Svenja, deine Studie untersucht das Feld der Kindertagesbetreuung aus Geschlechterperspektive – warum gerade dieses Feld?
Das hat biografische Gründe: Als ich die Promotion begann und ein Thema suchte, hatte ich bereits zwei kleine Kinder. Ich wollte unbedingt die Krippe nutzen und fand die Leistungen, die diese Handlungsfelder und ihre Fachkräfte erbringen, wahnsinnig beeindruckend. Dennoch fiel mir auf, dass Geschlecht immer implizit mit den Kindern ein Thema ist und explizit mit den pädagogischen Fachkräften und Eltern. Als ich recherchierte, merkte ich, dass es keine Studien dazu gab, aber viele Annahmen, die zumeist auf Geschlechterstereotypen basierten. Ich wollte wissen, nach welchen Prämissen die pädagogischen Fachkräfte in diesem Feld handeln und welche Bedeutung das Geschlecht für sie einnimmt.
Du untersuchst in deiner Studie Herstellungsprozesse von Geschlecht durch die Fachkräfte: Welchen Fragen genau bist du nachgegangen und was hat dich im Kern interessiert?
Im Hinblick auf die ganzen Geschlechterstereotype wollte ich zuallererst wissen, welche Deutungsmuster die pädagogischen Fachkräfte in Bezug auf Geschlecht haben. Diese Frage beinhaltete für mich die Fragen danach,
- welche Bedeutung dem Geschlecht in den verschiedenen Gruppen beigemessen,
- wie Geschlecht im pädagogischen Alltag einbezogen wird,
- welche Sichtweisen auf Geschlecht vorhanden sind und
- welche Rolle die Ausbildung spielt.
Im Grunde wollte ich den IST-Zustand erheben, um danach Schlüsse zu ziehen.
Du hast untersucht, warum und wie Fachkräfte mit Geschlechterfragen umgehen – was sind zentrale Ergebnisse dazu?
Die zentralen Ergebnisse lassen sich in mehrere Schritte unterteilen.
Die pädagogischen Fachkräfte wollen unbedingt Anforderungen nach Geschlechterreflexivität erfüllen. Da sie nicht wissen, wie sie das konkret machen können, haben sie verschiedene Strategien entwickelt, Geschlecht entweder als bereits bearbeitet oder als nicht bearbeitungsnotwendig darzustellen.
Ich nenne das die pädagogische Irrelevanzdemonstration. Ich habe drei Strategien identifiziert. Das Überraschende für mich war: Alle Fachkräfte nutzen abwechselnd alle drei Strategien! Das hat nochmals gezeigt, dass es in der Hauptsache um das Ziel geht, sich nicht pädagogisch mit Geschlecht auseinandersetzen zu müssen. Daraus lässt sich die Frage ableiten: Warum ist es so wichtig für die Fachkräfte die Irrelevanz zu demonstrieren? Die Antwort hierauf liegt in der Entstehung des Kita-Feldes: Kein anderes Handlungsfeld ist in den letzten zwanzig Jahren derart mit Professionalisierungsanforderungen überhäuft worden – und das aus allen Richtungen: politisch, gesellschaftlich, wissenschaftlich. Die Akteur*innen haben eine enorme Professionalisierung hinter sich. Um diesen Status zu sichern und weiter in Care-Berufen derart engagiert tätig zu sein, müssen sie die Anforderungen bündeln, um sich professionell zu fühlen. Professionalität ist nämlich häufig mit Attributen wie Sicherheit, Kenntnissen und Wissen verbunden. Geschlecht ist nur eine der Anforderungen, die gebündelt wird.
Zu den Strategien, mit denen Irrelevanz demonstriert wird:
- Erstens ist die individualisierende Strategie zu nennen. Hier wird Geschlecht irrelevant, weil die Kinder individuell betrachtet werden, somit ist die Strukturkategorie Geschlecht nicht mehr zu bearbeiten, weil Individualität des Kindes als Norm wichtiger erscheint als die Strukturen, in die es eingebettet ist.
- Zweitens folgt die affirmativ-normalisierende Strategie. Hier wird angenommen, dass Geschlecht nicht bearbeitet werden muss, weil Mädchen* und Jungen* nun einmal unterschiedlich seien und dies auch seine Berechtigung und seine Vorteile habe – für gesellschaftliche Ordnung, für Lebensläufe, für Weiblichkeit* und Männlichkeit*.
- Drittens bleibt die räumlich-egalisierende Strategie. Hier wird Geschlecht nicht bearbeitet, weil die Fachkräfte davon ausgehen, dass außerhalb der Kita Geschlechterstereotype eine Bedeutung haben, eine Ungleichbehandlung aber innerhalb der Räumlichkeiten der Krippe nicht erfolgt.
Hier wird bereits sichtbar, dass die Fachkräfte einem affirmativen Vielfaltsverständnis folgen, was auf gesellschaftliche Diskurse zurückzuführen ist. Sie haben gelernt, Diversität als Stärke zu betrachten und der Diskurs in Kitas befasst sich wenig mit Diskriminierungen und strukturellen gesellschaftlichen Mechanismen, aber viel mit dem individuellen Kind.
Kannst du sagen, inwieweit und wie deine Ergebnisse für Geschlechterdiskurse in der Kindertagesbetreuung von Relevanz sind?
Die Ergebnisse zeigen, dass wir alle immer Teil von gesellschaftlichen Diskursen sind, gerade in Care-Berufen. Wir sind auch Teil von Organisationen und müssen damit umgehen, dass sorgende Berufe nicht so gut ausgestattet sind, wie andere Felder. Aus meiner Sicht gibt es somit strukturelle Aufträge für eine bessere Ausstattung von Kitas über Gewerkschaften etc. zu erkämpfen und somit die Erkenntnisse der Professionalisierung zu sichern. Auf der Ebene der Organisation kann diese an verschiedenen Schlüsselthemen arbeiten und im Team reflektieren, wie sie selbst mit diesen umgehen. Die Ergebnisse der Studie sind z.B. praxisnah aufbereitet worden, in einer Broschüre, die zum kostenlosen Download zur Verfügung stehen. Leider kommen auch die Fragen nach Geschlechterreflexivität nicht ohne den individuellen Einsatz der Fachkräfte hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsentwicklung aus. Das bedeutet, dass jede Fachkraft für sich reflektieren könnte, wie sie selbst Geschlechterdarstellungen erlernt hat, wie ihr Blick auf Mädchen* und Jungen* ist und was sie von ihnen unbewusst erwartet. Auch stellt sich die Frage, ob Geschlecht nicht doch an der einen oder anderen Stelle eine hohe Relevanz hat, obwohl die Bearbeitung erst einmal als zu schwer betrachtet wird. Pädagogische Antinomien, also Widersprüche, gehören zum Arbeiten dazu und bleiben häufig unauflösbar. Somit wäre vielleicht das Ziel, nicht immer für alles die ideale Lösung zu suchen und gerade deswegen professionell zu sein.
Für die konkrete pädagogische Praxis wird durch meine Arbeit deutlich, dass die Bedeutung von Spielmaterialien, verbalen Adressierungen, Kommunikation mit Sorgetragenden, die eigene Sorgeberuflichkeit und die Reflexion der Entwicklungsnorm Möglichkeiten sind, Geschlechterreflexivität zu erlernen und nicht als bereits bearbeitet zu markieren.
Wenn du eine zentrale Erkenntnis rausstellen dürftest, welche wäre das?
Meine zentrale Schlussfolgerung ist, dass wir andere Wege der Wissenschaftskommunikation finden müssen, die konkretes Handeln in der pädagogischen Praxis imaginiert und ermöglicht. Bisher haben wir zu abstrakte Vorschläge, wie geschlechterreflexives – oder auch diversitätsreflexives – Handeln in der Pädagogik erfolgen und sich so zwischen den Polen von Normalisierung, Dekonstruktion und Empowerment bewegen kann.
Als ein Anschlussprojekt wurde die Plattform diversityspace.de entwickelt, die sich damit befasst, was sog. diversitätsreflexive Spielmaterialien zur Bildung von pädagogischen Fachkräften beitragen können. Ich wünsche mir, dass wir alle daran arbeiten, einen kritischen Diversitätsbegriff zu entwickeln, der Diskriminierung anerkennt, eigene Privilegien reflektiert, reproduzierende Stereotype (Reifizierungen) vermeidet und Vielfalt als Normalität anerkennt, ohne diese zu verklären.

Demonstrating Gender: Geschlechterkonstruktionen im kindheitspädagogischen Alltag
Beltz Juventa
978-3-7799-7325-6
