Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
10.07.2025
4 Min. Lesedauer
Redaktion GSP
In Magazin/ Buch des Monats

„Weltgeschichte der Queerness“: Interview mit Dino Heicker

Über die Notwendigkeit zur "Geschichte der eigenen Geschichte"
Das regenbogenfarbene Buch ist auf einem weißen Stuhl platziert. Der Hintergrund ist blau.

Zunächst einmal: Was fasst du alles unter dem Begriff Queerness? 

Sexualitäten in all ihrer Vielfalt sowie nicht normative Geschlechtsidentiäten. Damit ich dieses große Gebiet überhaupt bearbeiten konnte, habe ich mich an dem englischen Akronym LGBTIQAA* orientiert. Also Asexuelle (Agender), Bisexuelle, inter*Personen, Lesben, Schwule, trans*Personen und ihre Verbündeten (Allies) in den Blick gefasst. Was Letztere angeht, so ist die amerikanische Hollywoodschauspielerin Mae West meine heterosexuelle Quotenfrau. Sie hat sich ihre Rolle als Sexbombe ja gerade von schwulen Dragqueens abgeschaut, die gewisse Geschlechterrollenstereotype persiflierend übersteigerten. Das ist vielleicht so etwas wie die Performanz der Performanz im Butlerschen Sinn. So gesehen gehört auch Heterosexualität ins queere Spektrum. Dies nicht zuletzt auch deshalb, um nicht schon wieder die verhängnisvolle Aufteilung in hier die „Normalen“ und dort die „Anomalen“ zu bedienen. 

Wann wurde der Begriff „Queer/ness“ erstmalig genutzt und wie hat sich seine Bedeutung seither verändert? 

Das englische „queer“ und das deutsche „quer“ sind verwandte Begriffe, die im ursprünglichen Wortsinn etwas „Verdrehtes“ meinen. Angewandt auf die menschliche Sexualität bezeichnete „queer“ im angelsächsischen Sprachraum abwertend deren „verkehrte“ Variante. Generell bezeichnet „queer“ etwas Sonderbares oder Merkwürdiges. In diesem Sinn hat um 1840 auch der österreichisch-amerikanische Romancier Charles Sealsfield dieses Wort verwendet, um seinen deutschsprachigen Werken, die in Amerika spielen, Lokalkolorit zu verleihen. Ironie der Geschichte: Sealsfield war in sexueller Hinsicht selbst queer und wurde posthum von Karl Maria Kertbeny, dem Erfinder des Wortes „homosexuell“, als gleichgeschlechtlich liebender Mann geoutet. Als Bezeichnung für alle Abweichler von einer zweigeschlechtigen Dichotomie und von heteronormativen Gesellschaftsformen hat sich der Begriff „queer“ ab den frühen 1990er Jahren im akademischen Bereich etabliert, bevor er mit erweiterter Bedeutung und ins Positive gewendet wieder in den Mainstream zurückgelangte, wo er gegenwärtig in aller Munde zu sein scheint. 

Wer die Einleitung liest, lernt schnell: Die Definitionen und Zuschreibungen, mit denen wir heute Geschlechter und Sexualitäten erfassen, geben lediglich das aktuelle Verständnis wieder, nicht die Wahrheit. Helfen deine Geschichtseinblicke, dies greifbarer zu machen? 

Das hoffe ich zumindest. Wobei, da müssten wir erst einmal den Begriff „Wahrheit“ definieren… Seit dem Beginn meines Studiums Mitte der 1980er Jahre, befasse ich mich mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen gleichgeschlechtlich liebender Autor*innen. Das war anfangs alles andere als einfach. Von älteren Professoren musste ich mir anhören, ich betreibe Betroffenenforschung und mir ginge die nötige wissenschaftliche Objektivität ab.

Da haben sich die Zeiten glücklicherweise geändert und die Queer Studies fristen nicht mehr nur ein Nischendasein – selbst an deutschen Universitäten.

Die „Geschichte der eigenen Geschichte“, um meine geschätzte Kollegin Marita Keilson-Lauritz zu zitieren, ist für queere Menschen eben noch einmal eine ganz andere Angelegenheit als für cisgeschlechtliche Hetero*as. 

Warum ist es so wichtig, aus der Geschichte zu lernen und welche Erkenntnisse sind für dich zentral für aktuelle Diskurse um Queerness? 

In einem Fernsehduell verkündete unser neuer Bundeskanzler im Februar 2025, er könne die Entscheidung der US-amerikanischen Trump-Regierung für nur zwei Geschlechter nachvollziehen. Ich hoffe, das war Wahlkampfgetöse und nicht ernst gemeint. Ein Blick in die Geschichte hätte ihn belehren können, dass es weltweit schon früher Gesellschaften gab, in denen mehr als nur zwei Geschlechter existierten. So beispielsweise in Indien, wo bereits in dem vor über 2000 Jahren niedergeschriebenen Volksepos Mahabharata ein drittes, zwischen Frauen und Männern stehendes Geschlecht erwähnt wurde. Und die Zuñi in New Mexico kannten traditionell Frauen, Männer und Frau-Männer. Nebenbei bemerkt, die Frauenrolle war hier gesellschaftlich prestigereicher, sodass kleine Jungs sich wünschten, Frauen zu sein. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sich auch Friedrich Merz schon einmal gewünscht hat, die Bundeskanzlerin zu sein. Wesentlich für die gegenwärtige Diskussion ist aber wohl, dass eine biologistische Sicht auf die Dinge lange Zeit den Blick darauf verstellt hat, dass die Kategorie „Geschlecht“ nicht per se „natürlich“ ist, sondern eine von Menschen geschaffene Definition. 

Du bist in deinem Buch von der griechischen Mythologie bis zur sexuellen Revolution und Judith Butler gereist. Was war und ist an Queerness so bedrohlich, dass Menschen ihr Leben lassen mussten oder ausgegrenzt wurden? 

Die Nonkonformität? Ich bespreche in meinem Buch ja auch den ersten Film, der eine Liebe unter Männern thematisierte. Dessen Titel „Anders als die Andern“ sagt eigentlich alles. Wer anders war, wer anders liebte, als es Religion und Gesetzgebung zuließen, der wurde brutal ausgegrenzt. Und das konnte tödlich sein.

Natürlich gab es, historisch gesehen, immer wieder Phasen, in denen Toleranz großgeschrieben wurde, wie zum Beispiel in der Weimarer Republik. Doch wer wenige Jahre danach im nationalsozialistischen Deutschland anders war, als es eine menschenverachtende Ideologie wollte, konnte im KZ landen.

Wie du weißt, habe ich für das National Holocaust Centre and Museum in England gearbeitet, und da gerade an Projekten, die junge Menschen dazu bringen möchten, keinesfalls jene Mechanismen zu vergessen, durch die einzelne Menschengruppen stigmatisiert und gewaltsam aus einer Gemeinschaft ausgestoßen wurden (und immer noch werden). Was ist denn eigentlich so schlimm daran, anders zu lieben, anders zu ticken oder einen anderen Gott anzubeten als andere? 

regenbogenfarbenes Buchcover

Dino Heicker

Weltgeschichte der Queerness
978-3-89809-259-3

BeBra Verlag

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Das schwarzweiß Portrait zeigt, wie der Autor in die Kamera schaut. Er hat graue Haare und trägt ein Hemd.
Dino Heicker
Dr. Dino Heicker ist Literaturhistoriker und Verlagslektor in Berlin. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter war er an verschiedenen queeren Ausstellungs- und Forschungsprojekten beteiligt. Für das britische National Holocaust Centre und Museum arbeitete er als Research Consultant und er ist Redakteur der Buchreihe „Bibliothek rosa Winkel“.
Foto: D.O.N.
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