Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
21.01.2026
4 Min. Lesedauer
Ziad Assem
In Gesellschaft

Migrantisch, männlich, Gen Z

Bloß kein Tunichtgut: Ziad erzählt, mit welchen Männlichkeitsbildern er aufgewachsen ist

Wie kann man junge Männer anregen, ihr Verständnis von der Vorstellung eines „echten Mannes“ zu hinterfragen? Und das, ohne dass man ihnen ihre Perspektive auf das Thema abspricht? Klar ist, es braucht eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema, um die eigene Wahrnehmung hinterfragen zu können. Wie kommt es dazu, dass dieses Verständnis von Männlichkeit von Generation zu Generation weitergegeben wird? Dafür möchte ich aus der Perspektive der Generation Z sprechen, die Generation, zu der auch ich gehöre. 

Farben, Fitting, Verhalten: die Familie weiß, was männlich ist 

Natürlich spielt die Familie eine große Rolle. Zumindest in meinem Fall. Ich bin als „First Generation“ in Deutschland aufgewachsen und habe ägyptische Wurzeln. Junge Männer mit Migrationsgeschichte sind in ihrem Verständnis vom Mannsein oft von Zuhause geprägt. Dir wird anerzogen, dass man sich nur in bestimmten Farben kleiden soll, um nicht feminin auszusehen. Oder, damit andere nicht denken, du könntest queer sein. Dazu kommt der Fit der Kleidung. Du willst ja nicht aussehen wie ein Tunichtgut. Für Aufklärung fehlt es an Möglichkeiten: Dies liegt einerseits an der Scham und Tabuisierung, welche eine offene und Diskussion auf Augenhöhe verhindern, und andererseits am Mangel an Vertrauenspersonen und alternativen Vorbildern, die jungen Menschen helfen würden, diese konservative Perspektive kritisch zu hinterfragen. Inwiefern stehen Farbe und Fit in Verbindung mit dieser Verurteilung und warum hilft es nicht weiter, in Stereotypen zu denken? Es wird einem  gesagt, man solle sich von Leuten fernhalten, die im Endeffekt das tragen, worauf sie Lust haben. Häufig wird das als Warnung mit einer indirekten Verurteilung ausgesprochen. Dies kann junge Menschen verunsichern, vor allem, wenn es aus der eigenen Familie kommt. Von Freunden kann man deshalb verspottet oder gar ausgeschlossen werden.  

Dazu gehört auch die Art und Weise, wie man sprechen soll: ruhig und gelassen, nicht unnötig viel ausdrücken. Nicht zu viel Lachen. Das machen schließlich die Frauen, die abgesehen vom Haushalt schmeißen und Care-Arbeit nichts tun.

Die haben Zeit und Laune dafür. Schwierig. Das Kind kriegt einen Leitfaden für Männlichkeit, ohne überhaupt ein Verständnis dafür entwickeln zu können. Es soll die Emotionen und Regeln einfach annehmen, die Verhaltensweisen und Auftreten in anderen auslösen können. Diesen Leitfaden könnte man als Hybrid-Version von Männer-Coaches-Kursen betrachten. Personen, zu denen man aufschaut, erzählen dir, was gut und was schlimm ist. Sie versprechen dir Anerkennung und ich glaube, dass dieser Leitfaden in uns Männern drin steckt.   

Anime als Wertepfad für Männlichkeit 

Doch was kommt nach der familiären Prägung? Für mich und andere aus meiner Generation haben auch Anime eine große Rolle gespielt. Ich verstehe, dass dies für Außenstehende banal klingen mag, die mit diesem Medium nichts anfangen können. Dennoch ist Anime als alternativer Wertepfad für junge Menschen, besonders für Menschen mit Migrationshintergrund, ein internationales Phänomen der Identitätsbildung. Anime kreiert auf humoristische und dramatische Weise tiefe emotionale Beziehungen zu Protagonisten und Antagonisten. Ich betrachte diese Bindungen rückwirkend als sehr positiv. Sie vermitteln oft essenzielle Werte wie Loyalität und das Gefühl, für seine Freunde und Liebsten da zu sein.

Für mich war besonders die Darstellung enger Bindungen und positiver Beziehungen innerhalb von Freundesgruppen inspirierend.

Ich verbinde diese Serien bis heute mit meiner Entwicklung. Darüber hinaus werden komplexe gesellschaftliche Themen wie Rassismus, Klassismus und Generationskonflikte behandelt. Damals konnte ich über diese Dinge mit niemandem reden. Zwar konnte ich diese Konflikte nicht explizit benennen, aber das Gefühl, aus irgendeinem Grund anders behandelt zu werden, nimmt auch ein zehnjähriges Kind wahr. Anime bot hier eine Entlastungs- und Reflexionsfläche. Auf der anderen Seite wird die Rolle des kämpfenden, siegenden und starken Mannes idealisiert dargestellt. Dies kann inspirierend und gleichzeitig schädlich sein. 

Problematisch ist vor allem, dass Anime, insbesondere ältere Titel, oft schlecht geschriebene, eindimensionale Frauenfiguren präsentieren. Diese sind zwar manchmal selbstbewusst, jedoch häufig hilfebedürftig oder interessieren sich fast ausschließlich für den stärksten Mann, der am meisten im Mittelpunkt steht. Junge Männer können hierdurch das Gefühl entwickeln, dass sie nur dann interessant oder begehrenswert sind, wenn sie dieser Dominanznorm des „stärksten Helden“ entsprechen. Dies setzt sie unter massiven, unrealistischen Erfolgsdruck. 

Wenn Familie, Kultur und Medien ein gemeinsames Männerbild vermitteln 

In Summe sehen wir einen starken Einfluss von Familie und Kultur auf das Männlichkeitsbild. Und die Gründe sind auch klar: soziale Akzeptanz, traditionelle Normen, mediale Darstellung. Die Frage nach einer Lösung auf der anderen Seite bleibt offen – und wird uns mit Sicherheit auch noch ein paar Jahre beschäftigen. Jedoch bin ich optimistisch: Viel mehr Männer mit Migrationsgeschichte finden ihren Weg in die Jugendarbeit, dadurch können sie über ihre Biografie reflektieren und finden Menschen, mit denen sie sich auf Augenhöhe über vermeintliche “Tabuthemen” austauschen können. Letztens hatte erst der FSJler meiner Einsatzstelle über sein Freiwilligendienst ein Feminismus-Seminar besuchen können und begeistert darüber gesprochen. Es braucht einfach eine Plattform für junge Menschen, sich über Themen auszutauschen, die in ihrer Bubble als verboten gelten. 

Letztlich manifestiert sich die Sozialisierung junger Männer als ein komplexes Geflecht aus familiärer Vorgabe, kultureller Herkunft und medialer Prägung; ein ungeschriebener Kodex, der tief in der DNA der Generation Z verankert ist. 


Mehr von Ziad hören?

In unserem Interview-Format Durch die Blume berichtet Ziad noch mehr von seiner Sozialisierung als Mann und warum er sich nun selbst in Workshops zu Männlichkeit engagiert:

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Foto Ziad Assem
Ziad Assem
Ziad Assem studiert Grundschullehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Projektkoordinator bei den Beteiligungsfüchsen im Projekt ,,Geschlechterrollen aufbrechen“.
Tipp!
In der Podcast-Folge "Männer reden über Männer" unterhält sich Ziad mit anderen über Performative Males, Social Media und Verletzlichkeit.
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