Das Magazin für Geschlechtergerechtigkeit
08.10.2026
5 Min. Lesedauer
Nick Hampel
In Aus der Praxis

Warum ein Social Media Verbot jungen Queers eher schadet als hilft 

Ein Plädoyer für den digitalen Raum

Queere Jugendliche leben digital – aber meistens nicht freiwillig 

Was hat ein leeres TikTok-Profil mit queerer Selbstfindung zu tun? Warum verkennt „Sei mal weniger online“ die Realität vieler queerer Jugendlicher? Und warum nutzen so viele junge Queers Soziale Netzwerke, obwohl sie dort so viel Hass erleben? 

Wenn der nächste queere Jugendtreff zu weit weg ist

Queere Jugendgruppen und Jugendzentren können für junge Queers unglaublich wichtig sein. Dort können sie andere Jugendliche kennenlernen, die ähnliche Fragen, Erfahrungen oder Lebensrealitäten mitbringen. 

Das Problem ist: Solche Orte gibt es längst nicht überall. 

Quelle: Wen und was erreicht queere Jugendarbeit?, 2022 

Im Fachartikel „Wen und was erreicht queere Jugendarbeit?“ haben die Autor*innen 2022 auf Basis einer umfangreichen Webrecherche die damals auffindbaren queeren Jugendgruppen und Jugendzentren in Deutschland kartiert. Die dazugehörige Grafik ist zwar inzwischen einige Jahre alt, zeigt aber ein Grundproblem sehr deutlich: Queere Jugendangebote konzentrieren sich stark auf Städte und Ballungsräume. In vielen ländlicheren Kreisen gibt es schlicht kein erreichbares Angebot. 

Diese Recherche deckt sich mit anderen Studien. So kam das DJI-Forschungsprojekt „Coming-out – und dann…?!“ bereits 2015 zu dem Ergebnis, dass 30 Prozent der befragten Jugendlichen keine erreichbare LSBT* Einrichtung in ihrer Umgebung haben. In der bayerischen Studie „HOW ARE YOU?“ (2024) gaben 25,8 Prozent der Befragten an, kein queeres Jugendzentrum zu besuchen, weil es keines in ihrer Nähe gibt. Die Studie beschreibt außerdem, dass queere Angebote häufig in großen Ballungsräumen liegen und im ländlichen Raum teilweise komplett fehlen. 

Gerade 14- bis 17-Jährige können aus Mobilitätsgründen Angebote seltener erreichen. 

Immer nur ein paar Sekunden entfernt: Der digitale Raum

Wenn queere Jugendangebote vor Ort fehlen, ist einer der größten Vorteile des digitalen Raums ziemlich simpel: Er ist nicht an einen Ort gebunden. 

Gerade für Jugendliche, die in ländlichen Regionen leben oder keinen Zugang zu lokalen queeren Strukturen haben, kann das Internet dadurch eine Lücke füllen. 

Auch zeitlich sind digitale Räume anders erreichbar. Analoge Angebote haben Öffnungszeiten. Das ist normal und wichtig, weil dahinter Menschen stehen, die diese Räume betreuen. Aber Fragen zur eigenen Identität halten sich nicht immer an Donnerstage von 18 bis 20 Uhr. Manchmal kommt die Unsicherheit abends. Manchmal nach einem Kommentar in der Schule. Manchmal mitten in einer Phase, in der man noch nicht bereit ist, mit einer Person aus dem eigenen Umfeld zu sprechen. 

Neben der örtlichen und zeitlichen Flexibilität gibt es noch einen weiteren großen Vorteil: Digitale Räume ermöglichen es, sich erstmal ranzutasten. 

Gerade am Anfang der eigenen Selbstfindung kann es eine große Hürde sein, in eine Gruppe vor Ort zu gehen und dort präsent zu sein. Online kann der erste Schritt kleiner sein: Coming-Out Videos auf YouTube anschauen, oder vielleicht heimlich immer mal wieder über Suchmaschinen nach Begriffen wie „Bin ich lesbisch?” suchen.  

Das DJI-Projekt „Coming-out – und dann…?!“ beschreibt, dass das Internet im Coming-out-Prozess eine wichtige Rolle spielt, weil Jugendliche dort „anonym und heimlich“ Informationen recherchieren können, wenn sie noch mit niemandem darüber sprechen wollen oder können. 

Eng damit verbunden ist die Kontrolle über die eigene Sichtbarkeit und Preisgabe von Informationen. Drei konkrete Beispiele: 

Vorbilder finden über TikTok

Eine Person kann sich zum Beispiel ein TikTok-Profil ohne Bild, ohne Klarnamen und ohne Beschreibung anlegen und damit queeren Content-Creator*innen folgen. Sie kann andere Lebensmodelle kennenlernen, Coming-out-Geschichten hören oder einfach sehen: Es gibt Menschen wie mich. Ohne selbst schon etwas posten oder von sich erzählen zu müssen. 

Das digitale Beratungsangebot ‚Queersupport’ nutzen

Eine andere Person möchte vielleicht konkreter über die eigene Unsicherheit sprechen und wendet sich an ein vertrauliches Beratungsangebot, zum Beispiel an den Queersupport von Lambda. Dort reicht eine E-Mail-Adresse, um mit queeren Peer- und Fachberater*innen in Kontakt zu treten und Fragen zur eigenen Identitätsfindung oder zum Coming-out zu stellen. 

Das digitale queere Jugendzentrum ‚Lambda Space’ besuchen

Und wieder eine andere Person entscheidet sich vielleicht bewusst dafür, sichtbarer zu werden. Sie registriert sich im digitalen queeren Jugendzentrum, legt ein Profil an und zeigt dort so viel von sich, wie sich gerade richtig anfühlt. Vielleicht erzählt sie nur ein bisschen was zu ihren Hobbys und gibt an, welche Pronomen sie nutzt. Vielleicht lädt sie auch ein Profilbild hoch. Vielleicht gibt sie sogar den groben Wohnort an, um andere junge Queers aus der Nähe kennenzulernen. 

All diese Wege sind unterschiedlich sichtbar. Aber genau darin liegt die Stärke: Es gibt nicht nur die eine große Entscheidung zwischen „versteckt bleiben“ und „komplett geoutet sein“. Digitale Räume können Zwischenschritte ermöglichen, die im analogen Raum nicht existieren. 

Und noch kurz ein Punkt, der uns sehr wichtig ist: Digitale queere Jugendarbeit ist kein Ersatz für analoge Angebote. Wir brauchen Jugendgruppen, Jugendzentren, Freizeitangebote und Beratungsstellen vor Ort. Und zwar nicht weniger, sondern mehr. Dass gerade in der queeren Jugendarbeit immer wieder gekürzt wird, sehen wir mit großer Sorge. 

Das Netz darf nicht nur denen gehören, die daran verdienen

Bei all den schönen Seiten am Internet dürfen wir den digitalen Raum nicht romantisieren.  

Viele der großen Plattformen, auf denen junge (queere) Menschen heute unterwegs sind, werden von milliardenschweren, gewinnorientierten Konzernen betrieben. Diese Unternehmen haben das Potenzial digitaler Räume früh erkannt und daraus Infrastrukturen gebaut, die für viele Menschen inzwischen fast unverzichtbar geworden sind.  

Gerade für queere Jugendliche ist das ein Problem. Sie können dort zwar Informationen, Vorbilder und Community finden, gleichzeitig sind sie aber auch Hass, Queerfeindlichkeit, süchtigmachenden Algorithmen und mangelndem Jugendschutz ausgesetzt. 

Mit unserem digitalen queeren Jugendzentrum lambda space wollen wir ein Gegenangebot schaffen: gemeinnützig, jugenddemokratisch organisiert, durch Fachpersonal begleitet und mit dem klaren Ziel, einen möglichst sicheren digitalen Raum für queere Jugendliche anzubieten. Gerade für all die, die in ihrem Umfeld keine sicheren Orte haben. 

Inzwischen sind bereits über 700 queere Jugendliche auf lambda space angemeldet. Doch je mehr Jugendliche wir betreuen, desto größer werden auch unsere Kosten. Deshalb suchen wir dringend nach Pat*innen, die uns helfen, unser Angebot zu finanzieren.  

Daher hier zum Schluss noch der kurze Appell: Wenn Sie auch der Meinung sind, dass queere Jugendliche sichere digitale Räume brauchen, werden Sie Pat*in. 

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Nick Hampel
Nick Hampel
Nick Hampel ist stellvertretende Geschäftsführung beim Jugendnetzwerk Lambda e. V. und Projektleitung von lambda space. Als Teil der Generation Z hat er selbst erfahren, welche Chancen, aber auch Risiken der digitale Raum für queere Jugendliche mit sich bringt. Sein akademischer Hintergrund liegt in Organisationsführung und Öffentlichkeitsarbeit; derzeit studiert er nebenberuflich Wirtschaftspsychologie im Master.

Angebote | Lambda Bundesverband

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