Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
11.12.2024
3 Min. Lesedauer
Claudia Wallner
In Buch des Monats

„Lehrbuch Gender, Queer und Diversity“: Rezension

Wissen – Haltung – Können: Wie Theorien und Methoden für die Praxis nutzbar gemacht werden können.

Ein Lehrbuch bewegt sich im Wechselspiel zwischen Hochschullehre und Praxis und verbindet damit, was oftmals allzu getrennt ist: In der Regel produziert Forschung für die Ausbildung von Praktiker*innen. Die Erfahrungen der Praxis hingegen landen nur sehr selten an Hochschulen, um dort wiederum Forschung und Lehre zu qualifizieren. Ein Lehrbuch aber macht genau das: theoretisches und rechtliches Wissen mit Methoden und Kompetenzen sowie mit der Praxis Sozialer Arbeit zu verbinden. Nur zu verständlich also, dass Gudrun Perko und Leah Carola Czollek eine Überarbeitung ihres Lehrbuchs vorgenommen haben – vor allem wenn wir bedenken, dass sich seit der Erstveröffentlichung im Jahr 2009 einiges im Hinblick auf Geschlechterdiskurse, -forschungen und -praxen getan hat. 

Geschlechterdiskurse sind Gerechtigkeitsdiskurse 

„So geht es insgesamt um eine Soziale Arbeit, deren Intention in der […] Verwirklichung von Social Justice als Anerkennungs- und Verteilungsgerechtigkeit, sowie Verwirklichungs- und Befähigungs-Gerechtigkeit liegt.“ ( Gudrun Perko und Leah Carola Czollek) 

Soziale Arbeit als Social Justice zu verstehen, halte ich für einen sehr wesentlichen Ansatz – gerade in politischen Zeiten, in denen nicht nur queere Ansätze, sondern geschlechterbezogene Arbeit insgesamt immer mehr zurückgedrängt werden durch Diffamierungen (als “woke“ oder “Zwang”) und Finanzkürzungen (aktuell z.B. in der Stadt Dresden im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe). Damit erfüllt geschlechterbezogene Soziale Arbeit bspw. in der Kinder- und Jugendhilfe die Generalaufträge, wie sie in § 1 SGB VIII (Anerkennungs- und Befähigungsgerechtigkeit) und § 9 SGB VIII (Verteilungs- und Verwirklichungsgerechtigkeit) formuliert sind. 

Geschlechterpädagogik verstehen und lehren 

Das Buch enthält neun Lehreinheiten, die diesem Konzept von Social Justice folgen. Sie sind sechs Schwerpunkten zugeordnet, die je auch einzeln gelesen werden können:  

  • Theoretische Grundlagen (Gender Studies, Kritische Männerforschung, Queer Studies) 
  • Social Justice und Diversity als handlungsleitendes Prinzip 
  • Rechtliche Grundlagen 
  • Alte und Neue Frauenbewegung 
  • Methoden 
  • Schlüsselkompetenzen in der Praxis 
  • Arbeits- bzw. Praxisfelder der Sozialen Arbeit. 

Alle Lerneinheiten führen in die Themen ein, beschreiben die jeweiligen Herausforderungen für die Soziale Arbeit und enden mit der Vorstellung konkreter Übungen, Instrumente und Methoden sowie Hinweisen für weiterführende Recherchen.  

Überblick und Tiefgang

Wer thematisch in die Tiefe gehen will, kann über die Hinweise am jeweiligen Ende der Lehreinheiten weitere Literatur finden. Für alle, die sich einen guten und fundierten Überblick verschaffen und gleich auch wissen wollen, wie mit den Themen gearbeitet werden kann, ist das Lehrbuch daher sehr geeignet. 

Wenn Soziale Arbeit den Auftrag hat, strukturelle Ungleichheiten und Hierarchien zu bearbeiten und unter Berücksichtigung der Unterschiedlichkeit von Menschen (auch in ihren Geschlechtern und Liebensweisen) an deren Gleichwertigkeit zu arbeiten, dann – so macht das Lehrbuch deutlich – spielt die Kategorie Geschlecht dabei eine zentrale Rolle. Dadurch rücken Geschlechterfragen ins Zentrum Sozialer Arbeit, weg vom Status des „goodies“, wo sie – wenn überhaupt – nur zu gerne in der Praxis platziert werden. Für Studierende der Sozialen Arbeit aber auch für Fachkräfte, die sich in die Bedeutung von Geschlecht für die Soziale Arbeit einarbeiten wollen, ist das Lehrbuch ein wert- und gehaltvoller, gut aufbereiteter und übersichtlicher Einblick. Wer das Buch durchgearbeitet hat, weiß um die Bedeutung von Geschlechterfragen für die Soziale Arbeit, wird von Grundlagen und Theorien in die Praxis geführt und erhält jeweils Zugänge, mit denen das Gelernte überprüft werden kann. Diese Übungen sind allerdings eher auf Studierende als Praktiker*innen zugeschnitten, weil hier weitergehende Forschungsfragen angeregt werden, die zu einer Vertiefung des Wissens einladen.  

Mehr davon!

Wertvoll ist auch, dass Frauen-, Gender, Männer- und Queerforschungen zusammen gedacht werden in ihrer Bezüglichkeit aufeinander. Dadurch wird dem in der Praxis oft aufkommenden Konkurrenzgedanken entgegengewirkt. 

Schade finde ich, dass der Fokus auf Kinder und Jugendliche in der Beschreibung von Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit und deren geschlechterbezogener Ausrichtung fehlt: Gerade Mädchen- und Jungenarbeit haben in der Kinder- und Jugendhilfe, einem der größten Felder Sozialer Arbeit, erheblich dazu beigetragen, dass Geschlechterperspektiven dort als Gerechtigkeitsperspektiven wahrgenommen werden. Vielleicht ein Anlass für ein zweites Lehrbuch? 

Gudrun Perko / Leah Carola Czollek:
Lehrbuch Gender, Queer und Diversity: Grundlagen, Methoden und Praxisfelder
Beltz Juventa
978-3-7799-3100-3
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Claudia Wallner lehnt an eine weiße Wand. Sie lächelt in die Kamera.
Claudia Wallner
Dr.in Claudia Wallner arbeitet als Referentin und Praxisforscherin mit den Schwerpunkten Mädchen*arbeit, Geschlechterpädagogik und Gleichstellungspolitik und leitet das Projekt meinTestgelände.
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