„Ich glaube, dass wir zwischen den Geschlechtern keine Unterscheidung mehr machen können in der heutigen Zeit“ erklärte Unionspolitiker Johann Wadephul im ZDF-Morgenmagazin mit Blick auf eine mögliche Wehrpflicht für Frauen.
Was der Außenminister hier sagt, klingt erstmal plausibel: Eine Gesellschaft ohne geschlechtsspezifische Ungleichheit wäre wünschenswert. Dass Gleichberechtigung im punkto Wehrpflicht gefordert wird, zeigt allerdings schnell, dass sie gerne nur dort eingefordert wird, wo sie politisch opportun ist. Der vermeintliche Fortschritt entpuppt sich damit als selektive Gleichstellung, die politische Interessen bedient, statt strukturelle Ungleichheiten zu beseitigen.
Zur Einordnung: Seit dem 1. Januar 2026 sind junge Männer ab Jahrgang 2008 verpflichtet, einen Fragebogen zur Erfassung ihrer Wehrfähigkeit auszufüllen, ab 2027 folgt die verpflichtende Musterung. Dass Frauen hiervon bislang ausgenommen sind, wird nun von Teilen der Politik als Defizit in der Gleichberechtigung markiert.
Gleichheit in der Pflicht – Ungleichheit im Alltag
Die Argumentation folgt einer formal-juristischen Logik: Wenn Artikel 3 des Grundgesetzes festschreibt, dass niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt oder bevorzugt werden darf, müsse das konsequenterweise auch für den Dienst an der Waffe gelten.
Doch die Argumentation blendet zentrale gesellschaftliche Realitäten aus: Eine Gleichberechtigung militärischer Pflichten als Fortschritt oder gar als Feminismus zu inszenieren, während eine geschlechtergerechte Welt nach wie vor Utopie ist, wirkt zynisch – und das ausgerechnet von der Partei, die sich gegen die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen stellt.
Noch immer verdienen Frauen weniger als Männer – im Durchschnitt 37 Prozent. Sie leisten weiterhin den Großteil unbezahlter Care-Arbeit: Frauen* investieren täglich rund 43% mehr Zeit in unbezahlte Sorgearbeit. Gleichzeitig leben Frauen* in ständiger Bedrohung durch geschlechtsspezifische Gewalt. Insgesamt steigen Straftaten gegen Frauen und Mädchen. Sowohl was häusliche Gewalt angeht als auch bei Sexualstraftaten und Hasskriminalität. Alle zwei bis drei Tage tötet ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin und fast jeden Tag wird eine Frau Opfer eines versuchten Tötungsdelikts. Femizide sind also keine Einzelfälle, sondern Ausdruck struktureller Ungleichheit.
Während also Frauen mit ökonomischer Benachteiligung, unverhältnismäßiger Sorgearbeit und der ständigen Bedrohung durch Gewalt kämpfen, fehlt es an Schutzräumen, Frauenhäuser sind überlastet und Präventionsarbeit bleibt unterfinanziert.
Ausgerechnet die militärische Pflicht zur Verteidigung wird nun als Feld der Gleichberechtigung inszeniert. Hier wird Gleichheit dort gefordert, wo sie strategischen Zielen dient, während an den Stellen, an denen massiv in den Schutz und die Teilhabe von Frauen investiert werden müsste, gezögert oder gar Leistungen abgebaut werden.
Wenn Frauenrechte politisch instrumentalisiert werden
Diese selektive Berufung auf Gleichstellung ist kein neues Phänomen. Frauenrechte werden immer wieder instrumentalisiert, um andere Ziele zu verfolgen – etwa nationale oder migrationsfeindliche Maßnahmen.
Die Soziologin R. Farris beschreibt dieses Phänomen als „Femonationalismus“. In ihrer Studie In the Name of Women’s Rights – Rise of Femonationalism (2017) beschreibt sie, wie Frauenrechte rhetorisch instrumentalisiert werden, um rassistische und fremdenfeindliche Politiken moralisch aufzuwerten.
Die Logik dahinter ist nicht neu. Schon der mediale Umgang mit der Kölner Silvesternacht 2015/2016 hat gezeigt, inwiefern der Schutz von Frauen genutzt wird, um migrationsfeindliche Ressentiments zu schüren. Wenn Politiker wie Friedrich Merz von „unsere Töchter“ sprechen oder rechte Parteien mit Slogans wie „Mehr Sicherheit für unsere Frauen und Töchter“ werben, wird dasselbe Schutz-Narrativ aktiviert: Frauenrechte erscheinen vor allem dann politisch relevant und verteidigenswert, wenn sie sich gegen eine vermeintliche Bedrohung von außen mobilisieren lassen.
Die Normalisierung der „Kriegstüchtigkeit“
Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Gleichberechtigung bedeutet nicht, Frauen einfach in eine militarisierte Ordnung einzubinden. Sie bedeutet, patriarchale Gewalt zu bekämpfen, ökonomische Abhängigkeit zu beenden und soziale Sicherheit zu stärken.
Solange diese strukturellen Probleme bestehen und sogar verstärkt werden, wird die Forderung nach einer „geschlechtergerechten Wehrpflicht“ vor allem als Werkzeug politischer Interessen genutzt, ohne dass sie echten Fortschritt für Frauen* bringt.
Die Debatte um die weibliche Wehrpflicht ist daher kein Zeichen von Gleichstellung, sondern ein Symptom einer tieferliegenden Entwicklung: der gesellschaftlichen Normalisierung von Kriegstüchtigkeit. Aufrüstung wird nicht nur technisch vorbereitet, sondern auch kulturell – über Narrative, die militärische Mobilisierung als selbstverständliche staatsbürgerliche Pflicht darstellen.
Eine Gleichberechtigung, die vor allem dann eingefordert wird, wenn sie Aufrüstung legitimiert, wirft am Ende weniger Fragen über Geschlechtergerechtigkeit auf als über die politischen Interessen, in deren Namen sie plötzlich verhandelbar wird.
