Intersektionalität in der Praxis

„My feminism will be intersectional or it will be bullshit“ — Diese Aussage ist uns vermutlich allen schon einmal begegnet. Als Meme, auf T-Shirts, Tassen oder Buttons gedruckt, in der Twitter- oder Insta-Bio von Feminist*innen, auf Demo-Bannern oder Postern — super, oder? Denn sie trifft es doch auf den Punkt: Ein Feminismus, der nicht intersektional ist, von dem also bloß Menschen mit bestimmten Privilegien profitieren, lässt sich durchaus als Bullshit bezeichnen.

Doch tatsächlich steht genau diese Aussage, so viel Wahrheit sie auch enthält, exemplarisch für das Problem mit dem Begriff der Intersektionalität — denn es handelt sich dabei nicht etwa um ein altes Sprichwort, sondern um ein Zitat.

Flavia Dzodan veröffentlichte 2011 einen Essay mit dem Titel „My feminism will be intersectional or it will be bullshit“[1], in dem sie, eine Woman of Color, ihrer Wut darüber Raum gab, dass im Rahmen eines als feministisch gelabelten Slutwalks mit dem N-Wort ein rassistischer Begriff reproduziert worden war. Was folgte, war nicht etwa eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser berechtigten Kritik — sondern hauptsächlich das Herauspicken dieser einen Aussage, dieses knackigen Mottos für moderne Feminist*innen. Das Zitat wurde und wird vielfach geteilt — ohne die Urheberin zu nennen, wohlgemerkt — und auch monetarisiert, etwa, indem es auf T-Shirts gedruckt auf Plattformen wie Etsy verkauft wurde und wird.

Genau das meine ich, wenn ich vom Problem mit dem Begriff der Intersektionalität spreche: Allzu oft ist seine Verwendung rein performativer Art. Es ist etwas, das natürlich gut und sinnvoll klingt, das — genauso wie Feminismus an sich — geradezu im Trend liegt und das man sich als Feminist*in, Aktivist*in, in Bildungsarbeit, Kunst und Kultur ganz selbstverständlich auf die Fahne schreiben möchte — wenn nicht sogar schreiben muss, um weiterhin mitreden zu können. Allerdings besteht so die Gefahr einer Sinnentleerung des Begriffs. Häufig schafft er es nicht von der Theorie in die Praxis — oder eben mit allen Hintergründen vom T-Shirt in die Köpfe.

Die Geschichte des Begriffs

Die Metapher der Straßenkreuzung, auf Englisch Intersection, und damit den Intersektionalitäts-Begriff verwendete erstmalig die Schwarze US-amerikanische Juristin Prof. Kimberlé Crenshaw im Jahr 1989[2]: „Nehmen wir als Beispiel eine Straßenkreuzung, an der der Verkehr aus allen vier Richtungen kommt. Wie dieser Verkehr kann auch Diskriminierung in mehreren Richtungen verlaufen. Wenn es an einer Kreuzung zu einem Unfall kommt, kann dieser von Verkehr aus jeder Richtung verursacht worden sein – manchmal gar von Verkehr aus allen Richtungen gleichzeitig. Ähnliches gilt für eine Schwarze Frau, die an einer „Kreuzung“ verletzt wird; die Ursache könnte sowohl sexistische als auch rassistische Diskriminierung sein.“[3] Und während eine Schwarze Frau von weißen Feminist*innen rassistische Diskriminierung erfahren kann, kann sie gleichzeitig innerhalb Schwarzer Communitys aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Es ist also etwas komplexer, als dass eine Person schlicht aufgrund mehrerer, etwa nacheinander genannter Faktoren Diskriminierung erfährt — diese unterschiedlichen Diskriminierungsformen können sich zudem überlagern, überkreuzen und wechselseitig bedingen.

Neben Geschlecht und Race gibt es zahlreiche weitere Faktoren, aufgrund derer Diskriminierung und Marginalisierung erfahren werden kann: sexuelle Orientierung, Klasse, Herkunft, Religionszugehörigkeit, Alter und körperliche Beeinträchtigungen etwa. Es kann ganz schön viel los sein auf so einer Straßenkreuzung. Wahrgenommen wird das jedoch meist bloß von den jeweils Betroffenen.

Ob Schwarze und queere Frauen in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er oder trans Personen, Sexarbeiter*innen und Menschen, die mit einer Behinderung leben, im modernen Feminismus des Jahres 2021 — Fakt ist: Seit jeher sind es die weniger privilegierten, die mehrfach diskriminierten Personen, die ihren Platz in den Kämpfen für soziale Gerechtigkeit einfordern müssen, weil ihre Lebensrealitäten entweder gar nicht erst bedacht oder weil sie anderweitig ausgeschlossen werden. Und so finden sich bestimmte Diskriminierungsmechanismen und Machtverhältnisse eben auch dort wieder, wo stets betont wird, genau diese aufbrechen zu wollen.

Von der Theorie in die Praxis

Die gute Nachricht: Eine intersektionale feministische Praxis ist möglich! Ganz entscheidend dabei ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Perspektive, allem voran mit den eigenen Privilegien — und hier wird es unter Umständen auch schon ungewohnt. Denn eigentlich geht es doch ums Gegenteil, oder nicht? Wir führen feministische Kämpfe, wir diskutieren und demonstrieren aufgrund der Diskriminierung, die wir erfahren, nicht aufgrund unserer Privilegien. Aber genau die spielen eine wichtige Rolle, wenn wir tatsächlich intersektional denken und handeln möchten — wenn wir also auch solche Lebensrealitäten mitdenken wollen, die sich nicht mit unseren eigenen Erfahrungen decken.

Um diese Lebensrealitäten überhaupt in all ihrer Komplexität begreifen zu können, ist die Bereitschaft, zuzuhören und dazuzulernen, unabdingbar. Hierfür braucht es auch einen anderen Umgang mit Wissenslücken, Fehlern und Kritik als den, der in unserer Gesellschaft üblich ist. Wir sind weder allwissend noch unfehlbar, unsere Perspektiven sind begrenzt, und dass wir hin und wieder Fehler machen oder etwas nicht mitbedenken, ist zunächst einmal schlicht und ergreifend: normal. Auf unseren Umgang mit dieser Tatsache kommt es an, das gilt privat ebenso wie beruflich, im Ehrenamt oder im aktivistischen Kontext.

Intersektionalität in der Praxis bedeutet konkret eine Auseinandersetzung mit Fragen wie: Wer spricht auf Podien, wer moderiert Veranstaltungen, wer leitet Workshops, wem wird wie viel Raum und Bühne gegeben? Wer wird eingeladen, wer wird zitiert, mit wessen Perspektive wird sich auseinandergesetzt? Wer veröffentlicht Inhalte?

Und natürlich genauso: Wem stehen die Angebote, Veranstaltungen und Workshops auf Seite der Teilnehmer*innen bzw. Rezipient*innen überhaupt offen, für wen sind die geschaffenen Räume zugänglich, welche Barrieren gibt es möglicherweise doch noch? Kurz: Mit wem und für wen wird gearbeitet?

Oftmals ist es auch noch eine Frage des Budgets — Texte in andere Sprachen übersetzen oder einen Vortrag in Gebärdensprache dolmetschen zu lassen kostet mehr Geld, als es nicht zu tun. Dasselbe gilt dafür, sich professionell in Antidiskriminierungsfragen beraten zu lassen. Doch genau diese Dinge sind es, die nicht länger als extravagante Zusatzleistung betrachtet, sondern mehr und mehr normalisiert werden sollten.

Meine eigene Perspektive

Zurück zu den Fragen: Wer veröffentlicht Texte? Und worüber? Und aus welcher Perspektive? Fangen wir bei mir selbst an: Ich schreibe diesen Text aus der Perspektive einer queeren Frau. Aufgrund dieser beiden Faktoren erfahre ich mitunter Diskriminierung. Aber ich schreibe diesen Text gleichzeitig auch als weiße cis Frau, die ohne körperliche Beeinträchtigungen lebt — diese Privilegien sind unbestreitbar vorhanden und machen damit auch meine Perspektive zu einer in vielerlei Hinsicht privilegierten. Egal, wie viel Wissen ich bereits erworben habe, mit Sicherheit sind da noch immer Lücken und Begrenzungen, und ich bin dankbar, darauf aufmerksam gemacht zu werden und dazulernen zu können.

Lebensrealitäten sind unterschiedlich, und wir kennen, so ganz persönlich, zunächst immer bloß eine einzige. Erfahrungen sind unterschiedlich, und wir können sie nicht alle gleichzeitig machen. Identitäten sind unterschiedlich — und sie sind ebenso komplex wie kompliziert. Intersektionalität ist es ebenso. Aber das sollte uns nicht davon abhalten, uns tatsächlich damit auseinanderzusetzen und sie von der Theorie in die Praxis zu holen — und von den T-Shirts in unsere Köpfe.


[1] http://tigerbeatdown.com/2011/10/10/my-feminism-will-be-intersectional-or-it-will-be-bullshit/

[2] https://chicagounbound.uchicago.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1052&context=uclf

[3] Kimberlé Crenshaw, Übersetzung: https://www.gwi-boell.de/de/intersektionalitaet