Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
09.06.2026
4 Min. Lesedauer
Valo Christiansen
In Magazin/ Aus der Praxis

Pronomen entdecken wie neue Kleider 

Viele möchten Neopronomen benutzen, wissen aber nicht genau wie. Im Pronomenkleiderschrank kann nun jeder Mensch üben und Sicherheit erwerben

Testen statt lernen 

Die Online-Anlaufstelle Queer Lexikon hat ein neues Angebot: den Pronomenkleiderschrank. Wie Kleidung können dort Pronomen, Namen und Anrede anprobiert werden, um zu testen, ob sie sich für das eigene Sein richtig anfühlen. Das Konzept an sich ist nicht neu, sondern kommt wie so oft aus dem englischsprachigen Raum. Unterschiedliche Webseiten bieten dort sogenannte Pronomen- und Namenstester an, die Wunschnamen und –pronomen in Fließtexte einsetzen. Für deutschsprachige Menschen gab es bisher nur Tabellen und Übersichten, ergänzt um lediglich eine Anwendung zum Üben von Neopronomen. Immer wieder wurde daher der Wunsch an das Team des Queer Lexikons formuliert, ob wir nicht vielleicht eine Möglichkeit fürs Namens- und Pronomentesten entwickeln können. Finanziell unterstützt durch die Deutsche Postcode Lotterie konnten wir im letzten Jahr diesen Community-Wunsch erfüllen. 

Finde den passenden Namen 

Entscheidet sich ein Mensch, trans oder cis, für einen Namenswechsel, kann das ein langwieriger Prozess sein. Manche Namen fühlen sich vielleicht sofort gut an, andere sind definitiv nicht die Richtigen und bei einigen ist mensch sich unsicher. Jedenfalls stehen nicht alle von uns eines Morgens auf und wissen direkt, wie sie ab sofort heißen möchten. Stattdessen taucht mensch also ein in Namensforen, schreibt Listen, oft noch Zweit- und Drittnamen dazu, bespricht sich vielleicht mit Freund*innen und Familie und fühlt tief in sich hinein, ob das nun eigentlich zum eigenen Selbst passt. Möglichkeiten, neue Namen zu testen, gibt es wenige. Einige fragen Freund*innen, ob sie in der Chatgruppe mit dem Namen über eine*n schreiben können oder mensch bittet die Twitter-/Blue Sky-/Threads-Bubble, den neuen Namen in den Kommentaren auszuprobieren.  

Von binären Geschlechterpronomen zur Pronomenvielfalt – aber wie? 

Dasselbe gilt auch für Anredeformen und Pronomen. In den vergangenen Jahren wurden die lang etablierten Pronomen des Deutschen (z. B. er oder sie) durch zahlreiche Neopronomen (also neue Pronomen) ergänzt. Teilweise entstanden Mischformen wie sier, andere wurden aber auch aus anderen Sprachen entlehnt wie hen aus dem Schwedischen oder wurden aus anderen Sprachen eingedeutscht wie dey und sey vom Englischen they. Andere leiten die Pronomen aus dem Namen ab, dabei wird beispielsweise der Anfangsbuchstabe des Namens als Pronomen benutzt. Fest steht, die Vielfalt der Neopronomen ist groß und jedes einzelne hat wiederum eigene Formen der Deklination. Darüber gibt es glücklicherweise Übersichten wie die von Anna Illi Heger, die es uns erlauben, neue Neopronomen und deren Deklinationen grundsätzlich kennenzulernen. Um selbst den Umgang mit Neopronomen zu üben, gibt es seit 2025 den spielerischen Ansatz von der Seite neopronomen.nrw. Zum Testen eigener neuer Pronomen, Namen und Anrede kommt hier also der neue Pronomen-Kleiderschrank ins Spiel.  

Der Pronomen-Kleiderschranks – eine Anleitung 

„Betritt“ mensch den Pronomen-Kleiderschrank, findet mensch links ein Eingabefeld für den gewünschten Namen, darunter einen Reiter, bei dem eine Anrede ausgewählt werden kann, gefolgt von möglichen Pronomen, die angeklickt werden können. Dabei stehen sowohl lang etablierte Pronomen als auch Neopronomen zur Verfügung. Wer möchte, kann weitere Pronomen anzeigen lassen.

Außerdem kann eingestellt werden, dass die Pronomen im Fließtext hervorgehoben werden. Rechts kann ein Text ausgewählt werden, in dem Namen und Pronomen, sowie gegebenenfalls die Anrede auftauchen.

Zur Wahl stehen zehn verschiedene Texte, die unterschiedliche Lebensphasen und Interessen aufgreifen: Schule, Nach dem Training, Queere Party, Gespräch unter Freund*innen, Fantasy, Ärztliche Praxis, Laudatio Queerer Nobelpreis, Zeitungsartikel, Meeting, Formelle E-Mail. Außerdem kann die vollständige Deklination jedes Pronomens angezeigt werden. Ganz unten auf der Seite werden verschiedene Fragen zu Pronomen und dem Pronomen-Kleiderschrank beantwortet. 

Wie fühlen sich Namen und Pronomen für mich an? 

Ist mensch nun also auf der Suche nach den richtigen Namen, Pronomen und der Anrede für sich (oder ist einfach neugierig), so sucht mensch alles für sich passend aus und wählt einen Beispieltext. Nun erfährt mensch diesen Namen, die Pronomen und die Anrede für sich selbst zum ersten Mal im Gebrauch. Mensch bekommt einen Eindruck, wie es sein könnte, diesen Namen zu tragen und diese Pronomen zu benutzen, erstmals als Herr, Frau, Person oder einfach mit Vornamen und Nachnamen angesprochen zu werden. Durch die verschiedenen Textsorten erlebt mensch dieses mögliche Selbst in verschiedenen Lebenssituationen, um sich möglichst gut einfühlen zu können. Danach können selbstverständlich noch weitere Namen, Pronomen und Anreden ausprobiert werden – und auch bei jedem aufkommenden Zweifel in der Zukunft erneut.  

Noch ein Hinweis zur Barrierefreiheit: Die Texte können auch angehört werden, dafür gibt es rechts oben neben der Textüberschrift einen Button. 

Nutzung und Nutzen für Pädagog*innen  

Auch für Pädagog*innen bietet der Pronomen-Kleiderschrank einige Vorteile und Möglichkeiten. Der offensichtlichste liegt natürlich auf der Hand: Kindern und Jugendlichen kann die Seite empfohlen werden, wenn sie mit ihrem Namen, den Pronomen und/oder der Anrede hadern. Gleichzeitig können aber auch Pädagog*innen testen, wie wohl sie sich mit ihren eigenen Namen, etc. fühlen, und dadurch vielleicht kleine Einblicke bekommen, wie dieses Herausfinden für die Kinder und Jugendlichen ist. Abgesehen davon bietet der Kleiderschrank aber auch die dringend benötigte Möglichkeit, unterschiedliche Neopronomen und geschlechtsneutrale Anreden in Fließtexten zu lesen und ihre Nutzung anwendungsbezogen verstehen.  

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Beyond Binary / VALO
Valo Christiansen
Valo Christiansen (alle Neopronomen) ist Autor*in, Übersetzer*in und Sensitivity Reader*in. Für den Pronomen-Kleiderschrank des Queer Lexikons hat dey die Texte geschrieben und die Pronomentabellen auf eine Art verständlich gemacht, dass die IT-Beauftragten diesen virtuellen Kleiderschrank in die Tat umsetzen konnten. 
Foto: Jeanette Petri
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