Männlichkeit ist in aller Munde. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man öffentliche Debatten oder Buchveröffentlichungen verfolgt. Doch pädagogische Räume für junge Männer zu einer praktischen, kritischen Auseinandersetzung mit (auch eigener) Männlichkeit sind rar. Im Peer-to-Peer Projekt „CarMiA“ (Caring Masculinities in Action) erprobten wir mit fünf jungen, männlichen Erwachsenen verschiedene Methoden und Ansätze. Unser Ziel: Jungen dazu zu bewegen, Männlichkeitsbilder zu hinterfragen und in einen kritischen Austausch zu kommen.
Nur wie gelingt es, Jungen zu erreichen?
Peer-to-Peer Ansatz
Unsere zweitägigen Workshops in Schulklassen wurden von fünf – von Dissens e.V. zu Peer-Trainern ausgebildeten – jungen Männern gegeben. Sie alle waren 20 Jahre alt und hatten häufig ihren jeweiligen Draht zu den Schüler*innen1, weil sie die Musik kannten, die die Schüler*innen hörten, die Spiele, die sie spielten, die Sprache, die sie sprachen. Durch die Lebensweltnähe der Trainer entstand schnell eine Verbindung zu den Schüler*innen, die es ermöglichte, innerhalb kurzer Zeit über schwierige Themen ins Gespräch zu kommen.
Methoden der Bewegungs- und Theaterpädagogik
- Wie kann ich einen guten Freund trösten?
- Was tut mir selbst gut, wenn es mir schlecht geht?
- Wie kann ich (eigene) Grenzen spüren und auch kommunizieren?
Im Rollenspiel lassen sich diese Fragen leichter behandeln. Der ressourcenstärkende Ansatz trainiert praxisnah Techniken der (Selbst-)Fürsorge und gibt fürsorglichen Männlichkeiten (caring masculinities) eine Bühne, macht Fürsorglichkeit erleb- und sichtbar.
Arbeit mit Metaphern und Assoziationen
Zusammenhänge zwischen Männlichkeitsanforderungen, negativen Gefühlen und Gewalthandeln lassen sich besser besprechen, wenn sie veranschaulicht werden. So kann ein Trichter die Verengung des Gefühlsspektrums durch Männlichkeitsanforderungen wie „keine Emotionen zeigen“ und „stark sein“ verbildlichen oder eine geschüttelte Flasche Cola überschäumende Wut symbolisieren. Diese Bilder eröffnen das Gespräch und die Möglichkeit zum Teilen persönlicher Geschichten und Erlebnisse zum Thema.
Vielfalt von realen & gelebten Männlichkeiten zeigen
Indem wir eine Vielfalt von realen und gelebten Männlichkeiten sichtbar machen, werden auch Einengungen und Limitierungen durch Männlichkeitsanforderungen – wie Stärke, Dominanz, ökonomischer Erfolg, Heterosexualität – besprechbar. Beispielsweise indem wir Jungen fragen, welche Eigenschaften sie an Männern mögen. In aller Regel gehören dazu nicht in erster Linie Stärke, Dominanz und Durchsetzungsfähigkeit, sondern auch Humor, Hilfsbereitschaft, und Sich-Kümmern. Nicht zuletzt können Trainer*innen auch durch das eigene Auftreten einen Teil der Vielfalt von Männlichkeiten erlebbar machen. So werden Schüler*innen ermächtigt, Kritik normierenden Männlichkeitsvorstellungen zu üben und die Vielfalt von Männlichkeit(en) positiv in den Fokus zu rücken.
Alltagssprüche thematisieren
Die Verflechtung von Sexismus und Männlichkeitsanforderungen lässt sich ganz alltagsnah besprechen. Denn der Druck, dem Jungen und Männer ausgesetzt sind, zeigt sich zum Beispiel auch in Sprüchen, die alle kennen und die mit einer Abwertung von Weiblichkeit einhergehen („Sei nicht so eine Pussy“; „Du wirfst ja wie ein Mädchen“).
Mehr Reflexion als Definition
Gerade für die kurzzeitpädagogische Arbeit mit Peer-Trainern erweist es sich als gewinnbringender, wenn diese weniger informierend über Fakten sprechen oder um Definitionen von Männlichkeit kreisen. Denn Methodenvielfalt führt in der Regel dazu, dass ein Raum für – meist auch persönlichen – Austausch entstehen kann. Die Beschäftigung mit Männlichkeit(en) erfolgt dann in erster Linie durch eine kritische Reflexion und Dekonstruktion normierender Männlichkeitsbilder und die Sichtbarmachung oder das Erproben von fürsorglichen Handlungs- und Beziehungsweisen.
Videos produzieren
Im Projekt CarMia entstanden vielfältige Videos, die sich mal ernst, mal lustig mit Männlichkeitsidealen auseinandersetzen.
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Mehr Informationen- Die Workshops fanden in gleich- sowie gemischtgeschlechtlichen Gruppen statt. ↩︎
