Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
25.02.2026
7 Min. Lesedauer
Folke Brodersen
In Buch des Monats

“Handbuch queere Jugendarbeit”: Interview mit Folke Brodersen

Wie queere Jugendliche wirklich unterstützt werden können

Viele Jugendeinrichtungen öffnen sich für queere Jugendliche, wobei das häufig zunächst Absichtserklärung, Konzepterweiterung oder die Verwendung des * bedeutet. Reicht das? 

Regenbogenflaggen und gendergerechte Sprache sind Türöffner. Junge Queers achten auf diese Zeichen, auch wenn sie klein in Flyern abgedruckt sind oder als Fahne im Regal stehen. Einrichtungen der Jugendhilfe können queeren Jugendlichen damit signalisieren: „Du bist hier willkommen! Wir sehen vielfältige und queere Lebensrealitäten!“ 

Mit solchen Symbolen geben Jugendeinrichtungen zugleich ein Versprechen ab.  Junge Menschen haben in der Folge zurecht die Erwartung, Ansprechpersonen zu queeren Themen zu finden. Sie dürfen erwarten, mit ihren Anliegen ernst genommen zu werden und Jugendräume mindestens in Teilen mitgestalten zu können.  

Kleine Zeichen können also gelingende erste Schritte für Jugendeinrichtungen sein, queere Perspektiven einzubeziehen – sie müssen aber mit einer ‚ehrlichen Solidarität‘ unterlegt werden. Das heißt: Auseinandersetzung mit queeren Lebensrealitäten, dezidiert abgestelltem und mit Zeit und Sachkosten ausgestattetem Personal sowie der Haltung, den Dialog mit Jugendlichen aufnehmen zu wollen. 

Queere Themen und queere junge Menschen werden gerade politisch wieder zurückgedrängt. Ist die Veröffentlichung des Handbuchs genau jetzt auch ein Statement gegen diesen Trend? 

Im Handbuch bearbeiten zahlreiche Artikel die anstrengende Gleichzeitigkeit, die junge Queers aktuell aushalten müssen. Denn einerseits wird ihnen gegenwärtig ein gutes Leben versprochen. Zumindest in Westdeutschland sagen Politik, Jugendhilfe und Zivilgesellschaft noch: „Ihr dürft hier leben.“ Noch deutlicher sind in den letzten Jahren mediale Darstellungen. Filme und Serien wie ‚Love Simon‘ und ‚Heated Rivalry‘ zeigen den Struggle vor allem normschöner, weißer schwuler Männer. Und sie versprechen zugleich: Finde dich selbst, habe ein Coming out – dann wird alles Gut. 

Dem gegenüber stehen Angriffe auf junge Queers – die von diesen auch zunehmend wahrgenommen werden: Symbolisch und online, aber auch physisch nehmen Gewalttaten im Hellfeld seit Jahren zu. Sie zeigen Queers sehr deutlich: „Ihr seid hier nicht erwünscht.“ Und in Teilen sogar: „Verschwindet von hier – auch als Menschen!“ 

Zwischen diesen widersprüchlichen Aussagen stehen junge queere Menschen. Sie müssen aushalten, dass gesellschaftlich Kämpfe auch um sie geführt werden.

Sie erleben, in welchen unsicheren Zeiten sie leben. Und sie sind zwischen dem Versprechen auf ein gutes Leben und der Drohung der Gewalt und (symbolischen) Auslöschung hin- und hergerissen. 

Das Handbuch will Impulse geben, wie eine Pädagogik darauf reagieren kann. Jugendangebote können nicht die Augen verschließen und nur eine heile Welt inszenieren. Sie müssen annehmen, dass es, wie Tanja Abou in ihrem Beitrag schreibt, sowohl um Queer Joy als auch Reality Checks gehen muss. Eine Queere Jugendarbeit hat die Aufgabe, junge Queers gerade darin zu stärken: Sie dürfen sich selbst positiv erleben und erhalten zugleich Ressourcen, um mit Diskriminierung, Hass und Hetze umzugehen. 

Das Handbuch steht am Ende eines Prozesses, an dem viele Akteur*innen beteiligt waren: Kannst du beschreiben, wie es entstand und warum es euch wichtig ist, dass so viele Menschen beteiligt waren? 

Mit dem Handbuch zeigen wir: Es gibt queere Jugendarbeit! Diese ist bisher kein Teil der Fachdebatte – gleichzeitig gibt es zahlreiche queere Jugendgruppen und queere Jugendzentren. Seit Ende der 1990er etabliert sich in Deutschland eine entsprechende Fachpraxis – darüber berichten Torsten Schrodt, Vanessa Lamm, Kay-Alexander Zepp in Interviews im Handbuch.  

Umso wichtiger war es für Simon Merz und mich in der Herausgabe, die bestehende Fachlichkeit und ihre Perspektiven einzuholen. Wir wollten gemeinsam mit den Expert*innen diskutieren:

  • Was verstehen wir unter queerer Jugendarbeit? 
  • Was sind die zentralen Ziele, Strukturprinzipien und Entwicklungslinien queerer Jugendarbeit? 

Dazu haben wir einen Kick-Off Workshop ausgerichtet. Ausgehend davon duften wir mit zahlreichen spannenden Organisationen und Einzelpersonen ins Gespräch kommen. Sie haben ihre jeweiligen Impulse formuliert, Erfahrungen eingebracht und Konzepte geteilt. Herausgekommen ist ein Buch mit rund 70 Beiträgen, in denen fast 60 Autor*innen nicht nur die Vielfalt innerhalb der queeren Jugendarbeit zeigen, sondern auch ihre Eigenständigkeit und Professionalität. 

Euer Handbuch weist eine wunderbar klare Strukturiertheit auf und beleuchtet das Feld aus verschiedensten Perspektiven. Es ist auch in seinen einzelnen Abschnitten singulär zu nutzen. Was soll das Handbuch bestenfalls bewirken? 

Mit dem Handbuch geben wir einen doppelten Anstoß: Wir weisen Kommunalverwaltungen, Landesämter und Fördermittelgeber auf die Eigenständigkeit queerer Jugendarbeit hin. Diese hat spezifische Effekte, die Claudia Krell und ich in unserem Beitrag statistisch darstellen:

Gegenüber der allgemeinen offenen Jugendarbeit unterstützt die queere Jugendarbeit queere junge Menschen spezifisch darin, Anforderungen hinsichtlich Sexualität und Geschlecht in ihrem Alltag zu gestalten – und kompensiert dabei vor allem die Anstrengungen hoch belasteter junger Queers. Umso wichtiger ist es, dass diese Angebote anerkannt, verstetigt und ausgebaut werden – vor allem in den ländlichen Raum hinein, der weiterhin unterversorgt bleibt.  

Gleichzeitig soll das Handbuch eine Debatte innerhalb der queeren Jugendarbeit eröffnen. Denn selbstkritisch müssen wir festhalten, dass ein Austausch zwischen Fachkräften, der Ausbildung von Jugendgruppenleitungen und der Fachfortbildung zu queerer Jugendarbeit bisher am Engagement von Einzelpersonen hängt. Unser Auftrag ist, das starke Potential der Praxis queerer Jugendarbeit zu teilen – und uns auch den kritischen Fragen zu stellen:

Ist eine explizit auf Coming-out gerichtete Soziale Arbeit heute noch angemessen oder baut sie nicht eher zusätzlich Druck auf? Wie gestalten wir Nähe und Distanz, wenn queere Communities vielfach klein sind und sich Leitungen und Teilnehmende immer wieder sehen?  

In beiden Ansätzen sehen wir dann die Chance, queere Jugendarbeit weiterzuentwickeln. Ausgangspunkte dazu geben auch Mart Busche und Jasmin in ihrem Ausblick auf eine kommende queere Jugendarbeit. 

Warum ist es euch so wichtig, dass Zugänge und Methoden, wie ihr sie im Handbuch vorstellt, immer mit den jungen Queers diskutiert werden? 

Junge Menschen haben ein Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung – und das nicht nur als ethischer Anspruch oder im professionellen Selbstverständnis einer partizipativen Arbeit. Dies ist auch rechtlich verbrieft, etwa in der Kinderrechtskonvention und dem Kinder- und Jugendstärkungsgesetz. Queere Jugendarbeit als Teilbereich der Offenen Jugendarbeit hat somit den mehrfachen Auftrag, Teilhabemöglichkeiten zu schaffen und zu gestalten.  

Im Besonderen sehen wir aber die Aufgabe queerer Jugendarbeit darin, junge queere Menschen zu stärken. Das gelingt gerade nicht, indem wir ihnen Inhalte, Methoden, Lebensweisen und Umgangsweisen vorsetzen. Eine Queere Jugendarbeit soll Möglichkeiten eröffnen, Raum zu gestalten, zu wachsen und auch Teilhabe zu leben. Queere junge Menschen wissen vielfach sehr genau, was sie wollen. Und selbst, wenn sie mit Ansätzen scheitern oder sich in Politiken, Beziehungen oder Themen verrennen, ist dies ihr Recht. Wie alle jungen Menschen auch, muss Aufwachsen für sie ein Moratorium sein, um auch Fehler machen zu können – queere Jugendangebote sind dazu aufgerufen, diesen Raum auch auszuhalten, wie Jaša Grünewald im Beitrag zu ‚Haltung‘ schreibt. 

Wer euer Handbuch gelesen hat, sollte eine umfängliche fachliche Einführung in die Arbeit mit queeren jungen Menschen erhalten haben. Gibt es Themen, die ihr besonders Fachkräften besonders ans Herz legen möchtet? 

Wer sich grundlegend mit queeren Aspekten der Jugendarbeit beschäftigen möchte, findet in den Abschnitten ‚Überblick‘, ‚Ziele‘, ‚Queer‘, ‚Leitung‘ und ‚Ausblick‘ zahlreiche Einblicke in die Lebenswelt von jungen Queers. Diese Beiträge bieten auch Anschlüsse zwischen der Offenen Jugendarbeit und Queerer Jugendarbeit:

  • Wie Queer muss ein Team queerer Jugendarbeit sein?
  • Wie lassen sich die Strukturprinzipien der Offenen Jugendarbeit übersetzen?
  • Und nicht zuletzt: Wie lassen sich Offene Jugendarbeit und Queere Jugendarbeit gut zusammendenken? 

Für Fachkräfte der queeren Jugendarbeit – hauptberufliche wie ehrenamtliche – sind im Handbuch viele weiterführende Inhalte angelegt. Die Abschnitte ‚Konzepte‘, ‚Unterschiede‘ und ‚Angebote‘ führen die Vielfältigkeit queerer Jugendarbeit aus und weisen damit auf Anschlussmöglichkeiten für die eigene Praxis hin. Das betrifft sexuelle und politische Bildung ebenso wie Ferienfreizeiten, Sportangebote und Elternarbeit. Sie diskutieren schließlich, wie eine Jugendarbeit mit der Mehrfachmarginalisierung junger Queers umgehen kann – die eben auch innerhalb von ‚Communities‘ Rassismus, Klassismus und Abwertung aufgrund ihres Aussehens und Körpers (Lookismus) erfahren. 

Das Handbuch endet mit Visionen junger Menschen zu queerer Jugendarbeit – warum dieser Abschluss? 

Das Buch und die Beiträge stehen unter dem Motto: Eine Jugendarbeit, die junge Queers stärkt. Die ihnen Raum gibt, sich zu erkunden, auszuprobieren und zu gestalten. Junge Menschen und ihre Lebenswelten stehen damit im Zentrum – zurecht haben sie mit ihren Visionen, Bedarfen und Wünschen das erste und letzte Wort. 

Wenn also gefragt wird: Was soll queere Jugendarbeit? Dann würde ich immer auf die Worte einer Teilnehmer*in verweisen: 

Queere Jugendarbeit ist für mich der Raum, der es mir ermöglicht hat, mich selbst zu finden in einer Welt, die mir immer und immer wieder vorschreiben wollte, wer und was ich zu sein habe. Es ist der Raum, der es mir erlaubt hat, mich mit anderen auszutauschen und mich von gesellschaftlichen Normen zu befreien. Es ist der erste Ort, an dem ich mich nicht nur zu Besuch oder als Gast gefühlt habe, sondern zuhause und richtig.” 

Folke Brodersen und Simon Merz (Hg.):

Handbuch Queere Jugendarbeit:
Was junge Queers stärkt uns wie wir Offene Jugendarbeit gestalten

etece buch

9783982463667

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Folke Brodersen
Folke Brodersen
Folke Brodersen (alle Pronomen) forscht und lehrt als wissenschatliche*r Mitarbeiter*in unter anderem zu queerer Jugendarbeit und Lebenswelten junger queerer Menschen. Folke ist freiberuflich tätig in Aus- und Weiterbildung für pädagogische Fachkräfte und engagiert sich als Vorständ*in der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung für queere Bewegungen.
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