Was ist „Nicht-Binarität“? Wie sehen Lebensrealitäten und Bedarfe nicht-binärer junger Menschen aus? Wer einen Überblick sucht, sowie Impulse und Handlungsempfehlungen für die eigene pädagogische Arbeit, wird hier fündig: Denn jede*r Einzelne kann dazu beitragen, ein unterstützendes Umfeld für nicht-binäre Kinder und Jugendliche zu schaffen.
Was bedeutet Nicht-Binarität?
„Nicht-binär“ ist ein Überbegriff und beschreibt Menschen, die sich jenseits, außerhalb oder zwischen den allgemein angenommenen binären Geschlechtern (weiblich und männlich) verorten. Manche nicht-binäre Personen bezeichnen sich selbst auch als trans* und/oder intergeschlechtlich, andere nicht. Manche benutzen weitere Begriffe, z.B. agender, genderfluid, two-spirit, enby, genderqueer oder bigender um ihr Geschlecht genauer zu beschreiben und andere wollen sich überhaupt nicht geschlechtlich ein- oder zuordnen.
Und so wie sich Selbstbezeichnungen überschneiden, miteinander verweben oder voneinander abgrenzen können, sind auch die Lebensrealitäten, Erfahrungen und Bedarfe von nicht-binären Personen sehr individuell und vielfältig. Festgehalten werden kann jedoch, dass nicht-binäre Menschen mit ihrem geschlechtlichen Selbstverständnis grundlegend aus dem gesellschaftlich nach wie vor etablierten Zwei-Geschlechter-System herausfallen und dadurch in ihrem Alltag auf verschiedensten Ebenen erheblicher Diskriminierung ausgesetzt sind.
Der erste Ansatzpunkt für unterstützendes Handeln liegt also in der eigenen Sensibilisierung und einer kritischen Reflexion von normativer Zweigeschlechtlichkeit, sowie in einem Schaffen von Möglichkeitsräumen außerhalb der Zwei-Geschlechter-Ordnung.
Sprache verändern
Viele nicht-binäre Kinder und Jugendliche leiden vor allem darunter, dass ihre bloße Existenz durch die alltägliche Reproduktion von Zweigeschlechtlichkeit grundlegend infrage gestellt und ignoriert wird. Eine wichtige Rolle spielt hierbei der Umgang mit Sprache. Überlege einmal, an welchen Stellen in deiner pädagogischen Arbeit du sprachlich von Zweigeschlechtlichkeit ausgehst und finde geschlechtsneutrale Alternativen. Für nicht-binäre Kinder oder Jugendliche kann sich ein „Mädels und Jungs, der Bus kommt“ bestenfalls überflüssig, aber auch sehr schmerzhaft anfühlen, denn es sind die vielen kleinen Ansprachen, die ihnen täglich unterschwellig signalisieren: „Wir sehen dich nicht!“ oder „So wie du bist, bist du nicht ok“. Sprachliche Gewohnheiten zu ändern braucht vielleicht etwas Zeit, lässt sich aber ganz hervorragend im Alltag üben. Dies gilt auch für den Umgang mit Ansprachen und Pronomen.
Übe einmal, ohne Pronomen über eine Person zu sprechen und wiederhole stattdessen den Namen. Informier dich über Neopronomen (z.B. „dey/deren“ oder hen/hem) und probiere aus, diese zu verwenden. Hinterfrage, wie du über dir unbekannte Personen sprichst. Statt „die Frau da drüben“ könntest du sagen „da, die Person mit dem roten Schal“ und komme damit ohne die Zuordnung eines Geschlechts aus.
Neutrale Bezeichnungen wie diese lassen offen, dass die Person, männlich, weiblich oder auch nicht-binär sein könnte und stellen außerdem klar, dass nur jeder Mensch selbst Auskunft über die für ihn passende Selbstbezeichnung geben kann und dies nicht von außen erkennbar ist. Auch das Gender-Sternchen zu nutzen und von „Schüler*innen“ zu sprechen, statt von „Schülerinnen und Schülern“ zeigt nicht-binären jungen Menschen: „Wir sehen, dass es dich gibt!“ und ist damit ein wichtiges Signal der Akzeptanz.
Hürden abbauen und Räume öffnen
Zweigeschlechtlichkeit wird im alltäglichen Handeln und in den Strukturen von Institutionen auf viele Arten reproduziert und kann grundlegende Hürden schaffen, die junge Menschen davon abhalten können, Einrichtungen zu besuchen. Wenn es in einer Schule neben der Mädchen- oder Jungentoilette keine geschlechtsneutrale Alternative gibt, kommt es vor, dass junge Menschen der Schule fernbleiben oder an einem langen Schultag nichts trinken, um nicht auf die Toilette zu müssen, wenn sie sich dort nicht wohl und sicher fühlen können. Hier wird Teilhabe massiv verhindert und viele Einrichtungen haben inzwischen All-Gender-Toiletten (Toiletten für alle Geschlechter) eingerichtet, um an dieser Stelle Diskriminierung abzubauen.
Hinterfrage generell, ob und warum das Einordnen, Abfragen und Einteilen in Geschlechter im pädagogischen Alltag überhaupt nötig ist und lass es im Zweifel bleiben. Lässt sich eine Abfrage von Geschlecht, z.B. in einem Anmeldeformular, nicht vermeiden, stell sicher, dass es neben „weiblich“ und „männlich“ weitere Optionen und idealerweise ein Freifeld für die passende Selbstbezeichnung gibt. Frag dich auch, wofür genau du diese Angabe überhaupt erhebst und mach transparent, wie sie weiterverwendet wird.
Gibt es in deiner Einrichtung geschlechtergetrennte Angebote? Reflektiere kritisch warum und wie du diese konzipierst, wie du die Zielgruppe definierst und welche Annahmen über Geschlecht und geschlechtsspezifische Erfahrungen in der Zielgruppendefinition stecken. Haben trans*, inter und nicht-binäre Teilnehmer*innen hier selbstverständlich Platz und haben sie auch die Möglichkeit, sich in den Inhalten des Angebots wiederzufinden? Trifft dies auch auf mehrfachmarginalisierte Teilnehmer*innen zu, die in ihrem Alltag z.B. zusätzlich Rassismus erfahren oder be_hindert werden? Es lohnt sich, solche grundlegenden Fragen auch aus intersektionaler Perspektive zu stellen und die eigenen pädagogischen Konzepte entsprechend anzupassen, um Diskriminierung und Ausschlüsse zu verhindern.
Vorbild und Ansprechperson sein
Wenn du die Existenz von nicht-binären Personen benennst, ihre Bedarfe im pädagogischen Alltag mitdenkst und Unterstützungsbereitschaft signalisierst, machst du dich als Ansprechperson sichtbar und ermöglichst dadurch, dass sich nicht-binäre junge Menschen ihrem Umfeld anvertrauen und ihre Identität auch nach außen zeigen können. Du kannst dabei helfen, die allgemeine Akzeptanz innerhalb der eigenen Einrichtung zu fördern, indem du eine Vorbildfunktion einnimmst.
Mach es vor: Stell dich selbst mit deinem Namen und deinen Pronomen vor und frage Personen, die du neu kennenlernst, welches die richtigen Pronomen sind, um über sie zu sprechen.
Würde dies in ihrem Umfeld Irritationen auslösen? Super, dann hast du gleich einen Gesprächsanlass geschaffen, um zu thematisieren, dass es eben nicht nur zwei Geschlechter gibt und du einer Person ihr Geschlecht nicht ansehen kannst. Verinnerliche, warum dir diese Haltung wichtig ist und du wirst auch auf eventuelle Ignoranz oder Feindseligkeit mit klaren Argumenten reagieren können.
Wenn du von nicht-binären Kindern und Jugendlich weißt, schaue hin, höre zugewandt zu und suche gemeinsam nach Wegen, um mit Herausforderungen umzugehen. Besprich mit der Person am besten vorab, welche Reaktion sie sich wünscht, wenn Misgendering passiert. Reagiere konsequent, wenn abwertende oder diskriminierende Äußerungen fallen (nicht nur dann, wenn nicht-binäre Personen anwesend ist) und mach deutlich, dass diese in deiner Einrichtung keinen Platz haben. Überlege, welche Unterstützung du anbieten kannst, falls die*der Jugendliche sich z.B. Fragen zu einer rechtlichen oder medizinischen Transition stellt. Dabei musst du nicht alle Antworten selbst kennen, sondern kannst auf Anlaufstellen wie z.B. Trans*Beratungsstellen verweisen oder sich dort selbst Rat holen.
