Cis Frauen fetischisieren schwule Männer und deren Beziehung. Zumindest lautet so der Vorwurf, der im Zusammenhang mit dem Serienerfolg Heated Rivalry in vielen Artikeln diskutiert wird. Doch dieser greift definitiv zu kurz.
Seit November 2025 kommt kaum jemand an dem popkulturellen Erfolg von Heated Rivalry vorbei und mit dem deutschen Serienstart am 06.02.2026 auf HBO Max wird sich dies auch nicht so schnell ändern.1
Serien wie diese sind keine spontanen Erfolge, sondern bilden ab, was schon seit Jahren von Zuschauenden gewünscht wird: verletzliche Männlichkeitsbilder, die Abwesenheit von weiblicher Objektifizierung und eine originelle Geschichte.
Die kanadische Produktion erzählt die jahrelange Beziehung zweier professioneller Eishockeyspieler: Shane Hollander (Hudson Williams) und Ilya Rozanov (Connor Storrie). In der hypermaskulinen Welt des Sports sind sie Rivalen, haben aber abseits davon eine Affäre, die sich in eine heimliche Beziehung entwickelt. Mit bekannten tropes wie Rivals-to-Lovers und Forbidden Romance ist es nicht verwunderlich, dass die Serie Social-Media-Feeds dominiert und sogar Fan Events (z.B. Hudcon Party Nights) geplant sind, noch vor dem offiziellen Serienstart.
Auffällig ist dabei das überwiegend weibliche Publikum (vorwiegend im Fokus cis Frauen), welches in unzähligen Artikeln gerade diskutiert wird. Daraus speist sich ein alter Vorwurf: Frauen* würden schwule Männer2 fetischisieren. Doch greift dieser Vorwurf zu kurz, weil er Begehren mit Objektifizierung gleichsetzt.
Frauen* fetischisieren die Entlastung
Fetischisierung bedeutet generell Reduktion: Menschen werden auf Körper, Funktionen oder Rollen verkürzt und dies entlang von Machtgefällen. In unserer patriarchalen Gesellschaft passiert dies überwiegend mit weiblichen Rollen in Filmen und Serien. In der James-Bond-Reihe fungieren beispielsweise sogenannte „Bond-Girls“ traditionell primär als narrative Belohnung und Bestätigung männlicher Begehrenswürdigkeit. In Game of Thrones werden Figuren wie Sansa Stark und Daenerys wiederholt sexualisierter Gewalt ausgesetzt, die nicht ihrer eigenen Entwicklung dient, sondern als Motivations- oder Schockelement für andere Figuren fungiert.
Genau das passiert in Heated Rivalry nicht. Shane und Ilya sind keine Projektionsflächen, sondern widersprüchliche Figuren mit Grenzen, Unsicherheiten und Handlungsmacht.
Was viele Frauen* also anzieht, ist nicht „schwuler Sex“, sondern eine Beziehung ohne festgeschriebene Hierarchien.
Es ist offen, wer führt, wer nachgibt, wer Kontrolle übernimmt. Wenn Kontrolle abgegeben wird in einem sexuellen Kontext, geschieht das aus Lust und gerade nicht aus sozialer Erwartung. Das ist entlastend, da so eine Beziehung auf Augenhöhe entstehen kann, in der beide Figuren begehrt und verletzlich zugleich sind.
Außerdem gibt es durch die queer-männliche Dynamik keine Charaktere mit denen sich Frauen* vergleichen können. Dagegen werden sie in heterosexuellen Liebesgeschichten fast zwangsläufig dazu gedrängt, sich mit der weiblichen Hauptrolle zu identifizieren (welche eher durch die Abwesenheit von Eigenschaften und Gedanken glänzt, um eine Identifikationsfläche darzustellen oder auf der anderen Seite so ‚perfekt‘ ist, dass Stress ausgelöst wird, weil wir diesem Standard nicht gerecht werden können). Der permanente Selbstvergleich ist vorprogrammiert: Bin ich so attraktiv wie die Protagonistin? Zu viel? Zu kompliziert? Diese permanente Selbstüberprüfung ist Ausdruck internalisierter Misogynie.
Das Patriarchat muss hier nicht eingreifen. Die Regulation funktioniert von innen: Frauen* lernen durch ihre Erziehung, sich selbst zu mäßigen, Rücksicht zu nehmen, nicht „zu anstrengend“ zu sein. Popkultur ist einer der Orte, an denen diese Selbstdisziplinierung vorgelebt und dargestellt wird, aber eben auch ein gelegentlich in Frage gestellt wird. In heterosexuellen vergleichbaren Serien leisten Frauen* durch ihr gemäßigtes Verhalten die emotionale Arbeit, den männlichen Hauptcharakter zu ‚zähmen‘, denn nur SIE kann ihn heilen.
Wenn bei Heated Rivalry also etwas fetischisiert wird, dann nicht schwule Männer – sondern Männer, die Frauen* nicht abwerten, kontrollieren oder emotional verletzen.3
Wenn überhaupt wird eine Beziehung fetischisiert, die unabhängig von der sexuellen Beziehung auf Gleichwertigkeit beruht.
Wie fühlt sich Nähe an? Auch Lust entsteht in der Serie durch Blicke, Zögern, Kommunikation, Machtwechsel. Begehren wird nicht auf einen Körper fixiert, sondern zwischen Figuren ausgehandelt.
Sex ist kein Leistungsbeweis, sondern Beziehungsgeschehen. Zuschauer:innen müssen sich nicht selbst im Bild verorten. Es darf beobachtet werden, ohne sich bewerten zu müssen und Begehren wird somit entlastet.
Wäre Heated Rivalry eine weiblich-queere Serie würden wir nicht darüber sprechen
Der Erfolg von Heated Rivalry reiht sich ein in eine popkulturelle Linie: Heartstopper, Young Royals, kulturelle Phänomene wie Larry Stylinson im One-Direction-Fandom. Gleichzeitig fehlen queer-weibliche Hauptgeschichten auffällig oft. Serien wie Teenage Bounty Hunters oder First Kill wurden trotz engagierter Fangemeinden früh abgesetzt. In Heartstopper sind lesbische Figuren präsent, aber dennoch nicht im erzählerischen Zentrum.
Das ist kein Zufall. Weiblich-queere Geschichten entziehen sich gleich doppelt patriarchalen Medienlogiken: Sie bieten weder einen männlichen Identifikationsanker noch einen weiblichen Körper für klassische Objektivierung. Sie gelten als „schwerer vermarktbar“. Heated Rivalry zieht sowohl eine queere Community an, als auch explizit schwule Männer und cis heterosexuelle Frauen. Eine vergleichbare weiblich* realisierte Serie würde weder schwule Männer noch cis heterosexuelle Frauen erreichen. Dieser Fokus auf männlich-queere Geschichten und Narrative folgt logisch aus den patriarchalen Strukturen, in welchen Schwul* sein zwar von der Norm abweicht, aber Lesbisch* sein ignoriert und relativiert wird.
Was sagt der Hype über uns aus?
Der anhaltende Hype zeigt vor allem eines – die Geschichte trifft einen Nerv. Heated Rivalry ist kein Ausreißer, sondern Symptom. Es artikuliert den Wunsch nach Beziehungen ohne Unterordnung, nach Intimität ohne Selbstabwertung, nach Begehren auf Augenhöhe. Gleichzeitig legt der Erfolg offen, wessen Geschichten weiterhin fehlen. Popkultur öffnet wie so oft Räume aber markiert auch ihre Grenzen.
Die Frage ist also nicht und sollte nicht sein, WARUM Frauen* diese Serie lieben. Das ist nicht schwer abzusehen, die Frage ist eher, WAS mit dieser Erkenntnis passiert.
- Selbst die Tagesschau und andere Nachrichtenagenturen berichtet von der Serie. Die Darstellenden durften unter anderen bei den Golden Globes auftreten oder das offizielle olympische Feuer tragen. ↩︎
- In den meisten Artikeln ist von schwulen Männern die Rede und der schwulen Beziehung der beiden Charaktere, allerdings ist Ilya Rozanov offiziell bisexuell, weshalb es sich um eine explizit queere Beziehung handelt ↩︎
- Der nonbinäre Creator Griffin Maxwell Brooks drückt das ganze aus als „If anything, they fetishize men
are not abusing women, and I don’t think we can be mad at that.“ ↩︎
