für eine gerechtere Gesellschaft zu leisten, setzt die Selbstreflexion voraus. 

Du sprichst von Prägung, nicht z.B. von Sozialisation. Prägung fühlt sich viel unveränderbarer an. Warum verwendest du diesen Begriff? 

Ich verwende diesen Begriff, da er weniger wissenschaftlich wirkt. Außerdem beschreibt das Wort metaphorisch das, was in Kindheit und Jugend passiert: Während dieser Lebensphase sind Menschen weich und empfänglich für Eindrücke. Die Gesellschaft, Familie und Freundeskreis, Bildungsinstitutionen und (Pop-)Kultur hinterlassen Spuren in uns. Diese Spuren finde ich durch den Vorgang der Prägung veranschaulicht. 

Außerdem denke ich bei dem Wort Prägung an Schablonen, Stempel, Brandmarkung – für mich zeigt sich darin die Enge der Geschlechterbilder, mit denen Kinder aufwachsen. Die Glaubenssätze für Jungs und Männer haben sich in den vergangenen Jahrzehnten meines Erachtens kaum verändert.

Es geht noch immer um Stärke, Konkurrenz, Dominanz und so weiter. Es sind bestenfalls Anforderungen hinzugekommen, da sich die Arbeitswelt verändert hat und sogenannte Softskills nötig sind. Das macht die Orientierung für Männer allerdings nicht leichter, sondern widersprüchlich. 

Du fragst: Wann endet die Prägung, wann beginnt die Verantwortung? Hast du im Schreibprozess eine Antwort gefunden? 

Es ist eine der komplexesten Fragen der Ethik und Entwicklungspsychologie. Unter einem juristischen Aspekt wäre vielleicht relevant, wann der Satz „Eltern haften für ihre Kinder“ nicht mehr gilt, wann Menschen für sich selbst haften. In Deutschland sind wir mit 14 strafmündig und mit 18 voll geschäftsfähig. Mich interessiert aber vor allem die unklare Antwort, die das Spektrum der Entwicklung beschreibt: Alle Menschen tragen eine gewisse Verantwortung, sobald sie durch körperliche und geistige Fähigkeiten und ihre Rolle in sozialen Gefügen eine gewisse Macht besitzen. Das beginnt schon im Kleinkindalter. Verantwortliches Handeln ist ein Handeln, das andere Menschen und ihr Wohlergehen mitdenkt. 

Und doch würde ich sagen, dass der Grad der Verantwortung im Laufe unseres Lebens zunimmt. Eine Art Kipppunkt im Leben in unserer Gesellschaft mache ich rund um die Volljährigkeit aus. Wenn aus Menschen, die sich in Ausbildung befinden, Menschen werden, die selber aktiv und gestaltend ins Leben treten. 

Du beschreibst deinen Vater anhand einer sehr langen Liste von Eigenschaften, die deutlich macht, dass Männlichkeit eben kein eindeutiges Konzept ist. Hat dir dieser Blick geholfen, deiner eigenen Männlichkeit näher zu kommen? 

Ich habe meinen Vater anhand einer Liste beschrieben, um ihn nicht in einer ausformulierten Szene zu beschreiben und meine Idee von ihm schon vorwegzunehmen. Um diese Liste mit 50 Fakten über meinen Vater zu schreiben, habe ich mich einfach hingesetzt und etwa eine Stunde ohne Pause geschrieben: Mein Vater war lieb. Mein Vater war vorsichtig. Mein Vater hat nie vor mir geweint. Mein Vater hat den Gartenzaun jährlich gestrichen… Und so weiter. Auf diese Weise habe ich gemerkt, dass, wie du sagst, Männlichkeit nicht eindeutig sein muss. Jeder Mensch ist durchdrungen von Widersprüchen, von Vielseitigkeit. Kein Mensch ist nur sein soziales Geschlecht. Auch ich nicht. Das war eine wichtige Lektion für mich. 

Du beschreibst das Dilemma, in einer Profitsituation zu leben, in der Männer sogar davon profitieren, dass sie ihre Privilegien reflektieren. Gibt es einen feministischen Weg für Männer, sich am Geschlechterdiskurs zu beteiligen? 

Es gibt ein breites feministisches Spektrum. Dazu gehören Stimmen, die sagen, Männer sollen jetzt einfach mal zuhören, genauso wie Stimmen, die sagen, Männer sollen endlich den Mund aufmachen. Und an beidem ist sicher was dran. Ich glaube, dass sich das Dilemma für Bühnenberufe nicht auflösen lässt:

Autor*in sein ist verknüpft mit Sichtbarkeit, kulturellem Kapital und sogar finanziellem Profit. Denn ich lebe vom Schreiben. Allerdings: Würde ich mein Leben auf die Vorzüge meines Geschlechts aufbauen, würde ich sicher keine essayistischen Romane mit profeministischen Themen schreiben, sondern irgendeinen Topjob machen.

Bezüglich meiner literarischen Arbeit beschreibe ich es so: Ich versuche nicht, im feministischen Diskurs Raum einzunehmen. Vielmehr versuche ich den feministischen Diskurs mit meinen Mitteln zu erweitern, indem ich meine Arbeit mit feministischen Inhalten fülle. Weil ich das wichtig finde. 

Doch jenseits vom Diskurs gibt es natürlich eine feministische und solidarische Lebenspraxis. Hierbei geht es darum, Menschen im Blick zu haben und den eigenen Handlungsspielraum gerecht zu gestalten. Das ist meines Erachtens kein Dilemma. Das ist einfach nur: kein Arschloch sein. 

Denkst du, dass es für Männlichkeit eine Art Entpuppung geben kann, in der sich befreit werden kann von den Prägungen? Was braucht es dazu? 

Ich finde es interessant, dass du diesen Begriff verwendest. Denn das wäre der Wunsch: Entpuppung, Entfaltung. Ein altbekanntes Bild in Hinblick auf Männlichkeit ist: Harte Schale, weicher Kern. Das beschreibt auch schon Herbert Grönemeyer in seinem Song Männer vor 40 Jahren so. Männer sind innen weich, denn jeder Mensch ist das. Am Anfang und Ende unseres Lebens sind wir maximal verwundbar und auf andere angewiesen. Alles dazwischen ist reine Glückssache. Die Anforderungen an ihr Geschlecht machen Männer hart. Klaus Theweleit zeichnet in seinen Männerphantasien ein Bild von den Männern als „Gefühlskrüppel im Charakterpanzer“ – so beschreibt es die Publizistin Cora Stephan. Männer haben eine Schutzschicht um ihre Verletzbarkeit. 

Heute beobachte ich häufig einen interessanten Prozess: Dadurch, dass Männer in weiten Teilen der Gesellschaft noch immer als Versorger, als das sogenannte stärkere Geschlecht wahrgenommen werden, zugleich aber komplexere Anforderungen im persönlichen und beruflichen Miteinander verbreitetet sind und zeitgemäße Softskills vorausgesetzt werden, lassen sich viele Männer eine zweite, weichere Hülle wachsen. So versuchen sie sich angepasst zu zeigen, weil das wichtig ist, um in unserer Gesellschaft zu bestehen.  

Eine weiche Hülle um eine harte Hülle um einen weichen Kern.  

Doch wenn die Veränderung nur ins Außen geht, erleben wir eine Art Verpuppung. Nur Menschen, die ehrlich in ihr Inneres hineinarbeiten, ihre patriarchale Prägung reflektieren und akzeptieren, können sich verändern und vielleicht auch eine Entpuppung erfahren. 

Was können Männer*, die deinen Weg durch das Buch mit dir gehen, für sich mitnehmen? 

Der zentrale Punkt meines Buches ist: Alle Männer* sind Teil des Patriarchats. Es sind nicht nur die unmittelbar körperlich gewalttätigen Männer.

Auch die sogenannten guten Typen sind ins Patriarchat verstrickt, wenn sie die Tiefe ihrer Prägung verkennen und denken, ein paar richtige Begriffe und Gesten reichen schon, um zur Gerechtigkeit beizutragen.

Männer sollten sich eingestehen, in patriarchalen Verhältnissen aufgewachsen zu sein, darunter gelitten zu haben und zugleich vielleicht ein Mensch geworden zu sein, unter dem auch andere leiden. Das mag ein unbequemer Prozess sein. Doch der Wille zur Veränderung setzt dieses Eingeständnis voraus. 

Daraus ergeben sich für mich zwei wichtige Schlüsse: Die Taten von Männern verursachen viele Probleme. Doch Männer sind auch unverzichtbarer Teil der Lösung gesellschaftlicher Missstände. 

Buchcover

Christian Dittloff

Prägung. Nachdenken über Männlichkeit

978-3-8270-1483-2

Berlin Verlag

teilen:
Der Autor mit den blonden, fast schulterlangem Haar schaut direkt in die Kamera. Er trägt ein rosa-schwarzes Oberteil
Christian Dittloff
Christian Dittloff, geboren 1983 in Hamburg, studierte Germanistik und Anglistik in Hamburg sowie Literarisches Schreiben in Hildesheim. Er arbeitet als freier Schriftsteller und Dozent für kreatives Schreiben und lebt in Berlin.
Zur Website
Foto: Rebecca Krämer
Weitere Artikel aus der Kategorie
22.06.2026
5 Min. Lesedauer
Von: Redaktion GSP
„Jungs von heute Männer von Morgen“ Interview mit Anne Dittmann 
Educate your son: „Die Bindung steht immer an erster Stelle”
„Jungs von heute Männer von Morgen“ Interview mit Anne Dittmann 
15.06.2026
3 Min. Lesedauer
Von: Lilli Messer
Wehrpflicht und Gleichberechtigung: Eine verkürzte Debatte
Es geht nicht um Gleichstellung, sondern darum, wer davon profitiert.
Wehrpflicht und Gleichberechtigung: Eine verkürzte Debatte
09.06.2026
4 Min. Lesedauer
Von: Valo Christiansen
Pronomen entdecken wie neue Kleider 
Viele möchten Neopronomen benutzen, wissen aber nicht genau wie. Im Pronomenkleiderschrank kann nun jeder Mensch üben und Sicherheit erwerben
Pronomen entdecken wie neue Kleider 

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Rapidmail. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen